Wie der Schweizer Baumeisterverband KI vom Formular bis zum Baustellenrapport bringt
Auf Schweizer Baustellen zieht künstliche Intelligenz (KI) langsam, aber spürbar ein. Nicht mit blinkenden Robotern zwischen Betonmischer und Gerüst, sondern zunächst dort, wo viel Zeit in Formularen, Tabellen und Dokumentationen hängen bleibt. Rund die Hälfte der Bauarbeit besteht laut Dominik Lüthi, Sprecher des Schweizerischen Baumeisterverbands, aus Administration. Genau hier soll KI den Alltag erleichtern – und vielleicht auch junge Leute für Bauberufe gewinnen.
Seit Anfang 2025 bietet der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) KI-Workshops an. Mehr als 300 Personen haben daran laut Schweizer Radio und Fernsehen bereits teilgenommen, die Nachfrage steigt. Aktuell laufen vier bis fünf Workshops pro Quartal, weitere Kurse sind geplant. Der SBV beschreibt das Angebot als modulare Workshopreihe für Bauunternehmen in der digitalen Transformation. Sie soll konkrete Werkzeuge vermitteln, ist auf die Schweizer Baubranche zugeschnitten, praxisorientiert und unabhängig buchbar. Auf der Website des Verbands ist von über 15 durchgeführten Workshops mit mehr als 250 Teilnehmenden aus der Schweizer Baubranche die Rede.
Zwischen Kalkulation und Baustellenrapport
Zum Einsatz kommt KI derzeit vor allem bei Planung, Kalkulation und Dokumentation. Sie hilft etwa bei der Arbeitsvorbereitung oder dabei, Lärmschutzvorgaben einzuhalten. Auf der Baustelle selbst ist ihr Auftritt noch kleiner. Für Rapporte und Dokumentationen wird sie aber bereits genutzt – dort, wo am Ende des Tages oft noch schnell etwas eingetragen werden muss, während draußen der Staub in den Kleidern steckt.
Die Workshopreihe des SBV ist in vier Bausteine gegliedert. Modul 1 vermittelt KI-Grundlagen für Fach- und Führungskräfte ohne Vorkenntnisse. Der Vortrag mit Fragerunde dauert zwei bis drei Stunden und behandelt eine Einführung in KI, einen Überblick über Tools, Anwendungsfälle sowie Chancen und Risiken. Für SBV-Mitglieder ist das Modul kostenlos, Nicht-Mitglieder zahlen CHF 1’500.
In der Praxis-Werkstatt, Modul 2, arbeiten digital affine Anwender mit ersten KI-Erfahrungen drei bis vier Stunden interaktiv. Es geht um die Anwendung von KI-Tools, einfache Custom GPTs und praktische Übungen. SBV-Mitglieder zahlen CHF 750, für Nicht-Mitglieder kostet das Modul CHF 1’750.
Modul 3a richtet sich an Geschäftsleitungen, Bereichsleitende und strategisch Verantwortliche. Im halbtägigen Workshop zur KI-Strategie entwickeln sie eine digitale Vision, prüfen strategische Chancen und Risiken und erarbeiten erste Bausteine einer Roadmap. Der Preis beträgt CHF 750 pro Person für SBV-Mitglieder und CHF 1’250 für Nicht-Mitglieder.
Parallel dazu nimmt Modul 3b die Datenstrategie in den Blick. IT-Leads, digitale Projektverantwortliche und Innovationsbeauftragte bewerten den Daten-Reifegrad, entwickeln einen datenbasierten Fahrplan und formulieren strategische Use Cases. Auch dieser halbtägige Vertiefungsworkshop kostet CHF 750 pro Person für SBV-Mitglieder beziehungsweise CHF 1’250 für Nicht-Mitglieder.
Junge Leute probieren es aus
Der Fachkräftemangel treibt die Entwicklung an. Dazu kommt das Interesse junger Menschen an Berufen, die als zukunftssicher gelten. Arno Zehnder nutzt ChatGPT in seiner Ausbildung zur Fehlersuche. Julian Fürer setzt KI ein, wenn Winkel und Biegungen berechnet werden müssen. Beide wissen allerdings: Die Sache hat Grenzen. Bei älteren Maschinen oder komplizierten Fragestellungen liefert die Technologie nicht automatisch brauchbare Antworten. Manchmal muss man eben doch selbst nachmessen – und zweimal hinschauen.
Auch an den Berufsschulen kommt das Thema zunehmend im Unterricht an. Für viele kleine und mittlere Unternehmen im Bauhauptgewerbe beginnt die KI-Reise allerdings erst. Die Werkzeuge sind da, die Erfahrung fehlt häufig noch; zwischen Neugier und der Frage, wer am Ende für ein falsches Ergebnis geradesteht, liegt ein ordentliches Stück Arbeit.
Je kritischer das Projekt, desto genauer die Regeln
Gerade deshalb gewinnen Risikoklassen in der Bauwirtschaft an Bedeutung. Sie bewerten, wie kritisch ein Bauprojekt oder eine eingesetzte Technologie für Sicherheit, Rechte und öffentliche Interessen ist. Daraus ergeben sich Verantwortung, Prüfpflichten und die nötige Sorgfalt – technisch, rechtlich und organisatorisch. Im Zuge von Digitalisierung, KI-Einsatz, Vergabe und Projektsteuerung sollen Risikoklassen Orientierung und Handlungssicherheit geben: Welche Prüfungen sind erforderlich? Welche rechtlichen Vorgaben gelten? Wer ist wofür verantwortlich? Und welche Kompetenzen müssen die Beteiligten mitbringen?
Bei höheren Risikoklassen steigen die Anforderungen an Dokumentation, Kontrolle und Qualifikation. Ein niedriges Risiko liegt etwa bei Wohnungsbau in Standardbauweise, bei Verwaltungs- oder Bürogebäuden ohne sicherheitskritische Nutzung oder beim Einsatz digitaler Tools für Dokumentation und Terminplanung vor. Dann gelten normale Prüf- und Sorgfaltspflichten, die Haftungsrisiken bleiben überschaubar.
Mittleres Risiko wird beispielsweise Schulen, Kindergärten, Versammlungsstätten oder öffentlicher Infrastruktur mit begrenzter Kritikalität zugeordnet. Auch digitale Systeme zur Kosten-, Termin- oder Qualitätssteuerung können in diesen Bereich fallen. Hier wachsen die Anforderungen an Planungstiefe, Koordination und die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen. Ein Klick auf ein KI-Tool ersetzt dann keine Prüfung – schon gar nicht, wenn später jemand wissen muss, wie eine Zahl, ein Termin oder eine Empfehlung zustande kam.
Quellen: SRF, Schweizerischer Baumeisterverband und BVM Seminare. Stand: 25.09.2026. Ort: Bau Digitalisierung.
