Am 2. Oktober 2026 schauen Europas Bauern, Speditionen und Bauunternehmen mit wachsender Unruhe auf die Zapfsäulen. Seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar ist der Dieselpreis in fast allen europäischen Ländern um mehr als 30 Prozent gestiegen. Für einen Fuhrpark, der täglich hunderte Kilometer zurücklegt, wird daraus schnell eine Rechnung, die wehtut – und am Ende auch die Baupreise nach oben drückt.

Die G7-Staaten wollen gegensteuern. Auf Drängen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron kündigten Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und die USA am Freitag an, strategische Reserven anzuzapfen. Frankreich hat derzeit den Vorsitz der G7. Die Entscheidung fiel bei einer Videoschalte, an der auch Bundeskanzler Friedrich Merz teilnahm.

Bis zu 100 Millionen Barrel für vier Monate

Über vier Monate sollen insgesamt bis zu 100 Millionen Barrel Rohöl und Kraftstoffe, darunter Diesel, freigegeben werden. Die Internationale Energieagentur (IEA) koordiniert die Maßnahme. Die Menge entspricht nach Angaben der IEA ungefähr der weltweiten täglichen Rohölnachfrage. Wie viele Barrel die einzelnen G7-Staaten beisteuern, ist allerdings noch offen.

Losgehen soll die Freigabe sofort. In den ersten 20 Tagen liegt der Schwerpunkt auf Diesel, um den besonders angespannten Markt zu entlasten und die Energiemärkte zu stabilisieren. Nach Angaben aus Regierungskreisen soll die Aktion die Versorgungslage und die Stabilität des Ölmarkts verbessern. Die Bundesregierung wertete sie als Zeichen für die Handlungsfähigkeit und Geschlossenheit der G7.

Nach der Ankündigung gaben die Ölpreise nach: Der US-Ölpreis sank zeitweise um bis zu fünf Prozent, Brent-Rohöl notierte vorübergehend wieder unter 100 US-Dollar pro Barrel. Auch die EU begrüßte die Entscheidung. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte, die Bevölkerung brauche bezahlbare Energie – ein Satz, der an jeder Tankstelle ziemlich unmittelbar verständlich ist.

Washington drohte mit dem Dieselhahn

Der gemeinsame Schritt kam nicht ohne Druck aus Washington. Donald Trump drohte Frankreich und Deutschland mehrfach, die USA würden sie nicht mehr mit Diesel beliefern, wenn sie keine eigenen Reserven freigäben. Als mögliches Druckmittel stand ein von Trump befürworteter Exportstopp für US-Diesel nach Europa im Raum.

Trump hatte die Freigabe amerikanischer Reserven bereits vor der G7-Ankündigung auf Truth Social bekanntgegeben. Zuvor telefonierte er zu diesem Thema mit Emmanuel Macron und erklärte anschließend, Europa werde umfangreiche Dieselreserven freigeben. US-Finanzminister Scott Bessent forderte Europa auf, unverzüglich zusätzliche Liefermengen bereitzustellen, damit US-Landwirte, Lkw-Fahrer und Unternehmen nicht allein die Folgen einer weltweiten Dieselknappheit tragen.

Die Drohungen lösten in der EU Nervosität aus. Rund 50 Prozent des importierten Diesels stammen derzeit aus den USA. Vor dem Iran-Krieg waren die Golfstaaten Europas wichtigste Diesellieferanten; inzwischen kommen die größten Liefermengen aus den Vereinigten Staaten. Nach den Erfahrungen mit Russland hatten sich die Europäer eigentlich vorgenommen, ihre Energieversorgung stärker zu diversifizieren. Nun dürfte in der EU erneut über diese Abhängigkeit von amerikanischen Energielieferungen diskutiert werden.

Die G7 vereinbarte deshalb auch, auf Exportbeschränkungen für Energie und Energieprodukte zwischen den Mitgliedstaaten zu verzichten. Die hohen Energiepreise sollen weiterhin politische Priorität haben; falls nötig, könnten die Maßnahmen angepasst werden. An den Sanktionen gegen Russland wollen die Staaten festhalten.

Raffinerien, Tankrechnungen und politischer Druck

Der Dieselmarkt ist zusätzlich angespannt, weil Russland derzeit keinen Diesel exportiert. Ukrainische Bombardierungen beschädigten unter anderem russische Raffinerien. Russland verlängerte seine Ausfuhrsperre für Diesel bis Ende Oktober.

In den USA kostete Diesel zuletzt mehr als 6,50 Dollar pro Gallone, umgerechnet etwas über 1,40 Franken pro Liter. Lastwagenfahrer stellten Videos ins Netz, in denen sie von Tankrechnungen über 1000 Dollar berichteten. Für Trump kommt das zur Unzeit: Wegen der hohen Inflation und der Spritpreise wächst der innenpolitische Druck. Etwa einen Monat vor den US-Kongress-Zwischenwahlen lagen Trumps Republikaner in Umfragen zurück. Den Prognosen zufolge könnten sie bei den Wahlen Anfang November das Repräsentantenhaus an die Demokraten verlieren; auch ihre Mehrheit im Senat ist gefährdet.

Hohe Dieselpreise verteuern Transporte und Lebensmittel. Besonders spüren das Bauern in umkämpften Bundesstaaten wie Iowa und Ohio. Gefährdete Republikaner forderten Trump deshalb seit zwei Wochen öffentlich zu einem Diesel-Exportverbot auf.

Zunächst unterstützte er die Forderung, dann änderte er seine Position. Amerikanische Erdölproduzenten leisteten Widerstand: Ein Exportverbot würde ihnen Einnahmen entziehen, das Vertrauen ausländischer Kunden beschädigen und diese zu alternativen Lieferanten treiben. Außerdem würden die Preise vermutlich nur kurzfristig und regional sinken. Bundesstaaten, die weiter von den Raffinerien am Golf von Mexiko entfernt liegen, hätten kaum etwas davon. Also nutzte Trump schließlich die Drohung gegenüber Europa, statt ein Exportverbot zu verhängen.

Spediteure warten auf Entlastung

In Europa beklagen sich neben den Bauern besonders Logistikunternehmen über die Dieselpreise. Branchenverbände mehrerer EU-Staaten fordern direkte staatliche Finanzhilfen, weil Transportunternehmen andernfalls von Insolvenzen bedroht seien. Die angespannten Staatshaushalte schränken den Spielraum für solche Hilfen jedoch ein. Für Bauunternehmen bedeutet jeder teurere Liter Diesel höhere Kosten bei Transport, Erdarbeiten und Baustellenlogistik – und oft eine neue Diskussion über Nachträge.

Die jetzt beschlossene Freigabe knüpft an eine bereits im März von der IEA vereinbarte koordinierte Maßnahme an. Ziel ist eine möglichst breite Beteiligung aller IEA-Partnerländer. Laut Bundesregierung stehen weitere Reserven zur Verfügung, um bei Bedarf die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Alle 32 IEA-Mitglieder müssen strategische Notreserven anlegen.

Seit der Gründung der IEA 1974 gab es sechs koordinierte Freigaben: 1991 vor dem Zweiten Golfkrieg, 2005 nach den Hurrikans Katrina und Rita, 2011 während des Bürgerkriegs in Libyen sowie zweimal 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Die im März beschlossene Freigabe sollte den durch den Iran-Krieg ausgelösten Preisanstieg abfedern und war die größte in der Geschichte der IEA. IEA-Chef Fatih Birol zufolge ist etwa ein Drittel der damals beschlossenen Menge bislang noch nicht auf den Markt gelangt.

Ob die neuen Lieferungen an der Zapfsäule tatsächlich rasch ankommen, bleibt damit die spannende Frage. Auf den Baustellen wird jedenfalls weiter gerechnet: mit Diesel, mit Transportkilometern und mit Angeboten, die heute schon wieder anders aussehen können als gestern.