Vonovia stoppt nach 1.000 Wohnungen vorerst neue Berliner Bauprojekte wegen Enteignungsdebatte
In Berlin wird vorerst weniger gebaut: Vonovia stoppt neue Neubauprojekte in der Hauptstadt, sobald die derzeit geplanten rund 1.000 Wohnungen fertiggestellt sind. Danach sollen zunächst keine weiteren Vorhaben starten. Konzernchef Luka Mucic begründet den Schritt mit politischen Unsicherheiten, die sich inzwischen direkt auf die Investitionsentscheidungen auswirken.
Für Vonovia geht es dabei nicht nur um Berliner Landespolitik, sondern auch um Milliarden, die über Jahrzehnte in neuen Wohnungen gebunden wären. Der Beleihungsgrad des Konzerns lag am 30. Juni 2026 bei 46,0 Prozent, nach 45,4 Prozent im Vorjahr. Diese Verschuldungsquote beeinflusst die Strategie: Kapital muss dorthin fließen, wo die Rahmenbedingungen verlässlich erscheinen.
Enteignungsdebatte bremst neue Projekte
Vonovia will in Berlin so lange keine neuen Wohnungsprojekte beginnen, wie die mögliche Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände politisch diskutiert wird. Gemeinsam mit der Tochtergesellschaft Deutsche Wohnen besitzt der Konzern rund 130.000 Wohnungen in Berlin – weniger als 8 Prozent des gesamten Wohnungsbestands der Stadt.
Der Zeitpunkt ist politisch aufgeladen. Bei der Wahl am 20. September 2026 wurde Die Linke mit 25,7 Prozent stärkste Kraft. Sie fordert, große Wohnungsbestände in Gemeineigentum zu überführen. Die SPD lehnt Enteignungen ab. Linke, SPD und Grüne sondieren eine neue Berliner Landesregierung, und irgendwo dazwischen hängt nun die Frage, ob auf Berlins Baustellen weitergemacht wird.
Auch auf Bundesebene gibt es Bewegung: Die Bundeskoalition vereinbarte im Juli 2026, Landesgesetze zur Enteignung von Wohnungskonzernen durch ein Bundesgesetz auszuschließen. Vonovia muss seine Berliner Vorhaben trotzdem gegen Investitionen an Standorten abwägen, an denen keine Enteignung droht.
Der mögliche Eingriff trifft den Kern der Kalkulation. Neubauprojekte binden über Jahrzehnte Kapital. Sollte ein Wohnungsbestand später gegen eine Entschädigung unterhalb des Marktwerts übertragen werden, sieht Vonovia die wirtschaftliche Grundlage für neue Wohnungen gefährdet. Der Gesetzentwurf der Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ sieht laut Deutsche Wohnen eine Entschädigung von 40 bis 60 Prozent des Marktwerts vor. Betroffen wären Unternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen in Berlin.
Was bisher beschlossen wurde
Der Volksentscheid zur Vergesellschaftung erhielt 2021 zwar eine Mehrheit, rechtlich bindend war er jedoch nicht. Im März 2026 beschloss das Berliner Abgeordnetenhaus ein Rahmengesetz. Wohnungen werden dadurch noch nicht übertragen. Dafür wäre ein eigenes Berliner Gesetz nach Artikel 15 des Grundgesetzes erforderlich.
Mucic äußerte sich im September 2026 zuversichtlich, dass die Vergesellschaftung umgesetzt werde. Ob Vonovia künftig wieder neue Berliner Projekte plant, hängt laut dem Bericht vom Koalitionsvertrag ab. Wird die Vergesellschaftung ausgeschlossen, entfiele der von Vonovia genannte Grund für den Baustopp.
Dass der Konzern bei Neubauplänen auf die Bremse steigt, ist allerdings nicht völlig neu. Bereits im Januar 2023 kündigte Vonovia einen generellen Baustopp an. Vorstand Daniel Riedl erklärte damals, im gesamten Jahr keine neuen Bauprojekte beginnen zu wollen – auch nicht in Berlin. Als Gründe nannte er gestiegene Zinsen und Baukosten, die um mehr als 16 Prozent zugelegt hatten. Im Herbst 2023 bezifferte Vonovia die zurückgestellten Wohnungen auf 60.000. Vorstandschef Rolf Buch verwies zusätzlich auf die Debatte über einen Mietenstopp.
Folgen für Wohnungsmarkt und Region
Seit 2013 hat Vonovia in Berlin etwa 6.000 Wohnungen gebaut. Nun sollen die bereits laufenden Projekte mit rund 1.000 Wohnungen noch fertig werden, danach wird es erst einmal stiller auf den Baustellen des Konzerns. Das verringert vorerst das Angebot an neuen Mietwohnungen – in einer Stadt, in der jede zusätzliche Wohnung schnell gebraucht wird.
Für Mieterinnen und Mieter in Vonovia-Bestandswohnungen ändert sich durch die Ankündigung zunächst nichts. Anders sieht es bei den Unternehmen aus, die an neuen Projekten hängen: Bauunternehmen und Handwerksbetriebe in der Region verlieren vorerst einen großen Auftraggeber. Auf Baustellen bedeutet das nicht nur weniger Lärm und weniger Betonstaub, sondern auch weniger Arbeit für viele Firmen, die ihre Aufträge lange im Voraus planen müssen.
Vonovia erklärte bereits im August, dass die Marktunsicherheiten im Neubau weiter spürbar seien. Die politische Debatte kommt damit zu hohen Zinsen, gestiegenen Baukosten und einer angespannten Finanzierungsrechnung hinzu. Heute, am 16.10.2026, ist deshalb nicht nur offen, wann in Berlin wieder neue Vonovia-Projekte beginnen. Offen ist auch, welche politische Entscheidung am Ende aus einer Investitionspause einen längeren Stillstand macht.
