Südkoreas 120-Milliarden-Dollar-Atomoffensive in den USA hat noch keinen Bauplatz
Südkorea will bis zu 120 Milliarden US-Dollar für den Bau von acht großen Atomreaktoren in den USA bereitstellen. Das Vorhaben ist Teil eines Investitionspakets über insgesamt 350 Milliarden Dollar, das Seoul im Zuge eines Handelsabkommens zugesagt hat. Konkret wird es trotzdem erst, wenn Standorte, Zeitpläne, Genehmigungen und Geschäftsbedingungen feststehen. Genau da liegt derzeit der Haken.
Als mögliche Standorte nannte US-Handelsminister Howard Lutnick Ohio, Tennessee, South Carolina und Kentucky. Nach Angaben aus den bisherigen Gesprächen könnten auch Grundstücke der US-Regierung infrage kommen. Festgelegt ist bislang allerdings kein einziger Standort, für kein Atomprojekt liegt eine Genehmigung vor.
120 Milliarden Dollar für acht Reaktoren
Der geplante Reaktormix besteht aus sechs AP1000-Anlagen des US-Unternehmens Westinghouse und zwei südkoreanischen APR1400-Reaktoren. Südkoreanische Firmen sollen Bauleistungen und Ausrüstung liefern. Der Finanzrahmen sieht 100 Milliarden Dollar für den eigentlichen Bau und weitere 20 Milliarden als Reserve vor.
Die USA und Südkorea haben dafür einen Rahmenvertrag skizziert. Einzelne Projekte sollen erst dann bekanntgegeben werden, wenn Standorte, Zeitpläne und kommerzielle Bedingungen geklärt sind. Bis Ende 2026 soll außerdem die Überweisung einer Vorauszahlung von 10 Milliarden US-Dollar ermöglicht werden. Das Geld wäre vor allem für langlebige und frühzeitig benötigte Komponenten gedacht.
Washington möchte mit den acht Anlagen auch das Ziel unterstützen, bis 2030 zehn große Reaktoren im Bau zu haben. Südkorea will jedoch vor endgültigen Investitionsentscheidungen die Wirtschaftlichkeit jedes einzelnen Projekts prüfen. Die konservative Opposition in Seoul bezweifelt die Rentabilität und verlangt eine stärkere Kontrolle durch das Parlament.
Zum Paket gehört außerdem eine „signifikante Minderheitsbeteiligung“ südkoreanischer Unternehmen an Westinghouse. Die Details sind noch offen. Seoul erhofft sich davon einen besseren Zugang zum US-Markt und bessere Exportchancen. KEPCO will Erfahrungen aus der südkoreanischen Energiewirtschaft und vom Bau des Kernkraftwerks Barakah in den Vereinigten Arabischen Emiraten einbringen. Der in Südkorea entwickelte APR1400 soll so erstmals stärker im US-Markt sichtbar werden und die Technologie- und Projektmanagementfähigkeiten der koreanischen Nuklearindustrie zeigen.
Westinghouse erklärte, das Abkommen stärke die Zusammenarbeit beider Länder und unterstütze den Ausbau der Kernenergie. Cameco, das 49 Prozent an Westinghouse hält, teilte mit, die Projekte sollten auf Bundesgeländen umgesetzt werden. Zunächst seien zwei AP1000-Reaktoren vorgesehen. Nach Einschätzung von Cameco wird eine mögliche südkoreanische Beteiligung den eigenen Anteil weder verwässern noch verändern.
Das Abkommen enthält laut Cameco außerdem eine einmalige Ausnahme von der 2025 geschlossenen Vereinbarung zum Streit über geistiges Eigentum zwischen Westinghouse, KEPCO und KHNP. Dadurch würde der Bau von bis zu zwei APR1400-Reaktoren in den USA möglich. Westinghouse dürfte dafür voraussichtlich rund 2 Milliarden US-Dollar pro APR1400 erhalten – unter anderem für Lizenzen, Ingenieur- und Beschaffungsleistungen, Unteraufträge sowie langfristige Lieferungen von Brennstofffertigungsleistungen.
Gas für Rechenzentren soll schneller kommen
Neben der Kernkraft ist ein Gaskraftwerk in Texas vorgesehen. Die Angaben schwanken zwischen knapp 6,5 und 6,3 Gigawatt Leistung. Entstehen soll es in Encinal, die Energie ist vor allem für KI-Rechenzentren gedacht. Der Ausbau soll stufenweise erfolgen: zunächst mit 1,4 Gigawatt Gasturbinenleistung, später mit 4,9 Gigawatt Kombikraftwerksleistung.
Der Preis soll nach Verhandlungen bei etwa 22 Milliarden US-Dollar liegen. Südkorea hatte zunächst 20 Milliarden vorgeschlagen, die USA 25 Milliarden. Teilbetrieb ist ab 2029 geplant, die vollständige Inbetriebnahme für 2032. Das Gasprojekt soll schneller Strom für Rechenzentren liefern, weil der Bau von Atomkraftwerken typischerweise deutlich länger dauert.
Zusätzlich steht ein Flüssiggasprojekt in Alaska auf der Liste. Eine endgültige Investitionszusage gibt es entgegen früheren Darstellungen von US-Präsident Donald Trump zunächst nicht. Südkorea macht seine Entscheidung von tragfähigen Geschäftsbedingungen abhängig.
Das Energiepaket hängt mit dem im vergangenen Oktober geschlossenen Handelsabkommen zusammen. Die USA senkten die Zölle auf zahlreiche südkoreanische Waren, darunter Autos, von 25 auf 15 Prozent. Im Gegenzug sagte Seoul 350 Milliarden US-Dollar an US-Produktionsinvestitionen und 100 Milliarden US-Dollar an US-Energiezukäufen zu. Von den 350 Milliarden sind 150 Milliarden für den Schiffbau vorgesehen, rund 200 Milliarden für strategische Investitionen in weitere Schwerpunktsektoren. Investitionen von Samsung Electronics und SK hynix in US-Halbleiterfabriken sollen nicht zu dieser Tranche gehören.
Wegen Verzögerungen hatte Trump im Januar mit einer Rückkehr zu den höheren Zöllen gedroht. Die US-Seite schlägt offenbar vor, 120 Milliarden Dollar aus dem vereinbarten Paket für die acht Reaktoren zu verwenden. Südkorea bevorzugt hingegen eine allgemeinere Formulierung zur „Zusammenarbeit beim Bau von acht Kernkraftwerken“ statt eines festen Dollarbetrags.
Erinnerung an Vogtle bleibt frisch
In den USA wurden zuletzt nur wenige neue Reaktoren gebaut. Vogtle 3 und 4 im Bundesstaat Georgia gingen 2023 und 2024 in Betrieb. Sie waren die einzigen Reaktoren, deren Bau in diesem Jahrhundert in den USA begonnen und abgeschlossen wurde. Die Kosten kletterten von ursprünglich geplanten 14 Milliarden auf rund 35 Milliarden Dollar, die Fertigstellung verzögerte sich um mehrere Jahre. Keine Kleinigkeit, wenn ein neues Kraftwerk schon auf dem Papier Milliarden verschlingt.
Südkoreas Industrieminister Kim Jung-kwan setzt deshalb auf die Erfahrung koreanischer Bauunternehmen. Sie soll helfen, Kostensteigerungen zu begrenzen. Auch Cameco verweist auf eine bedingte Finanzierungszusage des US-Energieministeriums für die amerikanische Nuklear-Lieferkette. Dadurch könnten sich die Bauzeiten von AP1000-Reaktoren um bis zu drei Jahre verkürzen.
Cameco-Chef Tim Gitzel erklärte, sein Unternehmen unterstütze den Ausbau der US-Kernkraftkapazität und das Ziel, die zivile US-Kernkraftkapazität bis 2050 zu vervierfachen. KEPCO begrüßte das Rahmenabkommen und erklärte, es bestätige die US-südkoreanische Vereinbarung über strategische Investitionen von 2025.
Der Herausgeber des World Nuclear Industry Status Report, Mycle Schneider, warnt allerdings davor, dass die Trump-Regierung den Stand der bilateralen Verhandlungen möglicherweise vorschnell darstelle. Nach aktuellen Berichten sei bislang nur das Gasprojekt in Texas weitgehend ausgehandelt. Für die Atomprojekte fehlen weiterhin konkrete Standorte und Genehmigungen.
Viele offene Punkte, wenig Beton vor Ort
Laut Wall Street Journal stand Südkorea zuletzt kurz vor einem Energiepaket mit den USA im Wert von mehr als 100 Milliarden US-Dollar. Eine Vereinbarung hätte bereits in der folgenden Woche bekanntgegeben werden können; bei einem Vertragsabschluss noch vor Monatsende wollte Seoul eine erste Zahlung von mehr als 2 Milliarden US-Dollar leisten. Ein Memorandum of Understanding wurde für den 18. September genannt. Offiziell bestätigt war der Abschluss jedoch nicht.
Das südkoreanische Handelsministerium erklärte, es seien keine Entscheidungen getroffen worden. Das Weiße Haus äußerte sich nicht, KEPCO verwies auf laufende Gespräche, und Westinghouse gab zunächst keinen Kommentar ab. Vor einer Unterzeichnung muss das Paket mehrere Prüfungen in Südkorea durchlaufen und anschließend dem Parlament vorgelegt werden.
Offen bleibt vor allem, ob der APR1400 ausdrücklich in der Vereinbarung genannt wird, welche US-Standorte ausgewählt werden und ob am Ende tatsächlich ein fester Betrag von 120 Milliarden Dollar steht oder nur eine allgemeine Kooperationsformel. Frühere Verhandlungen hatten unterschiedliche Reaktorkombinationen vorgesehen; die aktuelle Berichterstattung deutet auf AP1000-Anlagen in einer ersten Phase und APR1400-Reaktoren später hin.
Westinghouse ist dabei nicht der einzige Akteur mit eigenen Interessen. Für die USA geht es um neue Stromkapazität und um die Wiederbelebung einer lange zähen Baupraxis. Für Seoul stehen Exportchancen, Lieferketten und der Zugang zum amerikanischen Markt auf dem Spiel. Und für jedes einzelne Projekt gilt weiterhin: Erst rechnen, dann bauen. Oder, wie man auf einer Baustelle sagen würde: Der erste Spatenstich ist noch lange nicht gemacht.
