Vergesellschaftungspläne in Berlin bremsen Kredite und Wohnungsneubau
Berlin, 12.10.2026 – Auf dem Wohnungsmarkt wird das Geld knapp. Berliner Baugesellschaften erhalten derzeit deutlich schwerer Kredite für neue Wohnungsbauprojekte. Als Auslöser gilt die Ankündigung der Berliner Linkspartei, große Immobilienkonzerne zu vergesellschaften. Im Wahlkampf hatte die Partei versprochen, Immobilienkonzerne mit mehr als 3.000 Wohnungen zu enteignen – und damit die Abgeordnetenhauswahl gewonnen.
Inzwischen verhandelt die Linkspartei mit SPD und Grünen über eine Koalition. Im Raum steht die Vergesellschaftung von rund 200.000 Wohnungen. Die geschätzten Kosten: 20 bis 30 Milliarden Euro. Kreditgeber reagieren schon vor einer gesetzlichen Umsetzung deutlich zurückhaltender; auch staatliche Akteure nehmen diese Entwicklung wahr.
Unsicherheit bremst den Wohnungsbau
Betroffen sind nicht nur private Baugesellschaften, sondern die gesamte Wohnungsbaubranche in Berlin. Schon die Ankündigung senkt den Investitionsanreiz privater Bauunternehmen – unabhängig davon, ob die Vergesellschaftung später tatsächlich umgesetzt wird. Für Mieterinnen und Mieter kann das ganz praktisch werden: Kredite bleiben aus, Neubauprojekte verzögern sich oder werden gestoppt.
Internationale Investoren befürchten nach Einschätzung von Experten zudem, dass Vergesellschaftungen auch in Hamburg oder München folgen könnten. Als Ursache wird genannt, dass das föderale System Deutschlands im Ausland teilweise nicht vollständig verstanden werde. Olaf Demuth bewertet diesen möglichen Ausstrahlungseffekt auf andere Bundesländer als gefährlich.
Eine Vergesellschaftung von 200.000 Wohnungen würde die Wohnungsnot nach Demuths Einschätzung nicht verringern. Das Geld für den Kauf der Bestände stünde weder für Sanierungen noch für Neubauten bereit. Nach einer Transaktion dieser Größenordnung hätte das Land Berlin demnach kaum noch finanziellen Spielraum für Investitionen in den bestehenden Wohnungsbestand. Öffentliches Kapital wäre in der Übernahme bereits vorhandener Wohnungen gebunden, ohne zusätzlichen Wohnraum zu schaffen.
Zieht sich die Privatwirtschaft wegen der drohenden Vergesellschaftung aus dem Baugeschäft zurück, fehlte nach Einschätzung des Verbands der Bauindustrie ein wichtiger Akteur für den Neubau. Demuth sieht eine Lösung der Wohnungskrise deshalb in besseren Bedingungen für private Bauunternehmen, Genossenschaften und institutionelle Anleger. Ob die laufenden Gespräche von Linkspartei, SPD und Grünen die künftige Linie verändern, ist offen.
Vier Finanzierer melden sich zu Wort
In die Debatte haben sich die Berliner Sparkasse, die Berliner Volksbank, die Deutsche Kreditbank AG (DKB) und die Investitionsbank Berlin (IBB) gemeinsam eingeschaltet. Die vier Institute wollen auf Grundlage unabhängiger wirtschaftlicher Analysen zu einer faktenbasierten Diskussion über die Folgen einer Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände in Berlin beitragen.
Als Finanzierungspartner begleiten sie den Berliner Wohnungsmarkt seit Jahrzehnten. Ihre Tätigkeitsfelder reichen vom Neubau über den Bestandserhalt und die Modernisierung bis zur energetischen Sanierung. Gemeinsam finanzieren die Institute einen erheblichen Teil der Berliner Wohnungswirtschaft und arbeiten mit privaten, genossenschaftlichen, kommunalen und institutionellen Akteuren zusammen.
Die Berliner Sparkasse ist seit mehr als 200 Jahren mit Berlin verbunden. Sie hat rund zwei Millionen Kundinnen und Kunden, beschäftigt 3.100 Mitarbeitende und bietet Finanzdienstleistungen für Privatpersonen und Unternehmen an. Gemeinwohlorientierung ist Bestandteil ihrer Tätigkeit. Zum 31. Dezember 2025 lag ihre Bilanzsumme bei rund 45 Milliarden Euro.
Die Berliner Volksbank ist eine regionale Genossenschaftsbank mit 80-jähriger Geschichte. Sie finanziert den Berliner Mittelstand, private und gewerbliche Immobilieninvestoren sowie wohnwirtschaftliche Projekte. Rund 580.000 Kundinnen und Kunden und 2.000 Mitarbeitende gehören zu ihr; die Bilanzsumme betrug zum 31. Dezember 2025 rund 20 Milliarden Euro.
Die DKB zählt zu den führenden Finanzierern der kommunalen, genossenschaftlichen und privaten Wohnungswirtschaft in Deutschland. Sie begleitet Wohnungsunternehmen beim Neubau, bei Modernisierungen und bei der Schaffung bezahlbaren Wohnraums. Die Bank nennt rund 5,9 Millionen Kunden und rund 4.200 Mitarbeitende im Privat- und Geschäftskundenbereich. Ihre Bilanzsumme beträgt 136 Milliarden Euro.
Die IBB wiederum ist die Förderbank des Landes Berlin. Mit Förderprogrammen und Finanzierungslösungen unterstützt sie den Wohnungsbau, vor allem bei bezahlbarem und sozial orientiertem Wohnraum. Die Bank hat rund 8.000 Kunden, 988 Beschäftigte und eine Bilanzsumme von 24 Milliarden Euro.
Was der geplante Umbau praktisch bedeuten würde
Der Gesetzentwurf der Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ sieht die Gründung der Anstalt öffentlichen Rechts „GemeingutWohnen“ vor. Sie soll innerhalb von 18 Monaten die operative Verwaltung von mehr als 200.000 Wohnungen übernehmen. Betroffen wären zwischen 213.000 und 220.000 Wohnungen privater Unternehmen.
Zum Vergleich: Degewo, derzeit Berlins größtes kommunales Wohnungsunternehmen, verwaltet rund 110.000 Wohnungen. Für „GemeingutWohnen“ müssten Verwaltungsstrukturen, Personal und Erfahrung neu aufgebaut werden. Das klingt auf dem Papier überschaubar; im Alltag geht es aber um tausende Reparaturen, Mietverträge und Entscheidungen, die nicht einfach in einem Ordner liegen.
Das bestehende Wohnungsunternehmen investiert nach Angaben des Artikels 2025 rund 384 Millionen Euro in Instandhaltung, Modernisierung und Neubau. Für 2026 sind dafür 539 Millionen Euro aus eigenen Mitteln vorgesehen. Reparaturen werden über eine eigene Handwerkerorganisation rund um die Uhr abgedeckt.
Eine Studie des IW Köln kommt zu dem Ergebnis, dass die Initiative jährliche Modernisierungsausgaben von 6 bis 12 Euro pro Quadratmeter einkalkuliert. Vonovia, LEG und VivaWest gaben 2024 bereits 13 bis 25 Euro pro Quadratmeter für Modernisierung aus. Laut Studie könnten die von der Initiative vorgesehenen Beträge für notwendige energetische Modernisierungen nicht ausreichen.
Eine neue staatliche Anstalt könnte diese Investitionen nach Darstellung des Artikels nicht allein aus Mieteinnahmen finanzieren. Dafür wären öffentliche Mittel nötig – Geld, das auch für Schulen, Kitas und Infrastruktur gebraucht wird. Für Mieter werden als mögliche Folgen geringere Modernisierungen, längere Wartezeiten und ein zunehmender Sanierungsstau genannt. Und während auf den Baustellen der Lärm verstummt, wartet in vielen Wohnungen längst die nächste Reparatur.
