Deutschlandticket wird 2027 teurer: Der Preis folgt künftig einer Kostenformel
Für viele Pendler wird die Fahrt im Regional- und Nahverkehr ab 2027 spürbar teurer: Das Deutschland-Ticket kostet ab 1. Januar 2027 monatlich 66,80 Euro. Heute, am 30. September 2026, liegt der Preis noch bei 63 Euro. Die neuen Beträge legten die Verkehrsminister der Länder fest.
Auch Job- und Semesterticket verändern sich. Das Jobticket kostet künftig 63,46 Euro statt 59,85 Euro, das Semesterticket 40,08 Euro statt 37,80 Euro. Die Centbeträge wirken auf den ersten Blick beinahe wie aus einem Taschenrechner gefallen – und genau das sind sie auch: Sie ergeben sich aus einer im März beschlossenen Index-Berechnung.
Ein Preis aus der Formel
Ab 2027 wird der Preis nicht mehr unmittelbar politisch von Bund und Ländern festgelegt. Stattdessen wird er an einen Preisindex gekoppelt, der spätestens am 30. September für das Folgejahr ermittelt wird. Berechnet wird der Wert von der D-TIX GmbH, die mehrere Nahverkehrsverbünde gegründet haben.
In den Index fließen unter anderem Personal- und Energiekosten sowie sonstige Kosten ein. Auch die Trassenpreise für das Schienennetz sollen berücksichtigt werden. Theoretisch kann der Preis zum Jahreswechsel unverändert bleiben. Eine zweistellige prozentuale Erhöhung wird für 2027 voraussichtlich nicht erwartet.
Das Verfahren hatten die Verkehrsminister bei ihrer Konferenz am 25. und 26. März 2026 in Lindau beschlossen. Ab 2028 soll außerdem ein Dämpfungsfaktor die Entwicklung bremsen: Steigt die Zahl der Abonnements, etwa bei Jobtickets, fällt die Preiserhöhung geringer aus.
Bund und Länder bezuschussen das Ticket weiterhin mit jeweils rund 1,5 Milliarden Euro jährlich. Diese Zahlungen sind bis 2030 festgeschrieben, werden nicht automatisch erhöht und auch nicht an einen Index gekoppelt. Die künftigen Kostensteigerungen landen damit bei den Nutzern. Die Verkehrsminister wollten die Erhöhung selbst nicht politisch bewerten und verwiesen auf die wirtschaftliche Berechnung.
Viele Nutzer, knappe Kassen
Mehr als 14 Millionen Menschen nutzen das bundesweit gültige Ticket derzeit, nach Angaben des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen sind es rund 14,5 Millionen. Das monatlich kündbare Abo hat regionale Tarifstrukturen vereinfacht und kostet vielerorts weniger als frühere Regionalabos. Für Verkehrsunternehmen entstehen dadurch allerdings Einnahmeausfälle, weil viele Pendler zuvor teurere Abonnements hatten.
Das Deutschlandticket war nach der Testphase mit dem 9-Euro-Ticket im Mai 2023 für zunächst 49 Euro eingeführt worden. Seither wurde es jedes Jahr teurer: zuerst um 9 Euro, danach um 5 Euro und 2027 um 3,80 Euro. Der Bundestag hat die weitere Finanzierung bis Ende 2030 beschlossen. Ab 2026 sollen Bund und Länder jährlich jeweils 1,5 Milliarden Euro zuschießen; der Bundesrat muss dem Gesetz noch abschließend zustimmen. Zuvor war die Finanzierung nur bis Ende 2025 geregelt, zunächst sollte lediglich das Jahr 2026 neu festgelegt werden.
Die Entwicklung sorgt für Kritik. Der frühere MVG-Chef und heutige Präsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen, Ingo Wortmann, sagte, Preiserhöhungen seien angesichts steigender Verbraucherpreise für manche Fahrgäste schmerzhaft. Weil Bund und Länder ihre Zuschüsse nicht erhöhten, müsse die finanzielle Belastung aber von den Fahrgästen übernommen werden.
Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Victoria Broßart aus Rosenheim nannte die Erhöhung ungerecht. Der BUND bezeichnete eine weitere Preiserhöhung als nicht akzeptabel. BUND-Verkehrspolitikleiter Jens Hilgenberg kritisierte, dass die Bundesregierung 2,5 Milliarden Euro für einen weiteren Tankrabatt bereitstelle, das Deutschland-Ticket aber nicht preisstabil halte. Auch der Verkehrsclub Deutschland bemängelte, dass mögliche Preissteigerungen im öffentlichen Verkehr nicht politisch begrenzt würden.
Die Allianz Pro Schiene erklärte, die Preiserhöhung könne viele Menschen verärgern und werde voraussichtlich kaum zu mehr Abonnements führen. Die Verbraucherzentralen sprachen von einem gebrochenen Versprechen und einer Enttäuschung für die Nutzer. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD war vereinbart worden, das Ticket über 2025 hinaus fortzuführen. Der Nutzeranteil sollte ab 2029 schrittweise und sozialverträglich steigen; eine Preiserhöhung bereits ab 2026 wurde dort nicht genannt.
Was Fahrgäste am Münchner Hauptbahnhof sagen
Am Münchner Hauptbahnhof fällt die Reaktion gemischt aus. Die 85-jährige Rentnerin Ursula Stähr nutzt das Deutschlandticket seit seiner Einführung. Früher fuhr sie damit zum Flughafen, heute vor allem zu Ausflügen in die Berge, zum Wandern. Rund 67 Euro seien für sie noch akzeptabel. Mehr als 70 Euro wären ihr zu teuer.
Venko Borovski, 66 Jahre alt und arbeitssuchend, besitzt kein Deutschlandticket. Er fährt nur unregelmäßig mit der U-Bahn und nutzt stattdessen eine MVV-Monatskarte, die für seine Zone etwa halb so viel kostet. Für ihn rechnet sich das bundesweite Abo schlicht nicht.
Der 44-jährige technische Berater Deniz Yord verwendet das Ticket seit mehr als zwei Jahren regelmäßig für berufliche Fahrten im öffentlichen Nahverkehr in verschiedenen deutschen Städten. Sein Arbeitgeber übernimmt die Kosten, deshalb ist ihm die Preisentwicklung egal. Müsste er selbst zahlen, würde er das Ticket nicht kaufen.
Zusätzlicher Druck auf Bus und Bahn
Für den Nahverkehr drohen neben dem Ticketpreis weitere Belastungen. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs wirkt sich auf die Trassenpreise aus. Diese Gebühren zahlen Verkehrsunternehmen für die Nutzung des deutschen Schienennetzes an die Infrastrukturgesellschaft der Deutschen Bahn. Die bisherige Begünstigung des Regional- und Nahverkehrs ist nach dem Urteil nicht mehr möglich.
Die Länder befürchten dadurch eine erhebliche Mehrbelastung und fordern bis 2031 zusätzlich 14 Milliarden Euro Regionalisierungsmittel. Der Bund stellt derzeit rund 12 Milliarden Euro pro Jahr bereit; diese Mittel steigen jährlich um 3 Prozent. In Lindau wurde dazu noch keine Entscheidung getroffen. Bis zum Fahrplanwechsel 2027 soll ein neues Trassenpreissystem erarbeitet werden.
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder hat sich zur Forderung nach höheren Regionalisierungsmitteln noch nicht geäußert. Sein Ministerium plant außerdem eine Führerscheinreform, die die Fahrausbildung günstiger machen soll. Die Länder unterstützen die Reform grundsätzlich, auch wenn einzelne Punkte wie die Laienausbildung umstritten sind.
Das Gesetzgebungsverfahren soll möglichst noch 2026 abgeschlossen werden; die neuen Regeln könnten ab 1. Januar 2027 gelten. Als mehrjähriges Pilotprojekt sollen Eltern und Angehörige einen Teil der Fahrausbildung übernehmen dürfen. Ein solches Modell gibt es bereits in Österreich.
Am Bahnsteig bleibt derweil die praktische Rechnung: 66,80 Euro im Monat, vielleicht mehr, wenn Energie, Personal oder Trassen teurer werden. Für manche ist das noch drin. Für andere wird’s knapp.
