Am Rand von Słajszewo, rund 70 Kilometer nordwestlich von Danzig und etwa 280 Kilometer östlich der deutsch-polnischen Grenze, ist der Weg frei für Polens erstes Kernkraftwerk. Das Baufeld an der Ostseeküste wurde an den US-Generalunternehmer Bechtel übergeben. Wo bislang Küstenwald, Ferienhäuser und Pferdehöfe das Bild bestimmten, liegt nun eine gerodete Fläche von etwa 500 Fußballfeldern.

Słajszewo gehört zur Gemeinde Choczewo. Im Dorf leben rund 150 Menschen. Die Stimmung ist geteilt: Pferdehofbesitzer Jurek Jędruch schätzt, dass ungefähr die Hälfte für und die Hälfte gegen das Kraftwerk ist. Eine andere Erhebung nennt 67 Prozent Zustimmung in der örtlichen Bevölkerung. Beides zeigt, wie schwer sich die Lage in eine einzige Zahl pressen lässt.

Baustellenzaun statt Strandweg

Jędruch war anfangs Gegner des Projekts. Inzwischen unterstützt er den Bau und hat mit dem staatlichen Investor PEJ einen Vertrag geschlossen. Seinen Pferdehof will er weiterführen. Neue Reitwege und zusätzliche Kundschaft wurden ihm in Aussicht gestellt; durch das Kraftwerksprojekt erwartet er außerdem mehr Besucher. Der Zugang zum Strand ist für seinen Hof allerdings deutlich länger geworden.

Agnieszka Olszewska-Groen sieht die Sache anders. Die Gegnerin engagiert sich in der Initiative „Bałtyckie-SOS“. Sie kritisiert, dass auf Dünensand gebaut werden soll, warnt vor möglichen Kostensteigerungen und beklagt die Rodung des Küstenwaldes. Der direkte Weg zum Strand ist durch den Baustellenzaun versperrt. Olszewska-Groen befürchtet ein großes Gewerbegebiet und viel Baustellenverkehr. Erste Urlauber hätten bereits wegen des erwarteten Schwerlastverkehrs abgesagt. Ob sie in zehn Jahren noch dort leben möchte, bezweifelt sie selbst.

Der Bau soll rund 45 Milliarden Euro kosten und wäre damit Polens größte Einzelinvestition seit 1989. Inzwischen ist auch von bis zu 47 Milliarden Euro die Rede. Neue Straßen- und Bahnverbindungen sind in dieser Summe noch nicht enthalten. Für die Baustellenvorbereitung wurden bereits Bäume gefällt.

Drei Reaktoren am Meer

Bechtel soll drei Druckwasserreaktoren des US-Herstellers Westinghouse errichten. Zusammen kommen sie auf 3.750 Megawatt – mehr als das frühere Kernkraftwerk Greifswald. Nach der Betreiberbroschüre schalten sich die Anlagen bei Störungen automatisch ab und sollen bis zu drei Tage ohne externe Stromversorgung auskommen.

Der Standort wurde laut Informationsbüro nach vier Jahren Standortvergleichen, Messungen und Analysen ausgewählt. Für Słajszewo sprechen der mögliche Seetransport von Baumaterialien und die direkte Lage am Meer. Weil Meerwasser zur Kühlung genutzt werden soll, sind keine etwa 200 Meter hohen Kühltürme nötig. Das Kühlwasser wird über Unterseetunnel angesaugt und nach der Erwärmung einige hundert Meter vor der Küste wieder ins Meer geleitet.

Der groß angelegte Baubeginn ist für 2028 vorgesehen. Die erste Stromproduktion soll 2036 starten, die vollständige Inbetriebnahme ist bis 2038 geplant. Olszewska-Groen bezweifelt, dass dieser Zeitplan angesichts der Unsicherheiten eines solchen Großprojekts hält. Vergleichbare Neubauten in Finnland, Frankreich und Großbritannien dauerten länger und wurden teurer als ursprünglich geplant.

In der Bauphase könnten nach verschiedenen Angaben bis zu 3.000 beziehungsweise bis zu 8.000 Beschäftigte in die Gemeinde Choczewo kommen. Der Betreiber rechnet damit, dass aus jedem Bauarbeitsplatz drei bis fünf weitere regionale Arbeitsplätze entstehen könnten. Schon jetzt wird zusätzliche Nachfrage nach Unterkünften und Verpflegung erwartet. Für die kleine Küstengemeinde ist das kein Nebensatz, sondern eine ziemlich große Veränderung.

Kohleausstieg, Windpark und offene Rechnungen

Beide Seiten halten einen Ausstieg Polens aus der Kohleverstromung für notwendig. Derzeit stammen etwa 60 Prozent des polnischen Stroms aus Kohle, erneuerbare Energien decken rund 30 Prozent des Bedarfs. In der Nähe des Baufelds entsteht außerdem der Offshore-Windpark „Baltic Power“ mit 1.140 Megawatt Leistung. Er kostet rund fünf Milliarden Euro und entspricht damit ungefähr der Leistung eines der drei geplanten Reaktoren. Rund acht Kilometer vom Kraftwerksstandort entfernt enden Unterseekabel von Offshore-Windparks.

Bei vollständigem Betrieb könnte das Kernkraftwerk rechnerisch Strom für etwa 12 von 14,7 Millionen polnischen Haushalten liefern. Beide geplanten Atomkraftwerke zusammen könnten, wären sie bereits am Netz, weitere 40 Prozent des polnischen Strombedarfs abdecken. Ein zweites polnisches Atomkraftwerk ist bei Łódź vorgesehen. Zusätzlich prüft Polen Small Modular Reactors mit bis zu 300 Megawatt Leistung; Orlen Syntheo Green Energy plant dafür den Einsatz der Technologie von GE Hitachi.

Die Finanzierung ist noch nicht abschließend geklärt. Der polnische Staat will etwa 15 Milliarden Euro beisteuern, rund 30 Prozent der Kosten. Der Rest soll überwiegend über Kredite kommen, teilweise mit staatlichen Garantien. Ungeklärt bleibt auch, wo der radioaktive Abfall gelagert werden soll: Polen verfügt bislang über kein Endlager.

Für Nordostdeutschland kann das Vorhaben wegen möglicher Veränderungen der Energieflüsse ebenso relevant werden wie wegen Fragen zu Sicherheit und Entsorgung. Ganz neu ist die Idee eines polnischen Atomkraftwerks an dieser Küste übrigens nicht. Bereits in den 1980er-Jahren begann Polen nahe Kartoszyno mit dem Bau eines sowjetischen Reaktors mit 1,6 Gigawatt Leistung. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wurde das Projekt 1989 eingestellt. Die unvollendeten Betonbauten stehen noch heute.

Polens Energiestrategie wird vorsichtiger

Der Bau in Słajszewo passt in einen größeren Kurswechsel der polnischen Energiepolitik. Im Dezember 2025 veröffentlichte Polen einen aktualisierten Nationalen Energie- und Klimaplan, den NECP beziehungsweise KPEiK. Bevor er bis Februar 2026 an die EU-Kommission übermittelt werden kann, muss ihn noch das polnische Kabinett verabschieden.

Beim erwarteten Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion 2040 fällt der neue Plan zurückhaltender aus. Der frühere Entwurf ging von einem Anstieg von knapp 30 Prozent im Jahr 2025 auf 79,8 Prozent im Jahr 2040 aus. Das neue konservative Szenario nennt 65,6 Prozent, das optimistische 68,9 Prozent. Das Ministerium betrachtet die konservative Variante als maßgeblich.

Auch bei der Windenergie an Land liegen die Ziele niedriger: Im konservativen Szenario soll die installierte Leistung von 10,8 Gigawatt 2025 auf 20,4 Gigawatt 2040 steigen. Zuvor waren 34,5 Gigawatt vorgesehen. Präsident Karol Nawrocki hatte 2025 eine Lockerung der Abstandsregeln für Windräder per Veto verhindert. Energieminister Miłosz Motyka stellte höhere Ausbauziele in Aussicht, falls sich die Gesetzeslage ändert.

Für Offshore-Windkraft nennt der neue Plan 11,8 Gigawatt im Jahr 2040 statt zuvor 18 Gigawatt. Derzeit ist in Polen noch keine Offshore-Windanlage in Betrieb. Der Übertragungsnetzbetreiber PSE bewertet die Technologie als zu kostenintensiv. Zugleich soll die Atomkraft 2040 für 15,4 Prozent der Stromproduktion stehen; im früheren Plan waren 9,5 Prozent vorgesehen. Die Prognose umfasst Großreaktoren und Small Modular Reactors. Heute produziert Polen noch keinen Atomstrom.

Im konservativen Szenario decken Braun- und Steinkohle 2040 noch knapp fünf Prozent des Strombedarfs. Im früheren Plan war Kohle nach 2035 nicht mehr vorgesehen. Energiespeicher sollen stärker eingesetzt werden, um Überschüsse aus erneuerbaren Energien auszugleichen. Das Klimaministerium begründet die langsamere Transformation mit dem Schutz der Haushalte vor hohen Kosten. Der polnische Windenergieverband PSEW rechnet wegen höherer Ausgaben für Emissionszertifikate mit steigenden Strompreisen; nach seinen Berechnungen könnte der Börsenstrompreis 2040 doppelt so hoch sein wie im ursprünglichen Szenario.

Durch die Elektrifizierung verschiedener Bereiche könnte der Strombedarf bis 2040 um bis zu 50 Prozent wachsen. Im Wärmesektor wird dagegen wegen besserer Dämmung und effizienterer Wärmeproduktion mit sinkendem Energieverbrauch gerechnet. Der frühere NECP sah ab 2040 einen Anteil erneuerbarer Energien an der Wärmeversorgung von mindestens 67,5 Prozent vor. Im neuen konservativen Szenario sind es nur 43,5 Prozent.

Kohle soll 2040 noch 23,9 Prozent der Wärmeproduktion liefern und damit ungefähr das Niveau von Erdgas erreichen. Biomasse soll ihren Anteil von unter zehn Prozent 2025 auf über 20 Prozent steigern. Weil Biomasse in Polen überwiegend aus Holz besteht, befürchtet die holzverarbeitende Industrie eine geringere Verfügbarkeit des Rohstoffs. Große Wärmepumpen könnten ab 2040 bis zu 11,6 Prozent des Energiebedarfs der Fernwärme decken. Biogas bleibt mit knapp 5,5 Prozent eine Nischenlösung, Erdgas eine relevante Übergangslösung.

Der Plan lässt damit mehrere Linien nebeneinander stehen: Kohle bleibt Teil des Energiesystems, der Windkraftausbau stößt auf rechtliche und strukturelle Hindernisse, von der Atomkraft werden hohe Beiträge erwartet, und Speicher sollen das Netz stabilisieren. Bei der Wärmeversorgung setzt Polen vor allem auf Biomasse und Wärmepumpen.

Für strategische Projekte sieht der NECP eine Präferenz für einheimische Auftragnehmer vor. Ausländischen Unternehmen wird bei größeren Vorhaben eine Zusammenarbeit mit polnischen Partnern nahegelegt. Die Kosten für den Umbau des polnischen Energiesektors zwischen 2026 und 2040 werden je nach Szenario auf 640 bis 830 Milliarden Euro geschätzt. Am Ostseestrand von Słajszewo wird davon bald mehr zu sehen sein als nur Zahlen auf Papier: Zäune, Baumaschinen, Lastwagen – und ein Pferdehof, dessen Weg zum Meer länger geworden ist.