G7 zapft strategische Dieselreserven an und setzt Europas Versorgung unter Druck
Am 2. Oktober 2026 richten sich die Blicke der Energiemärkte auf die strategischen Reserven. Die G7-Staaten haben sich angesichts hoher Kraftstoffpreise auf eine koordinierte Freigabe von bis zu 100 Millionen Barrel Diesel und Rohöl geeinigt. Über die Internationale Energieagentur (IEA) soll die Maßnahme unverzüglich beginnen und sich über vier Monate erstrecken.
Schon in den ersten 20 Tagen sollen G7-Mitglieder und Partner erhebliche Diesel-Mengen vorzeitig freigeben. Über weitere mögliche Schritte will die IEA in den kommenden Tagen beraten. Die Entscheidung fiel nach einer Videoschalte der G7, an der auch Bundeskanzler Friedrich Merz teilnahm. Frankreich hat derzeit den Vorsitz.
US-Druck und europäische Reserven
Zur G7 gehören Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und die USA. Vor allem die europäischen Mitglieder waren von Washington zur Freigabe strategischer Dieselreserven gedrängt worden. Als Druckmittel stand ein US-Exportstopp für Diesel im Raum; US-Präsident Donald Trump hatte sich zuvor dafür ausgesprochen.
Reuters berichtete unter Berufung auf drei informierte Personen, die US-Regierung habe Deutschland und Frankreich mit einem Diesel-Exportverbot gedroht, falls sie ihre Notfallreserven nicht anzapften. Nach Angaben von Insidern forderten die USA von großen europäischen Staaten sogar die Freigabe von 100 Millionen Barrel Diesel innerhalb von 20 Tagen.
Zuvor hatten EU-Staaten über einen französischen Vorschlag beraten: 50 Millionen Barrel Diesel sollten aus europäischen Reserven kommen, weitere 50 Millionen Barrel Rohöl von anderen IEA-Mitgliedern. Eine Freigabe von 50 Millionen Barrel Diesel entspräche nach Eurostat-Daten vom Mai 2025 etwa 17 Prozent der gesamten EU-Notfallvorräte an Diesel und Benzin – und rund drei Prozent des jährlichen Kraftstoffverbrauchs der EU.
Trump begrüßte die Entscheidung. Kurz vor der G7-Ankündigung schrieb er auf Truth Social, Europa werde große Mengen seiner Dieselreserven freigeben. Zuvor hatte er in der Nacht zum Freitag mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron telefoniert. Macron erklärte, alle G7-Teilnehmer, einschließlich Trump, hätten sich verpflichtet, auf Exportverbote zu verzichten.
Auch US-Finanzminister Scott Bessent forderte Europa auf der Plattform X auf, unverzüglich zusätzliche Liefermengen bereitzustellen. US-Landwirte, Lkw-Fahrer und Unternehmen sollten die Folgen einer weltweiten Dieselknappheit nicht allein tragen, schrieb er.
Preise, Wahlkampf und Nervosität
Die Kraftstoffpreise in den USA waren infolge des Iran-Kriegs in den vergangenen Wochen erneut deutlich gestiegen. Trump will sie vor den US-Kongresswahlen am 3. November senken. Innenpolitisch wächst der Druck: Seine Republikaner liegen etwa einen Monat vor den US-Kongress-Zwischenwahlen in Umfragen zurück.
Die Nachricht über die Reservenfreigabe drückte die Preise an den Finanzmärkten. US-Diesel-Futures fielen zeitweise um mehr als vier Prozent auf 4,4491 Dollar je Gallone. Europäische Diesel-Futures sanken nach Angaben von LSEG um mehr als 100 Dollar je Tonne. An den Zapfsäulen kommt so etwas allerdings nicht zwingend sofort an – das dauert, wenn überhaupt, meist ein bisserl.
Die Bundesregierung hatte sich zunächst zurückhaltend geäußert und eine besonnene Reaktion angemahnt. Regierungssprecher Sebastian Hille erklärte, Ursache der hohen Kraftstoffpreise seien vor allem die Lage im Nahen Osten und die Angebotsverknappung; die Märkte sollten nicht weiter verunsichert werden. Versorgungssicherheit habe höchste Priorität.
Die EU begrüßte die Entscheidung. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte, die Bevölkerung brauche bezahlbare Energie. Aus deutschen Regierungskreisen hieß es laut Reuters, die Freigabe solle die Versorgungslage und das Marktgeschehen stabilisieren.
Angespanntes Angebot, schwierige Abwägung
Das weltweite Dieselangebot ist derzeit stark angespannt. Belastend wirken der Konflikt zwischen den USA und dem Iran, ein russisches Diesel-Exportverbot nach ukrainischen Angriffen auf russische Raffinerien sowie die vorübergehende Aussetzung chinesischer Kraftstoffexporte.
Europa war früher stark von Importen aus Russland und dem Nahen Osten abhängig und bezieht Diesel inzwischen zunehmend aus den USA. Genau darin steckt die heikle Seite der aktuellen Entscheidung: Die EU muss niedrigere Kraftstoffpreise gegen den Erhalt strategischer Reserven abwägen, die bei länger anhaltenden Lieferausfällen im Nahen Osten gebraucht werden könnten.
Die G7 wollen ihre Maßnahmen weiter koordinieren, um die Öllieferungen durch die Straße von Hormus zu sichern. Außerdem soll die Produktion flexibler gestaltet werden, damit die maximale Kapazität der Raffinerien ausgeschöpft werden kann. Die Staaten bekräftigten, untereinander auf Exportbeschränkungen für Energie und Energieträger zu verzichten.
Die grundsätzliche Entscheidung über eine koordinierte Freigabe strategischer Reserven liegt bei der IEA, der 32 Länder angehören. Die IEA-Mitgliedstaaten hatten bereits im März als Reaktion auf den Iran-Krieg eine Freigabe von 400 Millionen Barrel aus strategischen Ölreserven beschlossen, um den dadurch ausgelösten Preisanstieg abzufedern. Es war die bislang umfangreichste Freigabe in der Geschichte der IEA.
IEA-Chef Fatih Birol zufolge waren davon in dieser Woche etwa zwei Drittel freigegeben. Wegen weltweit steigender Preise, insbesondere für Diesel, wurde nun erneut über Reserven beraten.
Bob McNally von der Rapidan Energy Group erwartet, dass europäische Staaten wegen früherer Verzögerungen bei Reservenfreigaben und möglicher US-Exportbeschränkungen wahrscheinlich mehr Diesel und möglicherweise auch Rohöl freigeben werden. Seine Einschätzung: Das Anzapfen europäischer Reserven ist notwendig, reicht aber möglicherweise nicht aus, um US-Exportbeschränkungen zu verhindern. Wegen der hohen Kraftstoffpreise und der politischen Nervosität im Weißen Haus bleiben solche Beschränkungen weiterhin möglich.
