Stuttgart 21: Wie aus einer Idee die Jahrhundertbaustelle wurde
Stuttgart 21 ist noch immer nicht fertig. Der neue Tiefbahnhof und der digitale Bahnknoten lassen auf sich warten, obwohl die Eröffnung ursprünglich für 2019 vorgesehen war. Mitten in Stuttgart wächst damit seit Jahren eine Großbaustelle weiter – und im Hintergrund steht die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte.
Eine neue ARD-History-Dokumentation blickt auf mehr als 30 Jahre Projektgeschichte zurück. Wer setzte Stuttgart 21 politisch und bei der Deutschen Bahn durch? Wie beurteilen die damaligen Verantwortlichen das Vorhaben heute? Und fühlen sich die Gegner durch die weitere Entwicklung bestätigt? Der Film lässt Beteiligte aus unterschiedlichen Phasen zu Wort kommen. Der aktuelle Baufortschritt steht dabei weniger im Mittelpunkt als die Entscheidungen, die das Projekt geprägt haben.
Vom Pressekonferenz-Projekt zur politischen Mission
1994 stellte der damalige Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann (CDU) Stuttgart 21 auf einer Pressekonferenz vor. Rückblickend erzählte er von großer Begeisterung in der Presse. Ende der 1990er-Jahre wurde das Vorhaben bei der Deutschen Bahn allerdings zunächst nicht weiterverfolgt.
Das änderte sich nach Günther Oettingers Amtsantritt als baden-württembergischer Ministerpräsident im Jahr 2005. Stuttgart 21 wurde politisch wiederbelebt und vorangetrieben. Auch die früheren Bahnvorstände Hartmut Mehdorn und Rüdiger Grube schildern in der Dokumentation ihre Sicht auf diese Entwicklung. Heute wirkt die damalige Dynamik aus der Distanz fast unwirklich: Ein Projekt, das zeitweise auf Eis lag, wurde wieder aus der Schublade geholt – und schließlich zum landespolitischen Kraftakt.
Bundesweit bekannt wurde Stuttgart 21 vor allem durch die Proteste im Jahr 2010. Brigitte Dahlbender vom BUND, damals Sprecherin des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, beschreibt den Konflikt als Machtfrage. Politisch bekämen nicht unbedingt diejenigen Recht, die sachlich Recht hätten, meint sie. Das ist ein Satz, der in der Dokumentation nachhallt.
Schlichtung, Protest und die Finanzfrage
In den Schlichtungsverfahren mit Heiner Geißler gewann der damalige Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) öffentliche Aufmerksamkeit. Palmer ist weiterhin überzeugt, dass die Argumente der Projektgegner richtig waren, und bezeichnet Stuttgart 21 als Prestigeprojekt.
Eine andere Spur führt zu den Finanzen. Der frühere SPD-Politiker und Volkswirt Thilo Sarrazin war 2000 mit der Prüfung der Finanzen der Deutschen Bahn befasst, darunter auch mit Stuttgart 21. Nach seiner Einschätzung hatte die Bahn damals kaum die finanziellen Mittel, um das Projekt zu bauen. Umso mehr überraschte ihn, dass Bahnchef Hartmut Mehdorn Stuttgart 21 dennoch unterstützte.
Sarrazin führt das auf eine Vereinbarung zwischen der Deutschen Bahn und dem Land Baden-Württemberg über eine mögliche Absicherung von Nahverkehrsleistungen zurück. Mehdorn bestreitet in der Dokumentation, dass es einen solchen Deal gegeben habe. Recherchen des SWR und der „Stuttgarter Zeitung“ ergaben 2014, dass 2003 ein umstrittener Nahverkehrsvertrag zwischen der Bahn und dem Land unterzeichnet worden war. Anschließend untersuchte das baden-württembergische Verkehrsministerium unter Minister Winfried Hermann (Grüne) den Vorgang.
Die Baustelle und die offenen Fragen
Auch aktuelle Akteure kommen zu Wort, darunter die heutige Bahnchefin Evelyn Palla. Trotzdem geht es in dem Film nicht in erster Linie um Kräne, Tunnel oder den täglichen Baufortschritt. Spannender – und gelegentlich zäher – ist die Rückfrage: Wann wurden die entscheidenden Weichen gestellt, und warum?
„Stuttgart 21 – die Jahrhundertbaustelle“ zeichnet nach, wie aus einer politischen Idee eine bis heute nicht fertiggestellte Großbaustelle mitten in Stuttgart wurde. Wer an der Stadt vorbeikommt, kennt das Bild: Bauzäune, Umwege, veränderte Wege. Hinter diesen sichtbaren Spuren liegen Jahrzehnte politischer Entscheidungen, Finanzdebatten und Streit.
Die Dokumentation läuft am 28. September 2026 um 23:35 Uhr im Ersten und ist bereits in der ARD-Mediathek verfügbar. Heute ist der 30.09.2026 – die Sendung ist also schon ausgestrahlt, während die Geschichte von Stuttgart 21 weitergeht.
