Die Energiekrise ist längst auch eine Rechnungskrise: Seit Beginn des Iran-Kriegs greifen Staaten weltweit mit Subventionen und Steueränderungen in die Energiemärkte ein, um knappe Energie und hohe Spritpreise abzufedern. Sieben der zehn Länder mit den umfangreichsten Gegenmaßnahmen gehören zur EU. Für Autofahrer, Speditionen, Landwirtschaft und Bauwirtschaft geht es dabei um mehr als ein paar Cent an der Zapfsäule.

Russlands Krieg gegen die Ukraine hatte die Energiemärkte schon zuvor belastet. Die EU importiert fast ihr gesamtes Öl, rund 85 Prozent ihres Erdgases und insgesamt 57 Prozent ihres Energiebedarfs. Die heimische Produktion stammt vor allem aus erneuerbaren Energien und Atomkraft. Laut Transport & Environment geben Autofahrer in der EU täglich zusätzlich rund 203 Millionen Euro für Diesel aus.

Staaten greifen tief in den Energiemarkt ein

Die EU-Staats- und Regierungschefs erlaubten den Mitgliedstaaten vorübergehend zusätzliche staatliche Hilfen für Haushalte und energieintensive Branchen. Außerdem gibt es begrenzte Ausnahmen von den EU-Haushaltsregeln für Investitionen in die Energiesicherheit. Unterstützt werden sollen unter anderem Landwirtschaft, Transport und Fischerei.

Frankreich beschloss ein Hilfspaket von 450 Millionen Euro. 5,5 Millionen Beschäftigte mit langen Arbeitswegen oder hoher beruflicher Fahrleistung können 100 Euro erhalten. Zuschüsse für Landwirtschaft, Fischerei und Bau werden bis Jahresende verlängert. Energiegutscheine über 48 bis 277 Euro zahlt der Staat vorzeitig an 5,8 Millionen Familien aus.

Präsident Emmanuel Macron bat die EU-Kommission zudem, Vorschriften zur Kraftstoffqualität zu lockern. Europa solle dadurch mehr Diesel und Kerosin produzieren können. Macron warnte vor stark steigenden Ölpreisen, falls die Straße von Hormus nicht wieder für Tanker geöffnet wird und Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline zum Roten Meer nicht repariert wird. Zusätzlich schlug er vor, den zulässigen Anteil konventionellen Biodiesels im Standarddiesel von sieben auf zehn Prozent zu erhöhen.

Auch Deutschland verlängert eine Senkung der Energiesteuer. Vom 1. Oktober bis Jahresende sollen Benzin und Diesel 17 Cent je Liter günstiger werden. Die Maßnahme kostet den Staat voraussichtlich 2,5 Milliarden Euro. Parallel will die Bundesregierung mit der Ölindustrie über eine Kraftstoff-Preisobergrenze verhandeln, die spätestens am 1. Januar gelten soll.

Spanien hat Steuererleichterungen für Benzin und Diesel verlängert. Sie gehören zu einem Hilfspaket von 5 Milliarden Euro. Derzeit beträgt die Senkung fünf Cent je Liter; bei einer jährlichen Kraftstoffteuerung von mehr als 15 Prozent könnte sie automatisch auf 20 Cent steigen. Zuschüsse für Transportunternehmen, Landwirtschaft, Viehhaltung und Fischerei laufen ebenfalls weiter.

Ölreserven, amerikanischer Diesel und ein heikler Spagat

Zusätzlich greifen die EU-Staaten auf strategische Ölreserven zurück. Die 32 Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur vereinbarten, insgesamt 400 Millionen Barrel Öl aus Notreserven auf den Markt zu bringen. Das soll Druck aus dem Kessel nehmen, doch an den internationalen Handelswegen hängt weiterhin viel.

Die EU will ihre Abhängigkeit von russischer Energie durch mehr erneuerbaren Strom und die Elektrifizierung von Anlagen und Industrie verringern. Laut Ursula von der Leyen könnte eine stärkere Elektrifizierung die jährlichen EU-Ausgaben für importierte fossile Energieträger bis 2040 um 260 Milliarden Euro senken. Der Umbau klingt langfristig, an der Zapfsäule wirkt er dagegen ziemlich weit weg.

Nach dem Rückzug russischer Energie ist die EU stärker von den USA abhängig. Ein im Vorjahr vereinbartes Abkommen sieht vor, dass die EU innerhalb von drei Jahren amerikanische Energie im Wert von 750 Milliarden US-Dollar kauft. Zugleich importiert sie zunehmend Diesel aus den USA. Ein von Donald Trump unterstütztes mögliches US-Exportverbot für Diesel, das die Preise im Inland senken soll, sorgt deshalb in Europa für Unsicherheit.

Bei einem Exportstopp müsste die EU andere Bezugsquellen erschließen. Die EU-Kommission versucht, Washington von dem Vorhaben abzubringen, und warnt vor möglichen Schäden für die Energiekooperation zwischen EU und USA. Für Betriebe, die täglich tanken müssen, ist das keine Nebensache, sondern eine Frage der nächsten Rechnung.

Die Lehre aus den Krisenjahren

Eine Analyse von EconPol Europe kommt zu dem Schluss, dass staatliche Entlastungen in den europäischen Energiekrisen 2022 und 2023 vor allem fossile Energieträger begünstigten. Im Durchschnitt der 27 EU-Staaten entsprachen die Hilfspakete einer dauerhaften Subvention von rund 18 Euro pro Tonne CO₂ für Erdgas und rund 10 Euro pro Tonne CO₂ für Öl.

Deutschland stellte während der durch den Ukrainekrieg ausgelösten Energiekrise bis zu 187 Milliarden Euro bereit. Rund 71 Milliarden Euro davon entfielen auf gezielte Hilfen für Öl- und Erdgaskunden. Der Tankrabatt der Bundesregierung war zuvor von zahlreichen Ökonomen und anderen Experten kritisiert worden.

Steuersenkungen auf Benzin, Diesel oder Gas entlasteten laut den Forschern besonders Haushalte und Unternehmen mit hohem Verbrauch. Gleichzeitig schwächten sie den Preisanstieg ab, der eigentlich zum Energiesparen anregen sollte. Experten forderten deshalb, künftige Entlastungen stärker mit Anreizen zum Energiesparen zu verbinden. Nach ihrer Ansicht sollten solche Maßnahmen durch höhere Abgaben auf fossile Energieträger finanziert werden.

Als klimafreundlichere Alternative nennen die Forscher niedrigere Stromsteuern. Strom würde im Vergleich zu Öl und Gas günstiger, Haushalte könnten entlastet werden, ohne fossile Energie unmittelbar zu verbilligen. Das ist weniger spektakulär als ein Rabatt an der Tankstelle, könnte für elektrifizierte Anlagen und Industrie aber den entscheidenden Unterschied machen.

Die EconPol-Studie beschreibt auch die Abhängigkeit Europas von fossilen Energieimporten. Im Durchschnitt deckt die EU rund 57 Prozent ihres Energiebedarfs durch Importe. Deutschland importierte 2023 fossile Energie im Wert von etwa 80 Milliarden Euro; diese Importe deckten 67 Prozent des deutschen Energieverbrauchs.

Würden die Weltmarktpreise dauerhaft um 50 Prozent steigen, erhöhten sich Deutschlands Importkosten laut Analyse um rund 40 Milliarden Euro jährlich. Das entspräche etwa einem Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Die Studie vergleicht die langfristigen Subventionseffekte staatlicher Hilfen zwischen den Ländern und berechnet sie in Euro pro Tonne CO₂.

Laut Studie könnten Hilfsprogramme dazu führen, dass Verbraucher und Unternehmen auch künftig bei steigenden Ölpreisen staatliche Unterstützung erwarten. Die Programme würden damit eine steuerfinanzierte Versicherung darstellen und den Umstieg auf heimische, strombasierte Energietechnologien bremsen. Für das Baugewerbe, das zwischen Dieselmaschinen, Transportkosten und energieintensiver Produktion jongliert, bleibt damit ein ziemlich unbequemer Zielkonflikt bestehen.