Baupreise – Diesel unter Druck: Europas Versorgung bleibt teuer und verwundbar

Baupreise, 3.10.2026. Auf den Baustellen riecht es nach Abgasen, Staub und nassem Holz – und im Hintergrund sorgt ein anderer Stoff für Unruhe: Diesel. Der weltweite Dieselmarkt befindet sich laut den vorliegenden Analysen in einer außergewöhnlich angespannten Lage. Die Vorräte sind deutlich zurückgegangen, während Unsicherheit im Nahen Osten, der Konflikt zwischen den USA und Iran sowie ukrainische Angriffe auf russische Raffinerie- und Verarbeitungsanlagen das Angebot belasten.

US-Finanzminister Scott Bessent forderte Europa auf, umgehend strategische Dieselreserven freizugeben. US-Energieminister Chris Wright richtete dieselbe Aufforderung an Deutschland und Frankreich. Washington will die Preise vor der Erntezeit und dem Beginn der Heizsaison stabilisieren. In den USA stiegen die Dieselpreise laut dem zweiten Bericht auf bis zu 6,53 US-Dollar je Gallone; vor den US-Zwischenwahlen steht die Regierung innenpolitisch gehörig unter Druck. Donald Trump drohte Frankreich und Deutschland mit Exportbeschränkungen, falls sie ihre Reserven nicht freigeben.

100 Millionen Barrel und viel politischer Druck

Die G7-Staaten sagten daraufhin die Freigabe von 100 Millionen Barrel Diesel und Rohöl aus strategischen Depots zu. Eine europäische Energie-Taskforce berief eine Krisensitzung ein. Ob die EU-Mitgliedstaaten ihre eigenen strategischen Reserven freigeben, blieb zunächst offen. Eine Entscheidung in den kommenden Wochen könnte die Entwicklung der Diesel- und Heizölpreise beeinflussen.

Rohstoffhändler halten die Freigabe für die Versorgung Europas allerdings nicht zwingend notwendig. Sie dürfte die Marktknappheit etwas lindern, mehr aber zunächst nicht. Ein US-Exportverbot hätte die Preise an europäischen Tankstellen wahrscheinlich erhöht, nach Einschätzung der Händler jedoch keinen tatsächlichen Mangel an Diesel oder Flugbenzin verursacht. Für Deutschland werden kurzfristig sinkende Großhandelspreise beschrieben – zugleich wachsen die Sorgen über die Versorgungssicherheit in der kalten Jahreszeit. An den Finanzmärkten sanken die europäischen Raffineriemargen um etwa 7 Prozent, während die Terminkontrakte für entschwefeltes Gasöl deutlich nachgaben.

Washington erwägt parallel ein Exportverbot für Diesel. Das könnte amerikanischen Landwirten und Lkw-Fahrern günstigeren Diesel bescheren, Benzin für andere US-Verbraucher aber wahrscheinlich verteuern. Die USA produzieren bereits große Mengen Diesel, doch kurzfristige Lagerkapazitäten sind knapp. Sind die Lager voll, müssten Raffinerien ihre Produktion drosseln. Weil Diesel- und Benzinproduktion technisch miteinander verflochten sind, würde damit auch das Benzinangebot sinken. Wright äußerte die Erwartung, dass Europa dem Druck letztlich nachgeben werde.

In den Vereinigten Staaten laufen deshalb Notfallmaßnahmen an. Das Weiße Haus erwägt Erleichterungen für den Einsatz von rot eingefärbtem Diesel, der normalerweise der Landwirtschaft vorbehalten und steuerbegünstigt ist. Georgia, Ohio und Massachusetts senkten oder pausierten Kraftstoffsteuern. Illinois und Kentucky verhinderten geplante Steuererhöhungen, Indiana setzte die Mehrwertsteuer auf Benzin aus. Alabama, Louisiana, Nebraska, North Carolina und Oklahoma erweiterten die Nutzungsmöglichkeiten von Agrardiesel auf öffentlichen Straßen. Kalifornien und Michigan passten Umweltauflagen für Kraftstoffmischungen an. Montana, South Dakota und Texas lockerten administrative Vorgaben, darunter Gewichtsbeschränkungen für Lastwagen, Lenkzeitregelungen sowie Emissionsvorschriften für Land- und Forstwirtschaft. Steuerentlastungen, regulatorische Änderungen und logistische Erleichterungen sollen den Preisanstieg begrenzen und die Versorgung vor Ernte- und Heizsaison absichern.

Winterdiesel, Raffinerien und lange Wege

Das wichtigste kurzfristige Versorgungsproblem ist Winterdiesel, der bis etwa minus 20 Grad Celsius funktioniert. Europas Unternehmen decken sich im Frühherbst traditionell für die kalte Jahreszeit ein. Genau deshalb ist der Marktdruck derzeit besonders hoch. Energy Aspects prognostizierte bereits vor Trumps Ankündigung für das vierte Quartal in Europa täglich 510.000 Barrel zu wenig Flugbenzin, während die USA täglich 18.000 Barrel und Ostasien täglich 419.000 Barrel Überschuss aufweisen sollten. Flugbenzin ist ein Nebenprodukt der Dieselproduktion und bildet deshalb teilweise auch die Dieselsituation ab.

Ölprodukte werden wegen unterschiedlicher Referenzpreise zunehmend aus Asien nach Europa transportiert. Anbieter konzentrieren knappe Produkte auf den lukrativsten Markt – derzeit Europa. Tanker mit Diesel und Flugbenzin steuern Europa an; ärmere Länder wie Peru erhalten dadurch weniger Lieferungen. Selbst bei einem US-Exportstopp wäre Europa daher voraussichtlich versorgt geblieben, allerdings zu höheren Preisen.

Die betroffenen Regionen – der Nahe Osten, die USA und Russland als wichtiger Teil des angespannten Umfelds – stellen üblicherweise zusammen fast ein Drittel der weltweiten Dieselausfuhren. Zusätzlich stören Iran und verbündete Gruppen den Ölmarkt. Europäische Raffinerien erhalten im Oktober kein Rohöl aus Saudi-Arabien: Die zuvor beschädigte Ost-West-Pipeline ist zwar wieder in Betrieb, die weiterhin reduzierte Exportmenge über den Hafen Yanbu wird jedoch vollständig nach Asien geleitet.

Europas Raffinerien sind traditionell schwach auf die Produktion von Mitteldestillaten wie Diesel und Benzin ausgerichtet. Sie laufen derzeit mit etwa 95 Prozent ihrer möglichen Kapazität; eine deutliche kurzfristige Steigerung gilt als kaum möglich. Rund ein Viertel des europäischen Bedarfs muss importiert werden. Früher stammten diese Mengen vor allem aus Russland, seit Beginn des Ukrainekriegs ist dieser Lieferweg versperrt. Katar konnte wegen des Iran-Konflikts und der eingeschränkten Nutzung der Straße von Hormus ebenfalls kaum liefern. Die USA, Indien und Südkorea übernahmen einen Teil der Versorgung, hinzu kam die neue Dangote-Raffinerie in Nigeria.

Ein Ausfall US-amerikanischer Diesel-Lieferungen würde den Marktanteil anderer Lieferländer vergrößern. Längere Transportwege und steigende Versicherungsprämien verteuern den Ölhandel zusätzlich. Mit Iran verbündete Huthi-Rebellen greifen Schiffe in der Meerenge Bab al-Mandab an. Einige Reeder fahren deshalb um Afrika herum – mindestens zwei zusätzliche Wochen, dazu höhere Treibstoff-, Charter- und Versicherungskosten. Das merkt man nicht nur an Tabellen, sondern irgendwann auch an jeder Lieferkette, die auf einen vollen Tank angewiesen ist.

Südkorea und Indien springen ein

Südkorea wäre voraussichtlich ein Hauptgewinner eines US-Diesel-Exportstopps. Das Land liefert bereits große Mengen Flugbenzin nach Europa und hätte in den kommenden Monaten zusätzlich Diesel liefern können. Dadurch würde Öl zunächst aus dem Nahen Osten nach Asien und anschließend als verarbeitetes Produkt zurück nach Europa transportiert.

Schon 2022, nach dem russischen Überfall auf die Ukraine und den folgenden Sanktionen, unterstützte Südkorea Europas Versorgung mit Ölprodukten. Die SK-Energy-Raffinerie in Ulsan kann täglich 1,12 Millionen Barrel Benzin, Diesel und Kerosin produzieren und ist der zweitgrößte zusammenhängende Raffineriekomplex der Welt. Die GS-Caltex-Raffinerie in Yeosu gilt als viertgrößte Raffinerieanlage weltweit.

Im September wurde Südkorea zu einer bedeutenden Quelle für Kerosinlieferungen nach Europa. Die europäischen Importe aus Südkorea lagen laut Kpler im September bislang bei 129.000 Barrel pro Tag. Südkoreas Flugkraftstoffproduktion erreichte im Juli mit fast 13,89 Millionen Barrel den höchsten Stand seit sieben Jahren. Ulsan und Yeosu könnten laut Marktbeobachtern auch bei der Dieselversorgung Europas einspringen. Nach Einschätzung von Beobachtern konnte Südkorea die Abhängigkeit von der gestörten saudischen Ost-West-Pipeline bislang abfedern.

Mehr als 60 Prozent seines Öls bezieht Südkorea aus Saudi-Arabien. Zuletzt war das Land gemeinsam mit China größter Abnehmer des Öls aus der saudischen Ost-West-Pipeline. Asiatische Raffinerien, insbesondere in China, Indien und Südkorea, hätten von zusätzlichen US-Rohölexporten profitiert. China fällt im Oktober allerdings vorübergehend selbst als bedeutender Anbieter aus: Chinesische Verarbeitungsbetriebe stoppten ihre Diesel- beziehungsweise Kraftstoffexporte, um die heimischen Vorräte zu schützen. Der Druck auf die übrigen Lieferquellen nimmt dadurch zu.

Ein weiterer wichtiger Lieferant Europas ist Reliance Industries aus Indien. Der Konzern teilte seine Raffinerie in Jamnagar, die größte der Welt, für unterschiedliche Absatzmärkte auf. Ein Teil verarbeitet verbilligtes, sanktioniertes