Sparkassenensemble am Neumarkt: BDA fordert ergebnisoffene Prüfung statt Abrissentscheidung
Am Neumarkt in Saarbrücken steht eine weitreichende Entscheidung an: Die Sparkasse Saarbrücken plant den Abriss ihrer bisherigen Hauptstelle und einen Neubau. Die geschätzten Gesamtkosten liegen laut den Architekten bei rund 100 Millionen Euro. Die Sparkassenspitze spricht von einem „Jahrhundertprojekt“ und möchte eine „identitätsstiftende“ neue Landmarke schaffen.
Für das Vorhaben läuft ein Architektenwettbewerb. Ein Ergebnis soll noch in derselben Woche vorliegen. Gleichzeitig geht es um ein Gebäudeensemble, das teilweise bis 1928 zurückreicht und laut dem zugrunde liegenden Bericht seit knapp 100 Jahren das Stadtbild prägt. Da reibt man sich schon die Augen: Abriss oder Weiterbauen?
Offene Fragen zum Bestand
Nach Angaben des Berichts wurden weder der Städtebaubeirat noch die Bürgerschaft in die Planungen einbezogen. Die Sparkasse begründet die fehlende Auskunft unter anderem damit, dass sie nicht auskunftspflichtig sei. Eine Machbarkeitsstudie zum behaupteten Sanierungsstau des Bestandsgebäudes wurde bislang nicht veröffentlicht.
Damit bleibt offen, warum ein Abriss und Neubau gegenüber einer Sanierung erforderlich sein sollen. Ungeklärt ist auch, ob sich das Gebäude energetisch modernisieren und seine Raumstrukturen an heutige Büroanforderungen anpassen ließen. Für die Sparkasse ist das keine Kleinigkeit: Sie hat rund 175.000 Privatkunden. Welche möglichen Folgen die Investition für diese Kunden haben könnte, etwa durch höhere Gebühren oder Zinsen, ist laut Bericht nicht abschließend auszuschließen beziehungsweise geklärt.
In diese Debatte hat sich am 25. Juni 2026 der BDA Saarland eingeschaltet. Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten wandte sich mit einem offenen Brief an die Verantwortlichen der Sparkasse Saarbrücken. Anlass ist das geplante Neubauvorhaben am Neumarkt, für das derzeit ein offener Wettbewerb läuft.
BDA verlangt ergebnisoffene Prüfung
Der BDA fordert, neben einem vollständigen Neubau auch den Erhalt des bestehenden Gebäudeensembles, eine Umnutzung und eine Transformation zu prüfen. Der Umgang mit dem Bestand solle ergebnisoffen erfolgen. Lösungen, die auf dem vorhandenen Gebäude aufbauen, müssten gleichberechtigt in die Diskussion und in das weitere Planungsverfahren einbezogen werden.
Begründet wird die Forderung mit der Bauwende, dem Ressourcenschutz und der im Gebäudebestand gebundenen „grauen Energie“. Der vollständige offene Brief steht als PDF zum Download bereit. Vorab wurde er per E-Mail an Dr. Carolin Lehberger, Regionalverbandsdirektorin des Regionalverbands Saarbrücken und stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungsrates der Sparkasse Saarbrücken, an Uwe Conradt, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Saarbrücken und Vorsitzender des Verwaltungsrates der Sparkasse Saarbrücken, sowie an Frank Saar, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Saarbrücken, über die Pressestelle übermittelt.
Was beim Neubau oft unsichtbar bleibt
Der Bausektor soll wesentlich dazu beitragen, die deutschen Klimaziele zu erreichen. Dafür müssten bekannte Lösungen breiter umgesetzt werden. Rund 11 Prozent der globalen CO₂-Emissionen entstehen bereits bei der Herstellung von Baustoffen. Zugleich wird bis 2050 eine Verdopplung des weltweiten Gebäudebestands prognostiziert. Klimaschutz- und ressourcenschonende Bauweisen werden damit zu einem wachsenden Markt; ein deutscher Leitmarkt könnte der heimischen Bauindustrie eine führende Position und zusätzliche Exportchancen verschaffen.
Beim Neubau zählen deshalb nicht nur die späteren Heizkosten. Emissionen aus der Herstellung von Baumaterialien – die „grauen Emissionen“ – und der dafür erforderliche Energieaufwand, die „graue Energie“, sind zentrale Klimaschutzfaktoren. Bei einem Neubau nach KfW-55-Standard entfällt etwa die Hälfte des Energieverbrauchs über den gesamten Lebenszyklus auf graue Energie. Wenn die Energieversorgung bis 2050 wie im Klimaschutzplan vorgesehen auf erneuerbare Energien umgestellt wird, machen graue Emissionen rund 80 Prozent der gesamten Lebenszyklus-Emissionen eines Gebäudes aus.
Das Gebäudeenergiegesetz und die KfW-Förderung berücksichtigen bislang hauptsächlich die Nutzungsphase. Der für einen Neubau wichtige Bereich der grauen Emissionen wird damit nicht erfasst. Lebenszyklusanalysen könnten graue Energie und graue Emissionen hingegen übersichtlich, mit geringem Aufwand und kostengünstig ermitteln. Für ein Einfamilienhaus kostet eine solche Analyse weniger als 500 Euro und dauert etwa einen halben Tag. Datensätze und Werkzeuge dafür stellt unter anderem das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, kurz BBSR, bereit.
Solche Berechnungen eignen sich als Grundlage für Förderprogramme und ordnungsrechtliche Vorgaben. Sie können außerdem den Übergang von Abbruch und Entsorgung zu einer Kreislaufwirtschaft unterstützen, in der Abbruchmaterialien gleichwertig als Baustoffe wiederverwendet werden. Das klingt zunächst nach viel Papier und Tabellen, ist aber beim Blick auf 100 Millionen Euro und ein seit knapp 100 Jahren prägendes Ensemble vielleicht genau die nüchterne Prüfung, die jetzt gebraucht wird.
Bestand als Klimafaktor
Klima- und ressourcenschonendes Bauen gilt als technisch machbar und wirtschaftlich. Im Beispiel eines Holzrahmenbaus lassen sich die grauen Emissionen um 45 Prozent reduzieren. Wird zusätzlich das im verbauten Holz gespeicherte CO₂ berücksichtigt, beträgt die Minderung 83 Prozent. Der Rohstoffverbrauch kann um 50 Prozent sinken, während die Mehrkosten im unteren einstelligen Prozentbereich liegen.
Lebenszyklusbetrachtungen werden deshalb als Grundlage für eine öffentliche Steuerung des Bauens zur Verringerung grauer Energie und grauer Emissionen bezeichnet. Genannt werden dazu Studien von König (2017), Mahler et al. (2019) und der Faktor-X-Agentur (2018). Das Factsheet „Graue Energie“ wurde am 5. Mai 2020 veröffentlicht, Autor ist Uli F. Wischnath. Für das Sparkassenensemble am Neumarkt liegt die praktische Frage nun auf dem Tisch: Was lässt sich erhalten, was umnutzen, was verändern – und was müsste tatsächlich weichen?
