Am Rand von Słajszewo in Hinterpommern ist das Baufeld für Polens erstes Kernkraftwerk an den US-Generalunternehmer Bechtel übergeben worden. Das Dorf liegt rund 70 Kilometer nordwestlich von Danzig und etwa 280 Kilometer östlich der deutsch-polnischen Grenze. Rund 150 Menschen leben hier, zwischen Pferdehöfen, Ferienhäusern und Küstenwald. Nun ist ein Areal gerodet, das ungefähr 500 Fußballfeldern entspricht.

Für Polen ist das Vorhaben ein tiefer Einschnitt in die Energiepolitik. Die Anlage soll rund 45 Milliarden Euro kosten, nach anderen Angaben werden bis zu 47 Milliarden Euro veranschlagt. Damit wäre sie Polens größte Einzelinvestition seit 1989. Der groß angelegte Baubeginn ist für 2028 vorgesehen, die erste Stromproduktion für 2036; vollständig in Betrieb gehen soll das Kraftwerk bis 2038.

Ein Zaun zwischen Dorf und Strand

Die Stimmung vor Ort ist geteilt. Pferdehofbesitzer Jurek Jędruch schätzt die Bevölkerung ungefähr zur Hälfte als Befürworter und zur Hälfte als Gegner ein. In einer weiteren Erhebung unterstützen 67 Prozent der Menschen vor Ort das Projekt. Jędruch war zunächst dagegen, hat seine Haltung inzwischen geändert und einen Vertrag mit dem staatlichen Investor PEJ geschlossen. Seinen Pferdehof will er weiterführen. Neue Reitwege und zusätzliche Kundschaft wurden ihm in Aussicht gestellt; durch den Baustellenzaun ist der Weg zum Strand für den Hof allerdings deutlich länger geworden. Jędruch rechnet trotzdem mit weiteren Besuchern.

Agnieszka Olszewska-Groen sieht die Sache anders. Sie engagiert sich in der Initiative „Bałtyckie-SOS“ und kritisiert den Bau auf Dünensand, mögliche Kostensteigerungen sowie die Rodung des Küstenwaldes. Ihre Sorge: Aus dem Kraftwerksgelände könnte ein großes Gewerbegebiet werden, während Baustellenverkehr die schmalen Wege belastet. Der direkte Zugang zum Strand ist bereits versperrt. Erste Urlauber hätten wegen des erwarteten Schwerlastverkehrs abgesagt, berichtet sie. Ob sie in zehn Jahren noch hier leben wolle, wisse sie nicht.

Auch die wirtschaftlichen Versprechen überzeugen sie nicht restlos. Während der Bauphase könnten nach Angaben aus der Region bis zu 3.000 Arbeitskräfte in die Gemeinde Choczewo kommen; andere Planungen rechnen sogar mit bis zu 8.000 Beschäftigten vor Ort. Der Betreiber erwartet dadurch mehr Nachfrage nach Unterkünften und Verpflegung. Pro Bauarbeitsplatz könnten drei bis fünf weitere regionale Arbeitsplätze entstehen. Neue Straßen- und Bahnverbindungen sind vorgesehen, ihre Kosten sind in den bisher veranschlagten bis zu 47 Milliarden Euro allerdings nicht enthalten.

Drei Reaktoren, Meerwasser und viel Strom

Bechtel soll drei Druckwasserreaktoren des US-Herstellers Westinghouse errichten. Zusammen kommen sie auf 3.750 Megawatt Leistung – mehr als das frühere Kernkraftwerk Greifswald. Bei vollständigem Betrieb könnte die Anlage rechnerisch Strom für etwa 12 von 14,7 Millionen polnischen Haushalten liefern.

Das Meer übernimmt dabei einen Teil der Kühlaufgabe. Weil Meerwasser genutzt werden soll, braucht es nach den Planungen keine etwa 200 Meter hohen Kühltürme. Wasser wird über Unterseetunnel angesaugt und nach der Kühlung wieder ins Meer zurückgeführt; erwärmtes Kühlwasser soll einige hundert Meter vor der Küste eingeleitet werden. Laut Betreiberbroschüre schalten sich die Reaktoren bei Störungen automatisch ab und können bis zu drei Tage ohne externe Stromversorgung auskommen.

Der Standort wurde laut Informationsbüro nach vier Jahren mit Standortvergleichen, Messungen und Analysen ausgewählt. Für Słajszewo sprechen der mögliche Seetransport von Baumaterialien und die unmittelbare Lage am Meer. Rund acht Kilometer entfernt enden Unterseekabel von Offshore-Windparks. In der Nähe wächst außerdem der Windpark „Baltic Power“ mit 1.140 Megawatt Leistung. Er kostet rund fünf Milliarden Euro und entspricht von der Leistung her ungefähr einem der drei geplanten Reaktoren.

Noch ist die Finanzierung nicht abschließend geklärt. Der polnische Staat will etwa 15 Milliarden Euro beisteuern, rund 30 Prozent der Kosten. Der Rest soll überwiegend über Kredite kommen, teilweise mit staatlichen Garantien. Und offen bleibt auch die Frage, wo der radioaktive Abfall gelagert werden soll: Polen besitzt bislang kein Endlager.

Abkehr von der Kohle – aber nicht sofort

Etwa 60 Prozent des polnischen Stroms stammen derzeit aus Kohle, erneuerbare Energien decken rund 30 Prozent des Bedarfs. Beide Seiten in Słajszewo halten einen Ausstieg aus der Kohleverstromung für notwendig. Gleichzeitig plant Polen ein zweites Atomkraftwerk bei Łódź und prüft Small Modular Reactors mit bis zu 300 Megawatt Leistung. Orlen Syntheo Green Energy will dafür die Technologie von GE Hitachi einsetzen.

Die beiden großen geplanten Atomkraftwerke könnten rechnerisch weitere 40 Prozent des polnischen Stroms liefern, wenn sie bereits laufen würden. In der Praxis liegen die Termine noch weit voraus. Vergleichbare Neubauten in Finnland, Frankreich und Großbritannien dauerten länger und wurden teurer als ursprünglich geplant – ein Punkt, der Olszewska-Groen am Zeitplan bis 2038 zweifeln lässt.

Auch andere Länder in Europa setzen wieder auf Kernenergie: Tschechien, die Niederlande und Belgien planen neue Reaktoren oder längere Laufzeiten bestehender Anlagen. Für Nordostdeutschland kann das polnische Projekt wegen möglicher Veränderungen der Energieflüsse ebenso wichtig werden wie wegen Fragen zu Sicherheit und Entsorgung.

Ganz neu ist die Idee an der polnischen Ostseeküste nicht. Bereits in den 1980er-Jahren begann Polen nahe Kartoszyno mit dem Bau eines sowjetischen Reaktors mit 1,6 Gigawatt Leistung. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wurde das Vorhaben 1989 eingestellt. Die unvollendeten Betonbauten stehen noch heute.

Polens Energieplan wird vorsichtiger

Im Dezember 2025 veröffentlichte Polen einen aktualisierten Nationalen Energie- und Klimaplan, NECP beziehungsweise KPEiK. Vor der geplanten Übermittlung an die EU-Kommission bis Februar 2026 muss ihn noch das polnische Kabinett verabschieden. Der Entwurf zeigt, wohin die Reise gehen soll – und wo sie langsamer wird.

Der erwartete Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion 2040 wurde gegenüber dem früheren Plan deutlich gesenkt. Statt eines Anstiegs von knapp 30 Prozent im Jahr 2025 auf 79,8 Prozent werden nun 65,6 Prozent im konservativen und 68,9 Prozent im optimistischen Szenario genannt. Das Ministerium betrachtet die konservative Variante als maßgeblich.

Bei der Windenergie an Land soll die installierte Leistung in diesem Szenario von 10,8 Gigawatt 2025 auf 20,4 Gigawatt 2040 steigen. Der frühere Plan hatte 34,5 Gigawatt vorgesehen. Präsident Karol Nawrocki verhinderte 2025 per Veto eine Lockerung der Abstandsregeln für Windräder. Energieminister Miłosz Motyka stellte höhere Ausbauziele in Aussicht, falls sich die Gesetzeslage ändert.

Auch bei Offshore-Wind wurde das Ziel nach unten korrigiert: 11,8 statt zuvor 18 Gigawatt im Jahr 2040. Derzeit ist in Polen noch keine Offshore-Windanlage in Betrieb, zudem bewertet der Übertragungsnetzbetreiber PSE die Technologie als zu kostenintensiv. Die Atomkraft soll dagegen 15,4 Prozent der Stromproduktion 2040 liefern, nachdem im früheren Plan 9,5 Prozent vorgesehen waren. Polen produziert gegenwärtig noch keinen Atomstrom; in die Prognose fließen Großreaktoren und Small Modular Reactors ein.

Im konservativen Szenario decken Braun- und Steinkohle 2040 noch knapp fünf Prozent des Strombedarfs. Im früheren Plan war Kohle nach 2035 nicht mehr vorgesehen. Energiespeicher sollen stärker eingesetzt werden, um Überschüsse aus erneuerbaren Energien auszugleichen. Das Klimaministerium begründet die langsamere Transformation mit dem Schutz der Haushalte vor hohen Kosten. Der polnische Windenergieverband PSEW rechnet wegen höherer Ausgaben für Emissionszertifikate mit steigenden Strompreisen; nach seinen Berechnungen könnte der Börsenstrompreis 2040 doppelt so hoch sein wie im ursprünglichen Szenario.

Durch die Elektrifizierung verschiedener Bereiche könnte der Strombedarf bis 2040 um bis zu 50 Prozent steigen. Im Wärmesektor wird dagegen wegen besserer Dämmung und effizienterer Wärmeproduktion mit sinkendem Energieverbrauch gerechnet. Der früh