Für die Generation Z bleibt das Eigenheim in OWL ein ferner Traum
Rafael Weser ist 25, studiert Betriebswirtschaftslehre in Bielefeld und hat ein ziemlich klares Bild vor Augen: ein kleines Haus in angenehmer Gegend, möglichst mit Garten. Renovieren? Wäre für ihn kein Ausschlusskriterium. Was ihm fehlt, ist nicht der Wunsch, sondern die Gewissheit, dass dieser Wunsch irgendwann überhaupt erreichbar wird.
Anders als seine Eltern betrachtet Weser den Hauskauf und die Familiengründung nicht als planbare nächste Schritte. Für ihn ist offen, „ob“ beides möglich wird. Damit steht er für viele Angehörige der Generation Z – also der Jahrgänge 1995 bis 2010 –, für die Wohneigentum und Familienplanung in Ostwestfalen-Lippe zunehmend schwieriger werden.
Der Traum vom Eigenheim, aber bitte mit Sicherheitsnetz
Eine YouGov-Umfrage zeigt das Spannungsfeld deutlich: 64 Prozent der 20- bis 29-Jährigen sehen Wohneigentum als großes Lebensziel. Nur 46 Prozent planen allerdings, innerhalb der nächsten zehn Jahre eine Immobilie zu kaufen. Der Wunsch ist also da, der konkrete Zeitplan eher nicht.
Für Weser steht das Eigenheim für Lebenssicherheit und Altersvorsorge. Gleichzeitig macht er sich trotz seines Studiums Gedanken über seine berufliche Zukunft und den Arbeitsmarkt. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands der privaten Bausparkassen bestätigt seinen Eindruck: Viele junge Erwachsene schätzen den Erwerb von Wohneigentum heute als schwieriger ein als vor fünf Jahren.
Sicherheit ist für junge Menschen ohnehin ein zentrales Lebensziel. 87 Prozent wollen nach Sicherheit streben, für 91 Prozent ist ein sicherer Arbeitsplatz wichtig oder sehr wichtig. 73 Prozent wünschen sich einen hohen Lebensstandard und verlässliche Rahmenbedingungen. Jugend- und Bildungsforscher Frederick de Moll ordnet den Eigenheimwunsch deshalb als möglichen Ausdruck des Bedürfnisses nach Sicherheit und Stabilität ein.
Krieg in Europa, wirtschaftliche Sorgen und wachsende soziale Ungleichheit verstärken bei vielen die Unsicherheit über die Zukunft. Bildung beeinflusst laut de Moll zwar weiterhin die späteren Erwerbs- und Wohnmöglichkeiten. Die soziale Herkunft prägt die Bildungschancen aber stark. Die herangezogenen Studien belegen keinen direkten Zusammenhang zwischen Bildungsabschluss, Zugang zu Wohneigentum und konkreten Wohnentscheidungen. Ein guter Abschluss garantiert heute nicht mehr automatisch, den Lebensstandard der Eltern fortführen zu können.
Das zeigt sich auch beim Wohnen. Junge Menschen aus sehr gut situierten Haushalten bleiben häufiger länger im Elternhaus. De Moll fordert deshalb ausreichend bezahlbaren und flexiblen Wohnraum für unterschiedliche Lebensmodelle und Familiengründungen, statt den Blick ausschließlich auf Eigentum zu richten.
Hinzu kommt die Heimatbindung. Für 52 Prozent der Befragten ist ein Arbeitsplatz wichtig, für den sie nicht umziehen müssen. Das ist in einer Region wie Ostwestfalen-Lippe kein Nebensatz: Wer in der Nähe von Familie, Freundeskreis und Herkunftsort bleiben möchte, kann den Radius der Wohnungssuche nicht beliebig vergrößern.
Mehrere Nebenjobs statt Eigenkapital
Weser kritisiert steigende Lebenshaltungskosten, den Abbau des Sozialstaats und das Ausbleiben der angekündigten BAföG-Erhöhung. Sebastian Brinkmann aus dem Kreis Herford studiert außerhalb von OWL und möchte später zurückkehren. Weil die Kosten steigen, arbeitet er in mehreren Nebenjobs.
Das Geldproblem zieht sich dadurch bis ins Studium: Brinkmanns finanzielle Situation verlängert seine Ausbildungszeit und verzögert den Einstieg ins Berufsleben. Der 30-Jährige möchte später eine Familie gründen, kann wegen des späten Berufseinstiegs und der angespannten Arbeitsmarktlage aber kaum sparen. Schon die aktuellen Mieten schränken seine Ausgaben stark ein. Eigenkapital aufzubauen, daran ist kaum zu denken.
Wohneigentum, das Familiengründung ermöglicht, wird nach Einschätzung de Molls seltener. Viele junge Menschen wünschen sich deshalb bezahlbare Wohnungen mit mehreren Zimmern, guter Nähe zum Arbeitsplatz oder Herkunftsort und flexiblen Grundrissen. Das klingt weniger nach dem klassischen Einfamilienhausprospekt und mehr nach einem Grundriss, der mit dem Leben mitwachsen kann.
Bauen bleibt teuer – auch wenn sich der Markt bewegt
Beim Neubau wird die Rechnung für die Generation Z ebenfalls nicht freundlicher. Die Baupreise für Wohngebäude in NRW lagen laut IT.NRW im Mai 2026 vier Prozent über dem Vorjahresniveau. Die Preise für Rohbauarbeiten stiegen im selben Zeitraum um knapp vier Prozent.
Bundesweit hatten sich die Wohnimmobilienpreise nach Rückgängen 2023 und Anfang 2024 zwar wieder stabilisiert. Der Häuserpreisindex lag im 1. Quartal 2024 noch 5,7 Prozent unter dem Vorjahresquartal, im 3. Quartal 2024 waren es nur noch 0,7 Prozent weniger. Im 4. Quartal 2024 lag der Wert 1,9 Prozent darüber, im 3. Quartal 2025 dann 3,3 Prozent. Das war der vierte Anstieg in Folge gegenüber dem jeweiligen Vorjahresquartal.
In den sieben größten Städten verteuerten sich im 3. Quartal 2025 Eigentumswohnungen um 2,8 Prozent, Ein- und Zweifamilienhäuser um 2,7 Prozent. Die Erholung verläuft allerdings regional und je nach Immobilientyp unterschiedlich.
Auch beim Bauen selbst geht die Kurve nach oben: Die Preise für den Neubau konventionell gefertigter Wohngebäude stiegen im November 2024 um 3,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr, im November 2025 um 3,2 Prozent. Ausbauarbeiten verteuerten sich in beiden Zeiträumen jeweils um 3,8 Prozent.
Fertig wird trotzdem nicht automatisch mehr. 2024 wurden bundesweit 251.900 Wohnungen fertiggestellt, 14,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Die durchschnittliche Zeit von der Genehmigung bis zur Fertigstellung stieg auf 26 Monate. Für 2025 wurden 238.500 Wohnungen genehmigt – 10,8 Prozent mehr als 2024 und erstmals mehr seit 2021. Baugenehmigungen sind jedoch nur ein Frühindikator und noch kein fertiger Wohnraum.
Die Finanzierung kommt obendrauf. Der zusammengesetzte Kreditkostenindikator für neue Wohnungsbaukredite im Euroraum lag im Dezember 2025 bei 3,32 Prozent. Bei Zinsbindungen von fünf bis zehn Jahren waren es 3,48 Prozent, bei mehr als zehn Jahren 3,13 Prozent. Solche Werte landen am Ende in den monatlichen Kreditraten – und dort bleiben sie nicht gerade unbemerkt.
NRW ist kein einziger Immobilienmarkt
In NRW wurden 2024 insgesamt 113.144 Kaufverträge über Grundstücke, Immobilien sowie Wohnungs- und Teileigentum abgeschlossen. Das waren rund 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Geldumsatz stieg um 16 Prozent auf 40,72 Milliarden Euro.
Mehr Geschäft bedeutete aber nicht überall höhere Preise. Bei Ein- und Zweifamilienhäusern nahm der Geldumsatz um 17 Prozent zu, während die durchschnittlichen Preise um 1 Prozent sanken. Eigentumswohnungen wurden 16 Prozent häufiger verkauft, der Geldumsatz stieg um 20 Prozent, die Preise um 1 Prozent. Bei Baugrundstücken für den individuellen Wohnungsbau reichten die regionalen Preisveränderungen von minus 9 bis plus 5 Prozent; im Landesdurchschnitt blieben sie unverändert.
Die Unterschiede innerhalb des Landes sind beträchtlich. Für Baugrundstücke in mittlerer Lage wurden in Düsseldorf 1.050 Euro pro Quadratmeter genannt. In einzelnen ländlichen Regionen – etwa in Eifel, Sauer- und Siegerland sowie Ostwestfalen-Lippe – lagen die Werte bei unter 50 Euro pro Quadratmeter. Bei neu errichteten Eigentumswohnungen in mittlerer Lage kostete der Quadratmeter beim Erstverkauf in Düsseldorf rund 7.350 Euro, in Köln 6.740 Euro, in Pulheim 6.640 Euro und in Hürth rund 6.200 Euro.
Wer mehr Verkäufe automatisch mit steigenden Preisen gleichsetzt, liegt also ebenso daneben wie jemand, der Baugenehmigungen mit fertiggestelltem Wohnraum verwechselt. Auch die Auswirkungen steigender Baukosten werden leicht unterschätzt. NRW als einheitlichen Immobilienmarkt zu betrachten, führt ohnehin schnell in die Irre.
Amtliche Begriffe helfen bei der Einordnung: Der Häuserpreisindex ist ein Index zur Preisentwicklung von Wohnimmobilien. Der Baupreisindex misst die Entwicklung der Preise für Bauleistungen. Baugenehmigungen gelten als Frühindikator für künftige Bautätigkeit, Baufertigstellungen bezeichnen tatsächlich fertiggestellte und gemeldete Wohnungen. Die Wohnungsbauquote gibt an, wie viele Wohnungen in NRW je 10.000 Einwohner fertiggestellt werden.
Was „Baukosten“ eigentlich bedeuten
Im Alltag wird oft vom „Baukostenindex“ gesprochen, obwohl meistens der „Baupreisindex“ gemeint ist. Das Statistische Bundesamt weist bei entsprechenden Anfragen darauf hin; in den meisten Fällen bestätigt sich diese Vermutung. Wer die falsche Zahlenreihe auswählt, kann bei der Statistik sonst schnell bei den falschen Werten landen.
Der Baukostenindex wird zentral berechnet und misst die Entwicklung der Preise ohne Umsatzsteuer für Produktionsfaktoren, die Bauunternehmen beim Neubau von Wohngebäuden einsetzen: Arbeit, Material, Ausrüstung und Energie. Veränderungen der Produktivität und der Gewinnmargen von Bauunternehmen berücksichtigt er nicht.
Der Baupreisindex wird dagegen dezentral ermittelt. Er zeigt die Verkaufspreise der Bauunternehmen und entspricht aus Sicht der Käufer beziehungsweise Bauherren deren Einkaufspreisen. Der Baukostenindex beschreibt also, was Unternehmen für ihre Produktionsfaktoren bezahlen; der Baupreisindex, was Bauherren für Bauleistungen auf den Tisch legen. Weitere Erläuterungen enthält das Dokument „Erläuterungen zum Baupreisindex“.
Preisindizes und Veränderungsraten für Wohnimmobilien stehen im Datenangebot des Statistischen Bundesamtes sowie in der GENESIS-Online-Datenbank unter dem Tabellencode 61262 zur Verfügung. Verwendete Quellen für die Marktdaten sind Destatis, IT.NRW, der Grundstücksmarktbericht Nordrhein-Westfalen 2025, die Gutachterausschüsse, das Ministerium des Innern NRW sowie die Europäische Zentralbank.
Rafael Weser hat sich mit Finanzierungen, Förderprogrammen und Bauprojekten in OWL beschäftigt. Nach eigener Einschätzung verfügt er weder über ausreichendes Eigenkapital noch über die Möglichkeit, welches aufzubauen, und sei deshalb nicht kreditwürdig. Steigende Immobilienpreise erhöhen zusätzlich die Kaufnebenkosten, darunter Maklerprovision und Grunderwerbsteuer.
Den Traum vom Eigenheim hat Weser vorerst aufgegeben. Gemeinsam mit seiner Partnerin sucht er nun eine bezahlbare Mietwohnung in Uni-Nähe. Ein Garten wäre schön. Erst einmal muss die Monatsmiete passen.
