Thüringens Bauwirtschaft hat in den ersten sieben Monaten 2026 deutlich mehr Aufträge eingesammelt. Nominal kamen rund 1,5 Milliarden Euro zusammen – 216,6 Millionen Euro oder 17,2 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Beim Umsatz sieht das Bild nüchterner aus: Das Thüringer Bauhauptgewerbe erzielte rund 1,3 Milliarden Euro, ein Plus von 3,0 Prozent beziehungsweise etwa 38,5 Millionen Euro.

Die Zahlen zeigen damit zweierlei. Auf den Baustellen und in den Auftragsbüchern bewegt sich etwas, doch zwischen Auftrag und tatsächlich abgerechnetem Umsatz liegt Zeit. Gerade in einer Branche, in der Bagger, Gerüste und Kolonnen nicht auf Knopfdruck loslegen, macht sich diese Verzögerung bemerkbar.

Öffentliche Projekte geben den Takt vor

Höhere Auftragseingänge gab es in allen Bauarten. Im öffentlichen Bau und Straßenbau stieg das Volumen um rund 127,0 Millionen Euro oder 18,0 Prozent. Noch kräftiger legte der Wohnungsbau bei den neuen Aufträgen zu: um rund 31,9 Millionen Euro, das entspricht 41,9 Prozent.

Beim Umsatz fällt die Entwicklung allerdings auseinander. Der gewerbliche Bau lag 5,5 Prozent über dem Vorjahreswert, der öffentliche Bau und Straßenbau um 2,0 Prozent. Im Wohnungsbau blieb der Umsatz dagegen 2,2 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. Mehr Bestellungen, aber noch kein entsprechender Geldfluss – das klingt trocken, ist für Betriebe mit laufenden Kosten aber ziemlich konkret.

Ein ähnliches Zwischenbild hatte sich bereits für die ersten fünf Monate 2026 gezeigt: Der Auftragseingang war gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund 26 Prozent auf etwa 1 Milliarde Euro gestiegen. Nach Angaben des Landesamts für Statistik vom 23. Juli 2026 wurde dieser Zuwachs vor allem vom öffentlichen Bau und vom Straßenbau getragen. Der Umsatz des Bauhauptgewerbes lag bis Ende Mai trotz der höheren Auftragseingänge noch unter dem Vorjahresniveau.

Die Landesregierung verweist laut ntv vom 23. Juli 2026 auf ein hohes Investitionsvolumen des Freistaats Thüringen und zusätzliche Mittel aus dem Sondervermögen des Bundes. Welche konkreten Projekte hinter dem Schub stehen, ist damit allerdings noch nicht vollständig beantwortet.

Landtag fragt nach Auftraggebern und Folgen

Eine Anfrage an die Landesregierung soll deshalb genauer aufschlüsseln, wie sich die Auftragseingänge in den ersten fünf Monaten 2026 auf Wohnungsbau, Wirtschaftsbau, öffentlichen Hochbau und öffentlichen Tiefbau verteilten – jeweils absolut und prozentual im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Gefragt wird außerdem nach den konkreten Investitionsmaßnahmen des Landes und des Bundes, die maßgeblich zum Anstieg der öffentlichen Bauaufträge beigetragen haben. Auch der Anteil der öffentlichen Auftragseingänge nach Auftraggebern soll genannt werden: Freistaat Thüringen, Bund und Kommunen.

Auf dem Tisch liegen weitere Punkte, die für die Betriebe mindestens ebenso wichtig sind: Wie beurteilt die Landesregierung die weiterhin unter dem Vorjahresniveau liegenden Umsätze trotz deutlich gestiegener Auftragseingänge? Was bedeutet die Entwicklung für die Beschäftigung im Thüringer Bauhauptgewerbe bis Ende 2026? Und in welchem Umfang profitieren kleine und mittelständische Thüringer Bauunternehmen von den zusätzlichen öffentlichen Investitionen – verglichen mit überregionalen Unternehmen?

Auch der Wohnungsbau wird ausdrücklich angesprochen. Die Landesregierung soll einschätzen, welche Auswirkungen die gestiegenen öffentlichen Bauaufträge auf die für den Wohnungsbau verfügbaren Kapazitäten haben. Denn der Wohnungsbau war in den vergangenen Jahren von einer rückläufigen Auftragsentwicklung geprägt, während öffentliche Projekte nun offenbar stärker auf Personal, Maschinen und Bauzeit zugreifen.

Die wirtschaftliche Lage der Bauwirtschaft bleibt angespannt. Das ist die weniger glänzende Seite der Milliardenmeldung. Ein voller Auftragseingang hilft, aber er beseitigt weder hohe Kosten noch knappe Kapazitäten und schon gar nicht automatisch die Probleme im Wohnungsbau.

Greiz und Jena vorn, Gera deutlich im Minus

Regional liegen die Entwicklungen weit auseinander. In elf Landkreisen und kreisfreien Städten stiegen die Umsätze gegenüber dem Vorjahr. Im Landkreis Greiz betrug das Plus 35,5 Prozent, in der Stadt Jena 25,4 Prozent.

Neun Kreise meldeten dagegen niedrigere Umsätze. In der Stadt Gera fiel der Rückgang mit 32,8 Prozent besonders deutlich aus, im Landkreis Gotha lag der Umsatz 16,2 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Umsatzstärkste Region war die Stadt Erfurt. Es folgten das Weimarer Land, Nordhausen und der Wartburgkreis. Auf den Baustellen dürfte sich diese Rangfolge freilich weniger spektakulär anfühlen als in einer Statistik: morgens Maschinenlärm, mittags Staub in der Luft, dazwischen Telefonate über Material und Termine.

Mehr Entgelt, aber keine Entwarnung

Durchschnittlich waren von Januar bis Juli 2026 279 Betriebe mit 13.745 tätigen Personen berichtspflichtig. Die kumulierten Entgelte je tätige Person lagen 683,90 Euro beziehungsweise 2,8 Prozent über dem Vergleichszeitraum 2025.

Die politische Anfrage trägt die Vorgangsnummer 8/2998KA und die Drucksachennummer 8/2998. Sie datiert vom 10. August 2026 und umfasst zwei Seiten als PDF. Für die Unternehmen dürfte nun entscheidend sein, ob aus den angekündigten und abgefragten Investitionen tatsächlich verlässlich planbare Baustellen werden – und ob dabei neben Straßen und öffentlichem Tiefbau auch wieder mehr Raum für Wohnungen bleibt.