Gas wird teurer: Warum der Iran-Krieg Deutschlands Haushalte über den Weltmarkt erreicht
Für private Haushalte wird Gas in den kommenden Monaten voraussichtlich deutlich teurer. Das Vergleichsportal Verivox rechnet wegen hoher Einkaufspreise mit Aufschlägen von bis zu 20 Prozent. Das betrifft nicht nur Neukunden: Auch wer schon länger beim selben Anbieter ist, muss mit höheren Preisen rechnen.
Die Entwicklung trifft Familien direkt im Haushaltsbudget. Seit Beginn des Iran-Kriegs sind die Neukundenpreise für Gas laut Verivox von etwa 8,5 auf 12,5 Cent pro Kilowattstunde gestiegen. Für eine Familie im Einfamilienhaus könnten sich die jährlichen Kosten dadurch von rund 2.000 Euro um etwa 400 Euro erhöhen. Beim Strom ging es ebenfalls nach oben: Im März lagen die Preise laut Energieexperte Lundquist Neubauer bei etwa 26 Cent pro Kilowattstunde, aktuell sind es rund 31 Cent – ungefähr 20 Prozent mehr. Verivox erwartet deshalb auch beim Strom Mehrkosten im dreistelligen Euro-Bereich.
Jetzt Verträge prüfen, nicht erst den Brief abwarten
Neubauer empfiehlt, die eigenen Lieferverträge zu prüfen und Anbieterpreise zu vergleichen. Auf Preiserhöhungsschreiben zu warten, sei keine gute Idee. Die Neukundenpreise dürften in den nächsten Wochen weiter steigen, anschließend könnten die Bestandskundenpreise nachziehen. Zahlreiche Schreiben könnten laut Neubauer Ende Oktober bis Mitte November verschickt werden.
Als wichtigste Ursache nennt Verivox den Iran-Krieg. Beim Gas kommt hinzu, dass die Speicher deutlich leerer sind als im Vorjahr. Geringere Bestände können an den Börsen zu weiterer Knappheit und höheren Preisen führen. Eine Gasmangellage erwartet Neubauer dennoch nicht. Der Wettbewerb funktioniert weiterhin, sagt Verivox – günstige Strom- und Gastarife gibt es also nach wie vor. Man muss sie nur finden, und das ist manchmal ein wenig Arbeit am Küchentisch.
Der Konflikt wirkt vor allem über den Weltmarkt
Direkte Auswirkungen des Konflikts in der Golfregion auf die physische Gasversorgung Deutschlands werden derzeit nicht erwartet. Norwegen ist Deutschlands größter und wichtigster Gaslieferant. Weitere Säulen der Versorgungssicherheit sind LNG-Importe aus verschiedenen Ländern, die Gasspeicher und die heimische Gasförderung. Deutschland bezieht derzeit kein LNG direkt aus Katar.
Auch eine Sperrung der Straße von Hormus hätte für die Gasversorgung Deutschlands und Europas nur geringe direkte Auswirkungen. Nur ein geringer Anteil des in der EU verbrauchten Erdgases stammt unmittelbar aus Katar. Die aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten exportierten Mengen würden auf dem Weltmarkt allerdings fehlen. Genau dort liegt der Haken: Die Folgen kämen indirekt, vor allem über steigende Großhandelspreise für Gas.
Die Sperrung der Straße von Hormus und der daraus resultierende Rückgang des Gas- und Ölangebots haben die Preise auf den Weltmärkten steigen lassen. An den Gasgroßhandelsmärkten herrscht eine hohe Volatilität, die auf die unsichere Lage zurückgeführt wird. Zu Beginn des Konflikts schnellten die Großhandelspreise deutlich nach oben, in den vergangenen Wochen schwankten sie stark.
Was davon bei privaten Verbrauchern ankommt, lässt sich nicht pauschal sagen. Entscheidend sind die Beschaffungs- und Absicherungsstrategien der Energieversorger sowie die jeweiligen Lieferverträge. Bei den meisten Lieferanten sind die Endkundenpreise für Strom und Gas über längere Zeiträume festgelegt und an den Terminmärkten abgesichert. Viele Versorger kaufen langfristig ein, um kurzfristige Preissprünge abzufedern. Steigende Börsenpreise werden daher in der Regel weder sofort noch vollständig an private Endkunden weitergegeben.
Ähnlich ist es bei Industriekunden – allerdings mit einem Unterschied: Ihre Beschaffungszeiträume sind tendenziell kürzer als jene privater Haushalte. Unternehmen, die überwiegend am Spotmarkt einkaufen, bekommen die Schwankungen stärker zu spüren. Auch bei ihnen gilt aber: Haben Lieferanten die benötigten Mengen vorab beschafft, reagieren die Preise nicht zwingend unmittelbar auf die Großhandelsnotierungen.
Speicher, Händler und die Vorsorge für den Winter
Ab April beginnt die Wiederbefüllung der Gasspeicher. Höhere Sommerpreise könnten die wirtschaftlichen Anreize zur Einspeicherung schwächen. Versorger haben gegenüber privaten Haushaltskunden jedoch eine Lieferverpflichtung und werden die für den Winter erwarteten Mengen daher regelmäßig per Termin einkaufen.
Eine strategische Gasspeicherreserve kann akute Krisen und unvorhersehbare Extremereignisse abfedern. Sie soll ausschließlich der Sicherung der physischen Versorgung dienen, nicht der gezielten Begrenzung von Preisspitzen. Ihr Einsatz soll auf Notfälle beschränkt bleiben, damit der Markt nicht verzerrt wird.
Die Wintervorsorge und die Speicherbefüllung sind grundsätzlich Aufgaben der Gashändler. Sie müssen Lieferverpflichtungen gegenüber Stadtwerken, Versorgern, Industrie und weiteren Kunden erfüllen und sich dafür ausreichend absichern. Dafür nutzen sie Pipelineimporte, LNG-Importe und gespeicherte Gasmengen; ihre Beschaffung optimieren sie nach Preisgesichtspunkten. Laut Bundesnetzagentur ist auf dem Weltmarkt ausreichend Gas verfügbar, außerdem bestehen genügend Importmöglichkeiten.
Deutschland hat seine Gaslieferketten bereits diversifiziert und breiter aufgestellt. Dieser Kurs soll fortgesetzt werden. Erneuerbare und kohlenstoffarme Gase, darunter Wasserstoff, Wasserstoffderivate und Biogas, sollen zunehmend wichtige Energieträger werden. Auch bei der Stromerzeugung haben erneuerbare Energien die Unabhängigkeit Deutschlands erhöht. Heimisch erzeugte erneuerbare Energie stärkt die Handlungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit des Stromsystems – ein eher nüchterner Satz, der sich auf der Stromrechnung trotzdem bemerkbar machen kann.
Bundesnetzagentur: Versorgung stabil, Preise bleiben ein Risiko
Die Bundesnetzagentur veröffentlicht in ihrem Lagebericht eine Einschätzung zur deutschen Gasversorgung und stellt interaktive Grafiken zu Gasflüssen, Speicherfüllständen, Verbrauch und Preisen bereit. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat die seit dem 23. Juni 2022 geltende Alarmstufe des Notfallplans Gas aufgehoben. Seit dem 1. Juli 2025 gilt die Frühwarnstufe.
Die Gasimporte sind stabil. Vom 24. bis 30. September 2026 wurden 15,1 TWh über Pipelines importiert. Über deutsche LNG-Terminals kamen im selben Zeitraum 2,2 TWh hinzu; die Terminals waren durchschnittlich zu 48,8 Prozent ausgelastet.
Die deutschen Gasspeicher sind derzeit zu 58 Prozent gefüllt, das entspricht 143,5 TWh. Damit liegen die Speicherfüllstände deutlich unter denen vergleichbarer Zeiträume vergangener Jahre. Die täglichen Einspeicherungen waren in den vergangenen Tagen teilweise weiterhin niedrig. Nach Einschätzung der Bundesnetzagentur hängt das mit den Absicherungsstrategien der Gashändler zusammen und ist für die sichere Gasversorgung nicht kritisch. Das Erreichen der Füllstandsziele bis November sei für eine sichere Versorgung nicht zwingend erforderlich.
Für die Versorgungssicherheit zählen mehrere Faktoren: Pipelineimporte, Speichermengen, LNG-Importe, die vorhandene Infrastruktur und die Gasnachfrage. Die Behörde beobachtet die Entwicklungen im Nahen Osten fortlaufend. Preisveränderungen auf den Weltmärkten wirken sich auch auf die europäischen Großhandelspreise aus. Ob und in welchem Umfang sie bei den Kunden ankommen, hängt unter anderem von der Dauer des Konflikts, der Beschaffungsstrategie der Lieferanten und den vertraglichen Regelungen ab.
Die Bundesnetzagentur bewertet das Risiko einer angespannten Gasversorgung nach aktuellem Kenntnisstand weiterhin als gering. Die Gasversorgung Deutschlands sei stabil, die Versorgungssicherheit gewährleistet. Angesichts des weiterhin erhöhten Preisniveaus bleibt ein sparsamer Gasverbrauch für Haushaltskunden sinnvoll. Ein vergleichsweise niedriger Speicherfüllstand am Ende des Winters ist wahrscheinlich.
Wer die Entwicklung genauer verfolgen will, findet bei der Bundesnetzagentur tägliche Gasflüsse, die Auslastung der LNG-Terminals und Speicherfüllstände. Abrufbar sind außerdem der Verlauf der Speicherfüllstände in Prozent, die täglichen Veränderungen in Prozentpunkten, der Gasverbrauch von Industrie sowie Haushalten und Gewerbe mit monatlichen und wöchentlichen Veränderungen und Mittelwerten, der Gesamtgasverbrauch Deutschlands samt diesen Vergleichswerten, monatliche und wöchentliche Temperaturmittelwerte, Großhandelsgaspreise in Euro pro Megawattstunde sowie die deutsche Gasförderung in Gigawattstunden pro Tag.
