Tankrabatt an der Zapfsäule: Entlastung mit regionalem Preisgefälle und kurzer Halbwertszeit
Am 1. Oktober 2026 schauen viele Autofahrer in Deutschland erneut auf die Zapfsäulen. In Schleswig-Holstein war der Tankrabatt am ersten Tag deutlich zu spüren: Super E10 kostete am Morgen im Raum Kiel etwa 2,00 Euro je Liter, in Lübeck rund 2,10 Euro. In Flensburg und Altenholz lagen einzelne Preise sogar unter 2,00 Euro, vereinzelt unter 1,90 Euro. Der Effekt lockte viele Menschen an die Tankstellen – in Flensburg bildeten sich lange Schlangen.
Lange hielt die Erleichterung allerdings nicht. Bis Donnerstagmittag stiegen die Preise vielerorts wieder auf mehr als 2,30 Euro je Liter. Ein Fahrer fand, eine Entlastung von 17 Cent bringe bei zwölf Litern Verbrauch nicht viel. Ein anderer bezweifelte, dass die Mineralölkonzerne die Steuersenkung vollständig weitergeben. Eine Pendlerin blieb pragmatisch: „besser als nichts“.
Zwischen Entlastung und Preissprung
Der ADAC begrüßte den Tankrabatt, verlangte aber, dass die Entlastung vollständig an den Tankstellen ankommt. Beim vorherigen Tankrabatt sei das weder unmittelbar noch vollständig geschehen. Besonders Pendler und Menschen im ländlichen Raum trifft der hohe Kraftstoffpreis, weil Bus und Bahn dort oft keine echte Alternative sind.
Bei einer täglichen Pendelstrecke von 20 Kilometern und einem Verbrauch von sieben Litern auf 100 Kilometer ergibt sich rechnerisch eine mögliche Entlastung von rund zehn Euro im Monat. Das gilt allerdings nur, wenn die Mineralölkonzerne den Rabatt komplett weitergeben. Beim vorherigen Tankrabatt im Mai und Juni war das lediglich teilweise der Fall.
Einen möglichen Spritpreisdeckel bewertet der ADAC ambivalent. Er könnte extreme Preisspitzen begrenzen. Gleichzeitig dürfe er nicht dazu führen, dass Anbieter sich am Höchstpreis orientieren und der Wettbewerb verschwindet. Langfristig fordert der Verband gezielte Hilfen für Menschen, die auf ein Auto angewiesen und von hohen Mobilitätskosten besonders stark betroffen sind.
Auch der Verband des Kfz-Gewerbes Schleswig-Holstein hält den zeitlich begrenzten Rabatt nicht für eine dauerhafte Lösung. Die Steuer- und Abgabenlast auf Kraftstoff in Deutschland, die bei über 60 Prozent liegt, verändere sich dadurch nicht. Gefordert wird deshalb langfristig eine Senkung der Steuern und Abgaben auf Kraftstoffe.
Für Tankstellenbetreiber geht es nicht nur um den Preis an der Säule. Während der Hochpreisphase sanken die Umsätze in den Shops durchschnittlich um 40 Prozent. Dabei leben Tankstellen überwiegend vom Verkauf von Tabak, Brötchen und Snacks. Der Verband erwartet nun eine Erholung – ein Kaffee, eine Jause, ein paar belegte Weckerl mehr an der Kasse können für den Betrieb durchaus zählen.
Das „Gießkannenprinzip“ und die regionale Schieflage
Das Kiel Institut für Weltwirtschaft kritisiert den Tankrabatt als „Gießkannenprinzip“. Auch viele Autofahrer profitierten, die keine staatliche Unterstützung benötigten. Die Bundesregierung rechnete mit Steuerausfällen von knapp 2,5 Milliarden Euro bei der Energiesteuer und 293 Millionen Euro bei der Umsatzsteuer. Nach Ansicht des IfW wären direkte Zahlungen oder Steuererleichterungen für Pendler mit niedrigen Einkommen zielgerichteter gewesen.
Das RWI hat die gesamte Rabattperiode untersucht. Deutschland senkte vom 1. Juni bis 31. August 2022 die Energiesteuer auf Kraftstoffe, um Verbraucher während der Energiekrise zu entlasten. Die Steuersätze wurden auf das europarechtliche Mindestmaß reduziert: Beim Diesel waren es 14,04 Cent je Liter weniger, beim Superbenzin 29,55 Cent. Einschließlich der entfallenden Mehrwertsteuer entsprach das theoretisch 16,7 Cent je Liter Diesel und 35,2 Cent je Liter Superbenzin.
Frühere RWI-Auswertungen hatten gezeigt, dass der Rabatt im Juni nahezu vollständig bei den Verbrauchern ankam. Die neue Studie von Manuel Frondel, Patrick Thiel und Colin Vance bestätigt jedoch: Im Juli und August nahm die preisdämpfende Wirkung stark ab. Außerdem fiel die Weitergabe regional sehr unterschiedlich aus.
Eine Rolle spielte die Trockenheit. Niedrige Flusspegel behinderten den Treibstofftransport auf dem Rhein und verteuerten ihn. In Bundesländern mit höherem durchschnittlichem Einkommen wurde der Rabatt in geringerem Umfang weitergegeben, besonders in Bayern. In ostdeutschen Regionen gelangte dagegen ein größerer Anteil an die Verbraucher.
Auch der Wettbewerb vor Ort machte einen Unterschied. Tankstellen mit wenigen Konkurrenten in der direkten Umgebung gaben den Rabatt weniger weiter – beim Diesel etwa 84 Prozent, bei Super E10 rund 80 Prozent. Über die gesamten drei Monate wurden durchschnittlich 87 Prozent des Tankrabatts beim Diesel und 71 Prozent bei Superbenzin E10 weitergegeben.
Neben den Folgen der Trockenperiode könnten laut RWI die nachlassende mediale Aufmerksamkeit und das allgemeine Preissetzungsverhalten der Tankstellen die Entwicklung beeinflusst haben. Die Studie stützt sich unter anderem auf Preisangaben von Tankerkönig.de für Deutschland und „Le Prix des Carburants“ für Frankreich. Grundlage ist das Ruhr Economic Paper Nr. 1087 „Heterogeneous Pass-through over Space and Time: The Case of Germany’s Fuel Tax Discount“.
Radwege, E-Lastenrad und die Rechnung an der Kasse
Wer nicht motorisiert unterwegs ist, hat andere Wünsche. Eine Lübecker Mutter würde sich über einen Zuschuss für ein E-Lastenrad freuen. Eine Radfahrerin hält den Ausbau der Radwege für wichtiger. Eine Fußgängerin begrüßt den Tankrabatt trotzdem, weil hohe Transportkosten über die Warenpreise die gesamte Inflation beeinflussen könnten.
Das IfW sieht in den hohen Spritpreisen möglicherweise einen Anlass, Energiewende und Elektromobilität stärker voranzutreiben. Der Tankrabatt selbst setzt allerdings keinen Anreiz zum Kraftstoffsparen oder zur Verringerung des Autoverkehrs. Kritiker meinen, das Geld wäre besser in Elektromobilität investiert worden.
Der Tankrabatt 2022 war eine befristete Senkung der Energiesteuer vom 1. Juni bis 31. August 2022. Die Maßnahme sollte Bürger und Wirtschaft angesichts stark gestiegener Kraftstoffpreise infolge der EU-Sanktionen gegen Russland nach dem russischen Überfall auf die Ukraine entlasten. Sie war Teil des zweiten Entlastungspakets der Bundesregierung, zu dem auch das 9-Euro-Ticket gehörte.
Rechtsgrundlage waren Änderungen des Energiesteuergesetzes und der Energiesteuer-Durchführungsverordnung. Den Gesetzentwurf legten die Ampelfraktionen am 10. Mai 2022 vor, der Bundestag beschloss ihn am 19. Mai 2022. Beim Benzin sank die Steuer um 29,55 Cent je Liter, von 65,45 auf 35,90 Cent. Beim Diesel waren es 14,04 Cent, von 47,04 auf 33 Cent.
Ursprünglich erwartete die Politik für die drei Monate Steuermindereinnahmen von 3,15 Milliarden Euro. Nach einer Auswertung von FragDenStaat auf Basis von Angaben des Bundesfinanzministeriums betrugen die tatsächlichen Mindereinnahmen 3,4 Milliarden Euro. Mehrere Ökonomen kritisierten die fehlende Zielgenauigkeit, eine mögliche Umverteilung zugunsten höherer Einkommen und zusätzliche Anreize zum Verbrauch fossiler Kraftstoffe. Als gezieltere Hilfen wurden das Güterkraftverkehrsgewerbe sowie schlecht bezahlte Arbeitnehmer mit langen Arbeitswegen genannt.
Was die Preisentwicklung später zeigte
Anfang Juni 2022 sanken die Kraftstoffpreise zunächst sichtbar. Gleichzeitig blieb die Frage im Raum, ob Mineralölkonzerne die Steuersenkung vollständig an die Verbraucher weitergaben. Wegen weiter steigender Tankstellenpreise plante Wirtschaftsminister Robert Habeck eine Verschärfung des Kartellrechts, um auch ohne konkreten Wettbewerbsverstoß in Märkte eingreifen zu können.
Spätere empirische Untersuchungen kamen zu einem differenzierten Bild: Das ifo-Institut ermittelte eine Weitergabe von 85 bis 100 Prozent, Monika Schnitzer 89 bis 102 Prozent, Hans-Jörg Schmerer nahezu 100 Prozent. Das RWI sprach von einer Weitergabe zu sehr großen Teilen oder vollständig. Ein Vergleich der Preise in Deutschland und Frankreich zeigte: Im ersten Monat sank der deutsche Preis ungefähr im Umfang der Steuersenkung, in der zweiten Hälfte stiegen die Preise wieder. Ende August lag der Dieselpreis in Deutschland über dem französischen Niveau.
Eine Untersuchung von FragDenStaat aus dem Jahr 2024 ergab zudem, dass das Finanzministerium bei der Planung interne Warnungen über mögliche Vorteile für Ölkonzerne ignoriert hatte. Die Debatte
