Wer dieser Tage tankt, schaut zweimal auf die Anzeige. Seit der Eskalation des Iran-Kriegs sind die Kraftstoffpreise deutlich gestiegen. Die Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels läuft, ist faktisch blockiert. Das schlägt bis vor die Zapfsäule durch – und damit auch in die Haushaltskasse.

Nach dem EU Weekly Oil Bulletin kletterte der durchschnittliche Dieselpreis in der Europäischen Union zwischen dem 23. Februar und dem 21. September 2026 um 40 Prozent. Euro-95-Benzin verteuerte sich von 1,637 auf 2,092 Euro je Liter, ein Plus von 27,8 Prozent. Diesel stieg von 1,594 auf 2,226 Euro je Liter, also um 39,6 Prozent.

Was eine Tankfüllung vom Mindestlohn nimmt

Für Beschäftigte mit Mindestlohn ist das besonders spürbar. Sie geben einen größeren Teil ihres Einkommens für Wohnen, Lebensmittel und Verkehr aus; viel Luft bleibt da nicht. Verglichen wurden deshalb Bruttomindestlöhne und Kraftstoffpreise in 22 EU-Ländern sowie der Türkei – jeweils für eine Tankfüllung mit 50 Litern.

Am 21. September verschlang eine 50-Liter-Füllung Benzin in Luxemburg 3,3 Prozent des Bruttomindestlohns. In Deutschland waren es rund 5 Prozent. Bulgarien lag mit 13,4 Prozent an der Spitze. Ebenfalls hoch war der Anteil in Lettland mit 12,8 Prozent, in der Türkei und Rumänien mit jeweils 11,5 Prozent sowie in Griechenland und Tschechien mit jeweils 10,2 Prozent. Estland und die Slowakei kamen auf jeweils 10,1 Prozent.

Relativ glimpflich fiel die Rechnung in Irland mit 4,1 Prozent und Belgien mit 4,4 Prozent aus. Die Unterschiede hängen laut dem Europäischen Gewerkschaftsinstitut vor allem mit den stark verschiedenen Mindestlöhnen zusammen – weniger mit den Kraftstoffpreisen selbst. In Kaufkraftstandards liegt der Mindestlohn in Luxemburg weiterhin etwa doppelt so hoch wie in Bulgarien.

Seit Februar hat sich der Benzinanteil am Mindestlohn vor allem in Bulgarien erhöht: um 3,6 Prozentpunkte. In der Türkei waren es 3,1, in Lettland 3,0 Prozentpunkte. In den meisten Ländern blieb der Mindestlohn im betrachteten Zeitraum unverändert. Estland verzeichnete mit 6,8 Prozent den stärksten Mindestlohnanstieg im Euroraum. Malta war das einzige Vergleichsland mit stabilen Kraftstoffpreisen.

Diesel trifft manche Haushalte noch härter

Bei Diesel wird die Kluft noch deutlicher. Eine 50-Liter-Dieseltankfüllung kostete am 21. September zwischen 3,8 Prozent des Mindestlohns in Luxemburg und 15,4 Prozent in Bulgarien. In Lettland lag der Anteil bei 13,9 Prozent, in der Türkei bei 13,8 Prozent und in Rumänien bei 12,7 Prozent. Tschechien und Estland kamen jeweils auf 11,2 Prozent, Ungarn auf 10,8, Griechenland auf 10,4 und Portugal auf 10,3 Prozent.

Am niedrigsten waren die Dieselanteile in Irland mit 4,3 Prozent, Deutschland mit 5,2 Prozent, Belgien mit 5,3 Prozent und den Niederlanden mit 5,5 Prozent. Ein Mindestlohnempfänger konnte am 21. September rechnerisch in Bulgarien 324 Liter Diesel kaufen, in Luxemburg dagegen 1.311 Liter.

Gegenüber Februar stieg der Anteil des Mindestlohns für eine Dieseltankfüllung in Bulgarien um 5,5 Prozentpunkte und in der Türkei um 5,3 Prozentpunkte. In Lettland, Tschechien und Estland nahm er um mehr als drei Prozentpunkte zu. Das ist keine Zahl, die irgendwo weit weg bleibt: Wer täglich zur Arbeit pendelt, merkt sie beim Blick auf den Kontostand, spätestens am Monatsende.

Wenn der Weg zur Arbeit zum Problem wird

Gewerkschaftsvertreter warnen, dass hohe Kraftstoffkosten gemeinsam mit hohen Mieten Haushalte zu Einsparungen oder sogar in die Verschuldung zwingen könnten. In Regionen ohne zuverlässigen öffentlichen Nahverkehr kann die Rechnung bitter werden: Beschäftigte könnten gezwungen sein, Arbeitsplätze aufzugeben. Das wiederum könnte den Fachkräftemangel verschärfen.

Gerade außerhalb größerer Städte ist das Auto oft kein Luxus, sondern Voraussetzung. Früh raus, Motor an, vielleicht noch schnell ein Kaffee aus der Thermoskanne – und schon frisst die Fahrt zur Arbeit einen spürbaren Teil des Lohns. Die gestiegenen Kraftstoffkosten verschärfen damit die bestehenden Einkommens- und Kaufkraftunterschiede zwischen West- sowie Mittel- und Osteuropa.

Kaufkraft unter Druck von mehreren Seiten

Das nominale Einkommen in der Europäischen Union ist in den vergangenen Jahren gestiegen, nachdem es 2020 stagniert hatte. Auf dem Papier klingt das zunächst beruhigend. Entscheidend ist aber, was nach Preissteigerungen tatsächlich übrig bleibt – und beim Tanken wird dieser Unterschied ziemlich handfest.

Das wirtschaftliche Klima in Europa wird von mehreren Entwicklungen beeinflusst: von der Coronapandemie, Russlands Krieg gegen die Ukraine, dem Hamas-Angriff auf Israel und der anschließenden Eskalation im Nahostkonflikt, einem israelisch-amerikanischen Angriff auf den Iran mit drohender Blockade der Straße von Hormus sowie der Zollpolitik der US-Regierung unter Präsident Donald Trump.

Diese Entwicklungen setzen die Kaufkraft europäischer Haushalte von mehreren Seiten unter Druck. Untersucht werden dabei die Verbraucherstimmung, der Konsum in Europa, das reale Einkommen und die Kaufkraft. Der einschlägige Beitrag wurde am 03.06.2026 von Bruno Urmersbach veröffentlicht.

Für die Bauwirtschaft ist das ebenfalls kein Nebenschauplatz. Steigende Mobilitätskosten verteuern Wege zu Baustellen, Lieferfahrten und den täglichen Pendelverkehr von Beschäftigten. Der Ort „Baupreise“ bekommt dadurch eine zusätzliche, ganz praktische Dimension: Wenn beim Diesel weniger Geld für den restlichen Monat bleibt, wird auch jede andere Ausgabe im Haushalt neu durchgerechnet.