Winterthur benennt zwei neue Wege nach den Architekten der Kolonie Selbsthilfe
Heute Abend, am Freitag, 25. September 2026, bekommt ein Stück Winterthur neue Namen: Zwei bisher namenlose Querstrassen zwischen Eigenheimweg und Schwimmbadweg werden offiziell als Franz-Scheibler-Weg und Adolf-Kellermüller-Weg enthüllt. Beim Festakt dabei sind Stadträtin Christa Meier, Vorsteherin des Departements Bau und Mobilität, sowie Nachfahrinnen und Nachfahren der beiden Architekten.
Die Benennung beendet zugleich das Jubiläumsjahr «100 Jahre Eigenheimquartier», das der Quartierverein 2026 gefeiert hat. Bis Ende 2026 stehen im Quartier vier Tafeln, die über die Geschichte der Selbsthilfe-Kolonie informieren. Ausgangspunkt des Rundgangs ist Eigenheimweg 1.
Als Wohnraum knapp und Hilfe nötig war
Nach dem Ersten Weltkrieg kämpfte Winterthur mit Wirtschaftskrise, Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit. Die Stadt stellte Holzbaracken als Notwohnungen auf; mehrere Dutzend Familien mussten in Turnhallen, Schulhäusern und Kasernen untergebracht werden. Wohnbaugenossenschaften trieben den Bau von Wohnungen und günstigen Einfamilienhäusern voran, gerieten dabei aber teilweise selbst in finanzielle Schwierigkeiten.
Nahe dem Schwimmbad Geiselweid entwickelten Franz Scheibler und Adolf Kellermüller deshalb ein Selbsthilfe-Modell. Die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner arbeiteten rund 900 Stunden auf der Baustelle mit. Das entsprach zehn Prozent der Bausumme, machte eine Anzahlung überflüssig und hielt die Zins- und Rückzahlungen bei ungefähr einem Viertel eines Handwerker-Jahreslohns. Zwischen 1925 und 1928 entstanden so 118 Wohneinheiten. Das Quartier trägt auch den Namen «Kolonie Selbsthilfe».
Maurerweg, Schreinerweg und Glaserweg erinnern bis heute an die Handwerkerfamilien, die beim Bau zupackten. Viel mehr als ein Strassenschild steckt also in den beiden neuen Namen.
Zwei Architekten, die Winterthur geprägt haben
Franz Scheibler (1898–1960) und Gustav Adolf Kellermüller (1895–1981) gehörten zur Bewegung des «Neuen Bauens». Beide prägten Winterthur von 1923 bis in die 1960er-Jahre.
Scheibler wurde am 3. Januar 1898 in Winterthur geboren und starb dort am 27. April 1960 nach schwerer Krankheit im Alter von 63 Jahren. Seine Eltern waren zugewanderte, mittellose Arbeiter. Von 1912 bis 1916 lernte er beim Baugeschäft Lerch in Winterthur Bauzeichner. Danach studierte er Architektur am Technikum Winterthur und schloss 1919 ab. Zwei Jahre arbeitete er als Bautechniker bei Rittmeyer und Furrer.
Von 1921 bis 1923 studierte Scheibler an der Akademie der Künste in Dresden bei Heinrich Tessenow, dessen Architektur ihn stark beeinflusste. Der Kontakt riss später nicht ab. Im September 1923 kehrte Scheibler nach Winterthur zurück und eröffnete ein eigenes Büro.
In den 1920er-Jahren widmete er sich vor allem dem sozialen Wohnungsbau. Er entwarf Reihenhäuser mit Selbstversorgungsgärten und 1924 vier Reihenwohnhäuser an der Jonas-Furrer-Strasse, offenbar beeinflusst von Tessenows Reihenhäusern Am Schänkenberg in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden. Von 1925 bis 1929 plante er mit Kellermüller die Kolonie Selbsthilfe im Eigenheimquartier – wahrscheinlich die erste Selbsthilfesiedlung der Schweiz.
Nach dem Ende der staatlichen Wohnbauförderung 1932 verlagerte Scheibler seinen Schwerpunkt zunächst stärker auf Eigenheime. In den 1930er-Jahren beschäftigte er sich zudem mit Holz: 1934 entstand die Holzhaussiedlung an der Weststrasse, 1939 beteiligte er sich an der Landesausstellung mit dem Pavillon «Unser Holz». 1936/37 verlegte er sein Büro ins Haus zum Warteck, zugleich Geschäftssitz von Ed. Bühler & Co. Daraus ergaben sich mehrere Aufträge aus dem Umfeld der Familien Bühler und Volkart.
Mit der erneuten Einführung der staatlichen Wohnbauförderung ab 1938 widmete sich Scheibler wieder verstärkt dem sozialen Wohnungsbau. Später entwarf er Geschäfts- und Schulhäuser, arbeitete an Altstadtsanierungen und wurde häufig als Preisrichter bei Architekturwettbewerben eingesetzt. Ab 1939 war er Obmann der Zürcher Ortsgruppe des Bundes Schweizerischer Architektinnen und Architekten.
Auch politisch und öffentlich war Scheibler aktiv: als Mitglied des Grossen Gemeinderats der Stadt Winterthur, der städtischen Bebauungsplankommission, der kantonalen Natur- und Heimatschutzkommission sowie der Bankkommission der Schweizerischen Volksbank Winterthur, deren Präsident er ab 1956 war. Sein Sohn Ulrich Scheibler führte das Architekturbüro weiter und wurde ausserdem Stadtbaumeister von Winterthur.
Zu Scheiblers Winterthurer Werken zählen die Holzhaussiedlung an der Weststrasse, der Sitz des Milchverbandes beim Bahnhof, das Gartenhotel, das Betriebs- und Verwaltungsgebäude des städtischen Elektrizitätswerks an der Unteren Vogelsangstrasse und das Schulhaus Schönengrund. In der ausführlicheren Werkliste finden sich ausserdem die Siedlung Jonas-Furrer-Strasse (1924), die Holzhaussiedlung Weststrasse (1931–1934), der Umbau von Stadtkasino und Stadttheater Winterthur (1932–1936, zusammen mit J. Bühler), die Bauten für den Sitz des Milchverbandes Winterthur (1940/41), die Landwirtschaftliche Schule in Bülach (1943/44), die Siedlung Hardau (1943–1946), die Siedlung Schachen (1947), der Erweiterungsbau der «Unfall Winterthur» (1948–1952), die Textilfabrik E. Bühler & Co. in Kollbrunn (1948), die Renovation der Kirche Flaach (1951–1953), die Sekundarschule Eglisau (1952/53), das Bürger- und Altersheim in Egg (1953), das Gartenhotel Winterthur (1955–1957), das Betriebs- und Verwaltungsgebäude des städtischen Elektrizitätswerks in Winterthur (1956–1958), die Kunsteisbahn Zelgli (1957), das Verwaltungsgebäude der Mobiliarversicherung Winterthur (1958/59) und das Schulhaus Schönengrund (1958/59).
Adolf Kellermüller hinterliess unter anderem die Siedlung Stadtrain, das inzwischen abgerissene Volkshaus, die Gewerbeschule an der Tösstalstrasse und das Wohlfahrtshaus von Rieter in Töss. Die beiden neuen Wege erinnern damit nicht nur an ein Bauprojekt, sondern an ein ganzes architektonisches Kapitel der Stadt.
Selbsthilfe hat viele heutige Verwandte
Die Idee, Wohnen nicht bloss als fertige Ware zu betrachten, ist in der Schweiz keineswegs verschwunden. Heute reichen die Formen von gemeinschaftlichen Mehrgenerationenhäusern bis zu selbstverwalteten Genossenschaftssiedlungen. In Winterthur etwa leben in der Giesserei am Eulachpark rund 240 Erwachsene sowie 100 Kinder und Jugendliche aus mehr als 20 Herkunftsländern in 151 Wohnungen mit 1½ bis 9 Zimmern. Dazu kommen drei Gästezimmer, acht Joker-Zimmer und elf Gewerbebetriebe – darunter Restaurant, Stadtbibliotheksfiliale, Kunstgalerie und Veloladen. Gemeinschaftsbereiche wie Veranstaltungsraum, Waschsalon, Jugendraum, Musikübungsraum und drei Werkstätten gehören ebenso dazu. Der ökologische Holzbau entspricht dem Minergie-P-Eco-Standard; auf eine Wohnung kommen 0,2 Parkplätze, dafür gibt es 480 Veloständer. Adresse: Ida-Sträuli-Strasse 65, 8404 Winterthur; www.giesserei-gesewo.ch.
Im EinViertel der Gesewo im Haus Krokodil wohnen fast 200 Menschen in mehr als 70 Wohnungen. Eine von den Bewohner:innen gestaltete Lobby, Gemeinschaftsräume für Feste, Hobbys und Sport sowie Gewerbe liegen im Erdgeschoss; ein Café ist Treffpunkt. Adresse: Emil-Krebs-Strasse 10, 8400 Winterthur; einviertel-gesewo.ch. Die Kanzlei-Seen bietet 16 private Wohneinheiten für eine oder zwei Personen und gemeinsame Bereiche für Essen, Wohnen, Arbeit und Freizeit.
