Auf österreichischen Baustellen wird noch immer weitgehend linear gedacht: Material kommt an, wird eingebaut und landet irgendwann als Abfall irgendwo. Die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen ist bislang die Ausnahme – obwohl gerade hier enormes Potenzial schlummert. Eine neue Studie der TU Wien zeigt, wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Alltag ist.

Österreich will bis 2040 klimaneutral werden. Dafür müssten die Emissionen laut der Untersuchung jedes Jahr um mindestens 7 Prozent sinken. Werden die Klimaziele bis 2030 verfehlt, könnten Ausgleichszahlungen von bis zu 5,9 Milliarden Euro fällig werden. Das ist keine kleine Zahl, die irgendwo in einer Tabelle verschwindet.

Ein Baustoff-Rucksack wie ein Airbus

Jährlich kommen in Österreich rund 77 Millionen Tonnen Baustoffe in Gebäuden, Straßen und anderer Infrastruktur hinzu. Pro Einwohner ergibt das einen „Baustoff-Rucksack“ von etwa 360 Tonnen – ungefähr so viel wie ein Airbus A380. Gleichzeitig entstehen rund 49 Millionen Tonnen Bauabfälle.

Rund 78 Prozent der Bau- und Abbruchabfälle werden stofflich verwertet. Das klingt zunächst ordentlich, doch ein erheblicher Teil wird downgecycelt. Von dem Output der Recyclinganlagen sind nur etwa 65 Prozent uneingeschränkt nutzbar. Aus hochwertigen Materialien werden dann beispielsweise Füllstoffe oder andere Produkte mit geringeren Anforderungen.

Noch deutlicher wird das Problem beim Bodenaushub. Mit rund 38 Millionen Tonnen jährlich ist er der größte einzelne Abfallstrom und macht 57 Prozent des gesamten österreichischen Abfallaufkommens aus. Technisch wären bis zu 90 Prozent verwertbar, tatsächlich werden aber nur 21 Prozent stofflich genutzt. Knapp 60 Prozent landen auf Deponien. Der übrige Anteil wird statistisch weder der Deponierung noch der Verwertung zugerechnet – etwa wegen Lagerveränderungen oder einer späteren Zuordnung zu anderen Abfallbehandlungen. Was verwertet wird, endet zudem überwiegend im Downcycling, etwa als Untergrundfüllung.

Neun Empfehlungen für mehr Kreislauf

Die Potenzialstudie „kreislaufwirtschaft:bauen“ wurde von zwei Instituten der TU Wien erstellt: dem Institut für Hoch- und Industriebau unter Leitung von Prof. Iva Kovacic und dem Institut für Wassergüte und Ressourcenmanagement unter Leitung von Prof. Helmut Rechberger. Angestoßen wurde die Untersuchung vom Baukonzern Strabag.

Die Autorinnen und Autoren werteten Baustoffströme aus, führten Interviews mit Expertinnen und Experten und stellten Beispielrechnungen zu CO₂-Emissionen sowie Berechnungen zu Lebenszykluskosten an. Daraus entstanden neun Handlungsempfehlungen für Politik, Verwaltung und Bauwirtschaft.

Gefordert werden unter anderem praxistauglichere Qualitätskriterien für Recyclingbaustoffe, mehr regulatorischer Spielraum für die Verwertung von Bodenaushub und Förderungen für neue, hochwertige Verwertungswege. Auch ein verpflichtender Gebäuderessourcenpass steht auf der Liste. Vor Abrissen sollen standardisierte Re-Use-Prüfungen stattfinden, öffentliche Auftraggeber verbindliche Zirkularitätskriterien anwenden und Forschung sowie Pilotprojekte stärker gefördert werden. Für wiederverwendete Bauteile empfehlen TU Wien und Strabag außerdem eine standardisierte Zertifizierung.

Moderne Recyclingtechnologien allein werden dafür nicht reichen. Nötig sind auch bessere Daten über die Materialzusammensetzung bestehender Bauwerke und Rahmenbedingungen, die hochwertige Kreisläufe nicht ausbremsen. Ein Gebäude ist schließlich kein Überraschungsei: Wenn niemand weiß, was in Wänden, Decken und Fundamenten steckt, wird der Rückbau mühsam, teuer und oft unnötig zerstörerisch.

Die systematische Wiederverwendung ganzer Bauteile wird bisher kaum eingesetzt. Dabei zeigen Referenzprojekte mögliche CO₂-Einsparungen von bis zu 91 Prozent. Wiedergewonnene Materialien waren teilweise rund 20 Prozent günstiger als Neuprodukte. Kreislaufoptimierte Gebäude können über ihren gesamten Lebenszyklus geringere Kosten verursachen als konventionelle Bauweisen. Besonders wichtig sind Primärkonstruktionen und tragende Bauteile, weil dort die größten Materialmengen liegen.

Vom Abrissobjekt zum Materiallager

Die Debatte passt in einen größeren europäischen Rahmen. Weltweit zählt die Bauindustrie zu den größten Energieverbrauchern. In der EU verursacht sie fast 40 Prozent der Emissionen und rund ein Drittel des gesamten Abfalls. Nur etwa 40 Prozent der Bauabfälle werden recycelt oder wiederverwendet.

Das Austrian Institute of Technology, kurz AIT, arbeitet deshalb mit Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik an Konzepten für ressourcenschonendes und zirkuläres Bauen. Die Idee dahinter ist simpel, die Umsetzung aber nicht: Gebäude sollen von Beginn an für Rückbau und Wiederverwendung geplant werden, Baumaterialien sollen länger im Umlauf bleiben und digitale Systeme sollen zeigen, wo welches Material steckt.

Das AIT unterscheidet drei Ebenen der Zirkularität. Bei der Energiezirkularität geht es um das effiziente Management von Energieflüssen einschließlich der Logistik. Informationszirkularität nutzt Daten, um Entscheidungen zu verbessern. Materialzirkularität wiederum zielt auf geschlossene Materialkreisläufe und damit auf weniger Abfall und einen geringeren Verbrauch neuer Rohstoffe.

Eine Lösung von der Stange gibt es dabei nicht. Standortbedingungen und vorhandene Bausubstanz entscheiden wesentlich darüber, welche zirkulären Technologien sinnvoll sind. In den vergangenen Jahren ist das Interesse an solchen Baukonzepten zwar gestiegen, der Einsatz von Sekundärmaterialien bleibt aber gering, während der Verbrauch von Primärmaterialien weiter zunimmt. Das ist ein ziemlich widersprüchliches Bild.

Für eine breitere Anwendung braucht es laut AIT mehr Recyclingzentren und spezialisierte Rückbauunternehmen. Dazu kommen Schulungsprogramme und Zertifizierungen für Akteure der Bauwirtschaft sowie angepasste Finanzierungs- und Versicherungsmodelle. Wissenschaft und Praxis müssen dabei eng zusammenarbeiten. Das AIT erprobt unter anderem Pop-up Labs auf Baustellen, Echtzeitsimulationen im City Intelligence Lab und interdisziplinäre Methoden für gemeinsame Entscheidungen bei komplexen Projekten.

Regeln, Daten und ein Blick auf den Betrieb

Auf europäischer und nationaler Ebene gibt es bereits mehrere Anknüpfungspunkte: Der Circular Economy Action Plan soll Ressourceneffizienz und Dekarbonisierung im Bausektor voranbringen. Die Abfallrahmenrichtlinie, kurz WFD, nennt ein Ziel von 70 Prozent Wiederverwertung bei Bau- und Abbruchabfällen. EPBD und EED zielen auf die Dekarbonisierung des Gebäudebestands bis 2050. Level(s) bietet einen europäischen Bewertungsrahmen für nachhaltige Gebäude.

Hinzu kommen die Neue Bauprodukteverordnung 2024 mit der Nachhaltigkeitsbewertung von Bauprodukten, die österreichische Kreislaufwirtschaftsstrategie zur Förderung von Ressourcenschonung und Materialeffizienz im Bauwesen sowie die Kreislaufwirtschaftsstrategie der Stadt Wien mit lokalen Maßnahmen für nachhaltige Stadtentwicklung und zirkuläres Bauen.

Kreislaufwirtschaft endet außerdem nicht beim Materiallager. Das AIT bietet auch Lösungen für den laufenden Gebäudebetrieb an: Bei der kostenoptimalen Auslegung werden komplexe Energieversorgungssysteme mit Strom, Wärme, Wärmepumpen und Lebenszykluskosten betrachtet. Innovative Energiekonzepte verbinden Energieerzeugung, Speicherung, Strom-Wärme-Kopplung und dezentrale Anlagen wie Photovoltaik und Batteriespeicher.

Mit einem Inbetriebnahme-Test, dem Controller-In-The-Loop-Verfahren (CIL), lassen sich Regelstrategien für die Gebäudeautomation frühzeitig am digitalen Regler-Prüfstand prüfen und verbessern. Das soll Inbetriebnahmezeiten, Betriebsprobleme und Kosten reduzieren. Im Monitoring und bei der Betriebsoptimierung kommen Datenanalyse, Modellbildung, maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz zum Einsatz – für Effizienzbewertungen, die frühe Erkennung von Fehlern und konkrete Verbesserungsmaßnahmen.

Genannt werden in diesem Zusammenhang die Projekte PowerPack Immobilie II, metaTGA und MetabuildingLabs. Auf der Baustelle selbst riecht das alles noch immer nach Staub, Diesel und frisch geschnittenem Beton. Aber wenn künftig schon vor dem ersten Baggerhub bekannt ist, welche Bauteile weiterleben können, könnte aus dem Abriss tatsächlich ein ziemlich gut sortierter Anfang werden.