Am 3. Oktober 2026 richtet sich der Blick an den Tankstellen erneut auf die großen Ölmärkte: Die G7 wollen koordiniert 100 Millionen Barrel Rohöl und Kraftstoffe aus strategischen Notreserven freigeben. Die Aktion soll sofort beginnen und sich über vier Monate erstrecken. Gesteuert wird sie von der Internationalen Energieagentur (IEA). 100 Millionen Barrel entsprechen laut IEA ungefähr der weltweiten täglichen Rohölnachfrage.

Ein erheblicher Teil des Diesels soll bereits innerhalb der ersten 20 Tage auf den Markt kommen. Wie viele Barrel die einzelnen Staaten beisteuern und wie die Mengen auf Länder und Produkte verteilt werden, ist allerdings noch offen. Zur G7 gehören Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und die USA; Frankreich hat derzeit den Vorsitz. Die Entscheidung fiel in einer Videoschalte, an der auch Bundeskanzler Friedrich Merz teilnahm.

Entlastung mit Fragezeichen

Ganz neu ist der Schritt nicht. Im März hatten die IEA-Mitgliedstaaten bereits zugesagt, 400 Millionen Barrel freizugeben, um den durch den Iran-Krieg ausgelösten Preisanstieg abzufedern. Diese Freigabe war die größte in der mehr als 50-jährigen Geschichte der IEA. Nach Angaben von IEA-Chef Fatih Birol kamen davon bisher rund 325 Millionen Barrel auf den Markt; etwa ein Drittel der im März beschlossenen Menge war damit noch offen. Die G7 fordern nun auch die vollständige Umsetzung dieser Zusagen.

Ein Teil der jetzt angekündigten 100 Millionen Barrel könnte daher Mengen umfassen, die schon früher versprochen wurden. Wie viel tatsächlich zusätzlich bereitgestellt wird, bleibt unklar. Die USA hatten europäische G7-Staaten zuletzt gedrängt, vor allem strategische Dieselreserven freizugeben. Als Druckmittel stand sogar ein US-Exportstopp für Diesel nach Europa im Raum; US-Präsident Donald Trump hatte sich dafür ausgesprochen.

Nach der Ankündigung gaben die Ölpreise deutlich nach. Der US-Ölpreis sank zeitweise um bis zu fünf Prozent, Brent-Öl fiel vorübergehend unter 100 US-Dollar je Barrel. Auch europäische Diesel-Futures und US-Terminmarktpreise wurden billiger. In ihrer Erklärung verpflichteten sich die G7 außerdem, untereinander auf Exportbeschränkungen für Energie und Energieprodukte zu verzichten.

Ob das an deutschen Zapfsäulen im gleichen Ausmaß ankommt, ist offen. Transportkosten, Raffinerie- und Handelsmargen, Steuern und Abgaben spielen hinein. Ebenso entscheidend sind die Mengen, die tatsächlich nach Europa gelangen, die weitere Entwicklung im Nahen Osten, die Lage russischer Raffinerien und zusätzliche Lieferungen aus anderen Regionen. Eine konkrete zusätzliche Entlastung lässt sich derzeit nicht berechnen.

Diesel bleibt der Engpass

Die Maßnahme zielt vor allem auf die angespannte Versorgung mit verarbeitetem Kraftstoff. Vor dem Krieg stammte fast die Hälfte des weltweit auf dem Seeweg gehandelten Diesels und Gasöls aus Russland und den Golfstaaten. Im August lagen deren gemeinsame Nettoexporte rund 1,6 Millionen Barrel pro Tag unter dem Februar-Niveau.

Aus den Golfstaaten kamen im August netto rund 390.000 Barrel Diesel und Gasöl pro Tag – etwas mehr als ein Viertel des Niveaus vor Kriegsbeginn. Zugleich beeinträchtigten Angriffe auf russische Raffinerien dort Produktion und Ausfuhren. Größere Exporte raffinierter Produkte aus den Golfstaaten sowie eine bessere Versorgung aus Russland oder anderen Regionen könnten den Dieselmarkt stärker entspannen. Bleiben Raffinerien und Handelswege gestört, kann der Kraftstoff trotz der Reservefreigabe knapp bleiben.

Die G7 wollen deshalb auch Raffineriewartungen besser koordinieren, damit nicht mehrere Anlagen gleichzeitig ausfallen. Wo es technisch möglich ist, soll die Auslastung vorübergehend steigen. Auch Raffinerien außerhalb der G7 sollen zu einer höheren Kraftstoffproduktion bewegt werden – im Mittelpunkt steht Diesel. Das klingt nach einem Detail aus dem Maschinenraum, ist für den Preis an der Zapfsäule aber womöglich wichtiger als die Schlagzeile über die Barrel-Menge.

Die Bundesregierung bezeichnete die Einigung als wichtiges Zeichen für die Handlungsfähigkeit und Geschlossenheit der G7. Die Freigabe solle Versorgungslage und Marktgeschehen stabilisieren und möglichst durch eine breite Beteiligung aller IEA-Partnerländer ergänzt werden. Alle 32 IEA-Mitglieder müssen strategische Notreserven anlegen. Nach Angaben aus Regierungskreisen stehen weiterhin ausreichende weitere Reserven zur Verfügung, um bei Bedarf die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Was Deutschland beitragen kann

Deutschland hält über den Erdölbevorratungsverband in Hamburg rund 20 Millionen Tonnen Rohöl und Mineralölprodukte vor. Dazu gehören Diesel, Benzin, leichtes Heizöl und Flugturbinenkraftstoff. Die gesetzliche Bevorratung orientiert sich an den durchschnittlichen deutschen Nettoimporten von 90 Tagen.

Das heißt aber nicht automatisch, dass Deutschland bei einem vollständigen Lieferstopp 90 Tage lang unverändert weiterverbrauchen könnte. Die Reichweite hängt vom Verbrauch und von verbleibenden Lieferungen ab. Wie viel Deutschland zur G7-Aktion beitragen wird, ist noch nicht bekannt.

Für die Freigabe deutscher Bestände braucht es eine Verordnung des Bundeswirtschaftsministeriums. Darin werden Zeitraum und Mengen je Produkt festgelegt. Die freigegebenen Bestände werden Mineralölunternehmen grundsätzlich zu Marktpreisen angeboten.

Seit dem 1. Oktober ist außerdem die Energiesteuer auf Diesel und Benzin bis Jahresende um 14,04 Cent je Liter gesenkt. Einschließlich der dadurch geringeren Mehrwertsteuer ergibt sich rechnerisch eine Entlastung von rund 17 Cent je Liter. Die Bundesregierung erwartet dadurch Steuermindereinnahmen von etwa 2,5 Milliarden Euro.

Der Tankrabatt senkt direkt die Steuerbelastung. Die Reservefreigabe soll dagegen das internationale Angebot erhöhen und Großhandelspreise drücken. Beide Effekte könnten sich grundsätzlich ergänzen. Wie viel davon am Ende beim Autofahrer landet, entscheidet sich an den Handelsplätzen – und daran, wie schnell die zusätzlichen Mengen dort eintreffen.

Ein Markt voller Öl, aber nicht überall genug Verarbeitung

Die IEA beschreibt trotz eines globalen Ölüberangebots eine eigentümliche Schieflage: In wichtigen Preisbildungszentren liegen die Lagerbestände nahe dem niedrigsten Stand seit einem Jahrzehnt. Niedrigere Terminpreise verringern zugleich den Anreiz, Öl einzulagern. Die Benchmarkpreise gaben im November nur leicht nach; North Sea Dated lag bei etwa 63 US-Dollar je Barrel, WTI bei etwa 59 US-Dollar. ICE Brent ist seit Januar um knapp 20 US-Dollar je Barrel gefallen.

Weltweit erfasste Ölbestände stiegen von Januar bis November um 424 Millionen Barrel, im Durchschnitt um 1,3 Millionen Barrel pro Tag. Die schwimmenden Rohölbestände legten seit Ende August sogar um 213 Millionen Barrel zu. Sanktionierte Ölmengen fanden schwer Käufer, Rekordtransporte aus Amerika nach Asien verlängerten die Wege, und OPEC+-Exporte aus dem Nahen Osten nahmen wegen höherer Förderquoten und saisonal schwächerer regionaler Nachfrage zu.

Chinas Rohölbestände wuchsen von Januar bis November um 58 Millionen Barrel. In den USA stiegen die Bestände an Erdgaskondensaten und anderen Gasflüssigkeiten um 63 Millionen Barrel. An wichtigen Preisbildungszentren legten die Rohöl- und Produktlager dagegen nur geringfügig zu. Die beobachteten Lagerveränderungen liegen damit unter dem von den Bilanzen erwarteten Aufbau: fast 2 Millionen Barrel pro Tag in den ersten drei Quartalen 2025 und durchschnittlich 3,7 Millionen Barrel pro Tag vom vierten Quartal 2025 bis 2026.

Unterschiedliche Entwicklungen bei Rohöl, NGLs und Ölprodukten erklären einen Teil dieser Abweichung. Eine geringere Markttransparenz macht die Bewertung zusätzlich schwierig. Der erwartete globale Ölüberschuss im vierten Quartal 2025 wurde gegenüber dem Vormonatsbericht kleiner, weil der starke Anstieg des Ölangebots abrupt endete.

Im November sank das weltweite Ölangebot um 610.000 Barrel pro Tag gegenüber Oktober und um 1,5 Millionen Barrel pro Tag gegenüber dem Rekordhoch im September. OPEC+ war für 80 Prozent dieses Rückgangs verantwortlich. Größere ungeplante Ausfälle gab es in Kuwait und Kasachstan; außerdem ging die Produktion im sanktionierten Russland und Venezuela deutlich zurück.

Russlands gesamte Ölexporte fielen im November um rund 400.000 Barrel pro Tag auf 6,9 Millionen Barrel pro Tag. Käufer bewerteten die Folgen und Risiken verschärfter Sanktionen neu. Der Preis für russisches Urals-Öl sank um 8,20 US-Dollar je Barrel auf 43,52 US-Dollar. Russ