Schlingensief im Gropius Bau: Ein begehbares Gedächtnis zwischen Angst, Partei und Oper
Im Berliner Gropius Bau beginnt heute, am 10. Oktober 2026, eine Ausstellung, die sich nicht brav in die Reihe klassischer Rückblicke einfügt. Unter dem Titel „Christoph Schlingensief: Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine“ ist bis zum 17. Januar 2027 ein Werkparcours zu sehen, der Arbeiten aus unterschiedlichen Zeiten und Medien direkt aufeinanderprallen lässt.
Christoph Schlingensief (1960–2010) bewegte sich zwischen Theater, Oper, Film und bildender Kunst, ohne deren Grenzen besonders ernst zu nehmen. Die Ausstellung zeigt rund neun Werkkomplexe aus den späten 1990er- bis späten 2000er-Jahren, verteilt auf acht Räume und den Lichthof. Installationen, Videoarbeiten sowie dokumentarisches Film- und Archivmaterial machen dabei nicht den Eindruck eines abgeschlossenen Künstlerlebens auf, sondern eher den eines andauernden Versuchs: fragen, zweifeln, scheitern, weitermachen.
Eine Drehbühne als begehbares Gedächtnis
Der Auftakt liegt im frei zugänglichen Lichthof. Dort steht „Kaprow City“ (2006/07), eine begehbare Drehbühne, die zunächst für Schlingensiefs letztes Theaterstück an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz entstand. Das Stück kreiste um die letzten Stunden von Lady Diana vor ihrem Unfalltod 1997.
2007 wurde das Bühnenbild für das Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich zu einer eigenständigen Arbeit umgebaut. In mehreren Kinokammern überlagern sich Inszenierungsaufnahmen, Fragmente älterer Projekte und private Super-8-Filme aus Schlingensiefs Kindheit. Ein bisschen Filmarchiv, ein bisschen Familienfundus, dazwischen die Bewegung der Bühne. „Kaprow City“ gehört zu den wenigen erhaltenen installativen Arbeiten des Künstlers und ist eng mit seiner künstlerischen Arbeit in Berlin verbunden.
Die Schau ist laut Ausstellungsbeschreibung keine klassische Retrospektive. Zentrale Werkkomplexe werden miteinander in Beziehung gesetzt; sichtbar werden die Wechselwirkungen zwischen Schlingensiefs künstlerischen Strategien und seiner Aufforderung an das Publikum, selbst eine aktive Haltung einzunehmen. Das ist nicht immer gemütlich. Soll es wohl auch nicht sein. In Deutschland ist es die umfangreichste Werkschau Schlingensiefs seit mehr als zehn Jahren.
Angst, Partei und die Frage nach dem „Wir“
Im ersten Ausstellungsraum wartet „Church of Fear“ (2003), das auf der 50. Biennale von Venedig präsentiert wurde. Schlingensief gründete die parodistische Glaubensgemeinschaft am Tag der US-Invasion im Irak. Ihr einziges Dogma: der „Glaube an die Angst“.
Das Projekt nahm die politische Konstruktion von Bedrohung ins Visier, ebenso die Instrumentalisierung von Furcht und die Ausweitung staatlicher Kontrolle nach dem 11. September 2001. Angst wird hier nicht als privates Gefühl behandelt, das man irgendwie wegatmet, sondern als politisches Werkzeug.
Ein weiterer Teil führt zu „Chance 2000“ (1998–1999), der Parteigründung vor der Bundestagswahl. Die Partei erklärte das Scheitern zum Prinzip und verstand sich als Plattform für Menschen, die im politischen System wenig vorkommen: darunter Menschen mit Behinderungen sowie erwerbs- und wohnungslose Personen. Der Wahlspruch war unmissverständlich: „Wähle dich selbst!“
Auch „Hamlet – This Is Your Family“ (2001) arbeitet an einer empfindlichen Stelle. Am Schauspielhaus Zürich wurde Shakespeares Stück mit vermeintlich ausstiegswilligen Neonazis besetzt. Die Produktion stellte infrage, ob ein glaubwürdiger Bruch mit rechter Ideologie überhaupt möglich ist – und wann aus einer behaupteten Veränderung eine tatsächliche wird.
Für „Freakstars 3000“ (2002) produzierte Schlingensief gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnern des Tiele-Winckler-Hauses in Berlin-Lichtenrade eine sechsteilige Serie für Viva Plus. Sie übernahm die Ästhetik von Castingshows und stellte zugleich Bezüge zu historischen „Freakshows“ her. Im Zentrum stand die Frage, wer sich selbst repräsentieren darf. Fernsehen, Behinderung, Vorführung – da knirscht es, und zwar absichtlich.
Oper, Kolonialgeschichte und unfertige Bilder
Ein weiterer Ausstellungsstrang widmet sich Film und Oper. „The African Twin Towers“ (2005/07) war als Erzählung über ein von Wagner-Nachfahren in Namibia organisiertes Musikfestival geplant. Während der Dreharbeiten in Lüderitz entstanden mit Schauspielern und Bewohnern improvisierte Nachstellungen nordischer Heldensagen, westlicher Filmklassiker und kolonialer Szenen.
Erhalten blieb eine 18-Kanal-Videoinstallation aus ungeschnittenem Rohmaterial. Kein glattgezogener Film also, sondern Material, in dem sich verschiedene Ebenen verhaken: Musikgeschichte, koloniale Bilder, lokale Begegnungen und die Frage, wer hier eigentlich wessen Geschichte erzählt.
„Ohne Titel (‚Der Fliegende Holländer‘, Manaus)“ (2007) entstand aus Schlingensiefs Inszenierung am Teatro Amazonas. Dafür bezog er lokale Tänze und Musik ein und griff zugleich koloniale Motive auf, um seine Rolle als europäischer Künstler im Amazonasgebiet zu kommentieren.
Die vierteilige Installation „Ohne Titel (Hasenverwesung; Drosophila Melanogaster; Holländer 2c; Fremdverstümmelung)“ (2007) bündelt Filme aus seinen Opernprojekten. Schon die Titel klingen nach Schlingensief: sperrig, schwarz, ein wenig absurd – und ziemlich wach.
Begleitprogramm und Berliner Verbindungen
Die Ausstellung läuft parallel zu Gabriele Stötzers Einzelausstellung und zur Gruppenausstellung „Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960“. Für Frühjahr 2027 ist außerdem eine große Gruppenausstellung zum Themenkomplex Deutschland im Gropius Bau angekündigt.
Kuratiert wird die Schau von Raphael Gygax mit Dalwin Kryeziu und Christopher Wierling, in Zusammenarbeit mit Aino Laberenz vom Nachlass Christoph Schlingensief. Veranstalter und Kooperationspartner sind der Gropius Bau / Berliner Festspiele, die Wiener Festwochen | Freie Republik Wien und das MAK – Museum für Angewandte Kunst.
Zum Begleitprogramm gehören Performances, ein Konzert und Screenings. Am 19. November findet eine kostenfreie Ausgabe der Reihe „Spätschicht“ statt, kuratiert mit der Regisseurin und Künstlerin Anta Recke. Am 20. und 21. November veranstalten die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und der Gropius Bau ein Sonderprogramm.
Informationen und Tickets gibt es unter berlinerfestspiele.de/gropius-bau.
