Pfaffensteigtunnel vor dem Anstich: Protest gegen 15 Monate Gäubahn-Unterbrechung
Am Flughafen Stuttgart soll am Montag, 12. Oktober, der Pfaffensteigtunnel offiziell angestochen werden. Doch statt Baustellenstimmung kündigt sich Protest an: Das Pro-Gäubahn-Landesbündnis ruft gemeinsam mit dem Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 und der Schutzgemeinschaft Filder zu einer Demonstration gegen den geplanten Baubeginn auf. Treffpunkt ist um 9:30 Uhr an der Endhaltestelle der U6 „Messe“ am Flughafen Stuttgart.
Der Ärger richtet sich vor allem gegen die Deutsche Bahn und die Politik. Nach Darstellung des Bündnisses seien zahlreiche Kritikpunkte bislang unbeantwortet geblieben. Ein offener Brief des Landesbündnisses an DB-Vorstandsvorsitzende Evelyn Palla und Klaus Müller von der S21-Projektgesellschaft Stuttgart–Ulm vom 11. August sei ohne Antwort geblieben. Beim Tunnelanstich sollen neben Evelyn Palla auch Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU), Landesverkehrsministerin Nicole Razavi (CDU) und Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) dabei sein.
Streit um fehlendes Baurecht und lange Unterbrechung
Das Bündnis führt rechtliche, verkehrliche, finanzielle und ökologische Bedenken an. Besonders heikel ist aus seiner Sicht der entscheidende Planfeststellungsabschnitt 2. Für ihn bestehe bislang kein Baurecht. Dieser Abschnitt betrifft den Anschluss des Pfaffensteigtunnels an die bestehende Gäubahnstrecke in Böblingen. Die Stadt Böblingen hat dazu eine 37-seitige Stellungnahme mit erheblichen Einwänden gegen die Planung vorgelegt.
Nach der derzeitigen Planung würde der Anschluss des Tunnels an die Gäubahn den durchgehenden Verkehr rund 15 Monate lang unterbrechen. Züge aus Zürich, Konstanz, Singen, Rottweil und Freudenstadt könnten dann nicht bis Stuttgart fahren, sondern müssten in Böblingen enden. Auch der S-Bahn-Verkehr wäre betroffen. Für Fahrgäste hieße das voraussichtlich: 15 Monate lang raus aus dem Zug und hinein in den Schienenersatzverkehr. Das ist kein kleiner Umweg, sondern eine ziemlich lange Durststrecke.
Hinzu kommen die Kosten und die Klimabilanz. Die Finanzierung des Pfaffensteigtunnels soll den Bund voraussichtlich rund 3,5 Milliarden Euro kosten. Für den Bau werden nach den im Artikel genannten Berechnungen rund 600.000 Tonnen CO₂-Äquivalente veranschlagt.
Ein Tunnel für Flughafen, Messe und Gäubahn
Der Pfaffensteigtunnel ist Teil des Projekts Gäubahnausbau, offiziell ABS/NBS Stuttgart–Singen–Grenze D/CH, Abschnitt Nord. Geplant ist eine rund 11 Kilometer lange, zweiröhrige Verbindung mit jeweils einem Gleis pro Röhre. Sie soll den Stuttgarter Flughafen-Fernbahnhof mit der bestehenden Gäubahnstrecke verbinden. In den Planungen von DB Engineering & Consulting ist von etwa 11,5 Kilometern die Rede – damit würde der Tunnel zu den längsten Eisenbahntunneln Deutschlands zählen.
Die Ausbaustrecke führt von Stuttgart bis zur deutsch-schweizerischen Grenze. Der nördliche Ausbauabschnitt umfasst eine zweigleisige Neubaustrecke zwischen Stuttgart-Flughafen/Messe und Böblingen-Goldberg. Nach dem Haltepunkt Böblingen-Goldberg sind rund 2,5 Kilometer oberirdische Strecke mit Linienverbesserungen für höhere Geschwindigkeiten vorgesehen. Bestehende Brücken sollen angepasst werden, außerdem sind ein Überwerfungsbauwerk, Trog- und Stützwände sowie weitere Ingenieurbauwerke geplant.
Ab dem geplanten Abzweig Mönchsbrunnen soll die Strecke im rund 11,5 Kilometer langen Pfaffensteigtunnel verschwinden und am Ostkopf des neuen Bahnhofs Stuttgart Flughafen Fernbahnhof enden. Dabei würde der Tunnel unter anderem die Neubaustrecke Stuttgart–Ulm und die Autobahn A8 unterqueren. Zwei eingleisige Röhren, regelmäßig angeordnete Verbindungsbauwerke und zwei Zufahrten für Rettungskräfte gehören zum Konzept. Die geplante Entwurfsgeschwindigkeit beträgt 160 km/h – schneller als bei einer oberirdischen Streckenführung.
Mehr Tempo im Fern- und Regionalverkehr
Der Ausbau der Gäubahn für den Deutschlandtakt gilt als zentral für den Ausbau des Schienenverkehrs im Südwesten. Das Projekt ist Bestandteil des Koalitionsvertrags der grün-schwarzen Landesregierung. Auch die Mitglieder des Interessenverbands Gäu-Neckar-Bodensee-Bahn stimmten dem Ausbau einstimmig zu. Im Bedarfsplan für die Bundesschienenwege ist der Ausbau als vordringlich eingestuft; damit gilt das Projekt nach dem Bundesschienenwegeausbaugesetz als im „überragenden öffentlichen Interesse“. Auch im Bundesverkehrswegeplan ist die Ausbaustrecke Gäubahn als Vorhaben des vordringlichen Bedarfs enthalten.
Der Pfaffensteigtunnel soll die Fahrzeit zwischen der Schweizer Grenze und Stuttgart verkürzen und die Anschlüsse der Gäubahn in Zürich, Stuttgart sowie an wichtigen Zwischenbahnhöfen verbessern. Reisende aus dem Gäubahn-Gebiet, insbesondere aus Böblingen, sollen am Flughafen am selben Bahnsteig in schnelle Züge Richtung Ulm und München umsteigen können. Für die Fahrt vom beziehungsweise zum Flughafen ist eine Verkürzung von derzeit 22 auf etwa 7 Minuten vorgesehen.
Neben dem Fernverkehr sollen auch die Regionalzüge profitieren. Der Regionalverkehr soll schneller verkehren als heute, alle bestehenden Haltepunkte sollen durch den Gäubahnausbau schneller bedient und erreicht werden. Der nördliche Abschnitt soll den Fernverkehr im Großraum Stuttgart beschleunigen und ihn auf rund zwölf Kilometern vom S-Bahn-Verkehr trennen. Die gesetzlich vorgeschriebene Nutzen-Kosten-Untersuchung für den Ausbau fiel positiv aus.
Planen im Partnerschaftsmodell
DB Engineering & Consulting wurde mit der Vorplanung für den nördlichen Abschnitt beauftragt. Seit November 2021 überführt das Unternehmen die übergebenen Grundlagen in eine vollständige digitale Bedarfsmodellierung. Daran arbeitet ein standortübergreifendes Planungsteam mit bis zu 90 Personen. Berücksichtigt werden müssen dabei auch die Neubaustrecke Stuttgart–Ulm und die Neuordnung des Bahnknotens Stuttgart im Rahmen von Stuttgart 21.
Der Pfaffensteigtunnel ist außerdem das erste Infrastruktur-Großprojekt der Deutschen Bahn, das in allen relevanten Leistungsphasen als Partnerschaftsmodell Schiene umgesetzt werden soll. Die DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH unterzeichnete den Mehrparteienvertrag im November 2023. Allianzpartner sind Geoconsult, FCP, IC-Consulenten, Züblin, Wayss & Freytag, Strabag, Rhomberg, Swietelsky, Spitzke und Hörmann.
Die Idee dahinter: Die beteiligten Partner wirken schon an der Entwurfs- und Genehmigungsplanung mit und nicht erst ab der Ausführungsplanung. Statt vieler einzelner bilateraler Verträge gibt es einen Mehrparteienvertrag mit allen Auftragnehmern. Schnellere Prozesse sollen Zeit und Kosten sparen. Ob das in der Praxis so reibungslos läuft, wird sich zeigen – bei einem Projekt dieser Größe schaut jedenfalls nicht nur die Bauwelt sehr genau hin.
Das Pro-Gäubahn-Landesbündnis wurde am 9. März 2024 in Rottweil gegründet. Es vertritt die Interessen der Bahnstrecke Stuttgart–Böblingen–Horb–Rottweil–Tuttlingen–Singen mit Verbindungen Richtung Zürich und Konstanz. Zu den Mitgliedern zählen unter anderem regionale Pro-Gäubahn-Initiativen, das Gäubahnkomitee Stuttgart, Deutsche Umwelthilfe, BUND, VCD, die Mobilitätswendeallianz Baden-Württemberg, Naturfreunde Württemberg sowie mehrere Parteien und Kreisverbände. Am Flughafen treffen damit am 12. Oktober zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft der Gäubahn aufeinander – und der erste Termin ist schon gesetzt: 9:30 Uhr an der U6-Endhaltestelle „Messe“.
