G7 zapfen 100 Millionen Barrel an – doch die Straße von Hormus entscheidet über den Dieselpreis
Die G7-Staaten wollen in den kommenden vier Monaten insgesamt 100 Millionen Barrel Rohöl und Diesel aus ihren strategischen Reserven freigeben. Das entspricht rund 15,9 Milliarden Litern – ungefähr der weltweiten täglichen Rohölnachfrage, wie die Internationale Energieagentur (IEA) angibt. An den Tankstellen dürfte das zunächst etwas Luft verschaffen. Eine dauerhafte Entspannung ist damit aber nicht in Sicht.
Ökonomin Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft erwartet allenfalls eine kurzfristige Entlastung. Die Freigabe könne die Preise vorübergehend abfedern, löse aber nicht die grundlegenden Probleme. Entscheidend werde sein, wie hoch der Dieselanteil der Reserven tatsächlich ausfällt. Dazu machten die G7 zunächst keine Angaben.
Hormus bleibt der kritische Punkt
Hinter der Entscheidung steht die angespannte Lage an der Straße von Hormus. Sie beeinträchtigt den Ölexport ebenso wie den Zugang wichtiger Raffinerien zum Weltmarkt. Laut der britischen Schifffahrtsicherheitsbehörde UKMTO gerieten dort zuletzt erneut Tanker unter Beschuss. Eine dauerhafte Normalisierung der Energiepreise hängt laut Sultan deshalb von einer Öffnung der Meerenge ab.
Sollte die Lage weiter eskalieren und der Schiffsverkehr vollständig zum Stillstand kommen, würden die Reserven nur begrenzt reichen, warnt Sultan. Die G7 wollen ihre Energieflüsse offenhalten, Raffineriekapazitäten koordinieren und deren Auslastung erhöhen, soweit das möglich ist. Nach Angaben des französischen Präsidenten Emmanuel Macron sollen die Maßnahmen außerdem weiter abgestimmt werden, um Öllieferungen durch die Straße von Hormus zu sichern.
In den kommenden Tagen wollen die G7 zusätzlich über weitere Dieselfreigaben beraten. Die Beiträge der einzelnen Länder sind allerdings noch nicht festgelegt. Vereinbart wurde zunächst die Freigabe von bis zu 100 Millionen Barrel Diesel und Rohöl, koordiniert über die IEA. Ein erheblicher Teil der Dieselreserven soll bereits innerhalb der ersten 20 Tage auf den Markt kommen.
Was von der März-Entscheidung noch übrig ist
Die G7 umfassen Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und die USA. Frankreich hat derzeit den Vorsitz. An der Videoschalte nahm auch Bundeskanzler Friedrich Merz teil; beteiligt waren außerdem EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die IEA. Deutschland unterstützt laut Bundesregierung eine breite Beteiligung aller IEA-Mitgliedsländer.
Unklar bleibt, in welchem Umfang die 100 Millionen Barrel zusätzlich zu einer bereits im März beschlossenen Freigabe mobilisiert werden. Damals hatte die IEA wegen des durch den Iran-Krieg ausgelösten Preisanstiegs eine Freigabe von bis zu 400 Millionen Barrel vorgeschlagen – die größte koordinierte Freigabe in ihrer Geschichte. Laut IEA wurden bisher 325 Millionen Barrel freigegeben, 75 Millionen aus dem März-Beschluss wären damit noch offen. IEA-Chef Fatih Birol sagte zugleich, rund ein Drittel der bereits beschlossenen Menge sei noch nicht auf den Markt gelangt.
Nach Darstellung der G7 sind die nun beschlossenen 100 Millionen Barrel Teil der Umsetzung früherer Verpflichtungen, wobei bereits erfüllte Zusagen berücksichtigt werden. Alle 32 IEA-Mitglieder müssen strategische Notreserven anlegen. Seit der Gründung der Agentur im Jahr 1974 gab es sechs koordinierte Freigaben, unter anderem 1991, 2005, 2011 und zweimal 2022.
Die Energiepreise reagierten unmittelbar. Der US-Ölpreis fiel zeitweise um bis zu fünf Prozent, Brent-Öl kostete vorübergehend wieder weniger als 100 US-Dollar pro Barrel. An der Zapfsäule kommt davon möglicherweise nur ein kurzer Dämpfer an. Wie viel Diesel tatsächlich freigegeben wird, ist eben der entscheidende Haken.
Politischer Druck aus Washington
US-Präsident Donald Trump hatte Europa zuvor zur Freigabe strategischer Reserven gedrängt und mit einem US-Exportstopp für Diesel nach Europa gedroht. US-Finanzminister Scott Bessent forderte die europäischen Staaten auf, zusätzliche Liefermengen unverzüglich bereitzustellen. Trump telefonierte dazu mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und schrieb anschließend, Europa werde große Mengen seiner Dieselreserven freigeben.
In ihrer Erklärung kündigten die G7 an, auf Exportbeschränkungen für Energie und Energieprodukte untereinander zu verzichten. Die EU begrüßte die Entscheidung. Ursula von der Leyen erklärte, die Bevölkerung brauche bezahlbare Energie. Die Bundesregierung sprach von einem „wichtigen Zeichen“ für die Handlungsfähigkeit und Geschlossenheit der G7. Die Maßnahme solle die Versorgungslage und die Stabilität der Energiemärkte verbessern.
Der politische Hintergrund ist schwer zu übersehen. In den USA sind die Treibstoffpreise infolge des Iran-Kriegs ebenfalls deutlich gestiegen. Die USA und Israel hatten den Iran-Krieg laut Artikel vor rund sechs Monaten begonnen. Etwa einen Monat vor den US-Kongress-Zwischenwahlen liegen die Republikaner in Umfragen zurück. Trump will die hohen Spritpreise vor den US-Kongresswahlen Anfang November senken.
Der Grünen-Energiepolitiker Michael Kellner kritisierte die Entscheidung und verwies auf den Zusammenhang mit Trumps Wahlkampf. Auch die geplante Freigabe wird damit zum politischen Signal – nicht nur zum Griff in die Reservetanks.
Berlin sieht die Versorgung nicht gefährdet
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche erklärte, die Energieversorgung werde durch die Freigabe nicht gefährdet. Über vier Monate sollen die 100 Millionen Barrel koordiniert über die IEA mobilisiert werden; jederzeit bleibe ausreichend Reserve zur Sicherung der Versorgung vorhanden. Die Lage werde laufend überwacht.
Deutsche Regierungskreise bezeichneten die Freigabe als wichtig, um Versorgungslage und Marktgeschehen zu stabilisieren. Ziel der Gespräche sei es gewesen, aus der angespannten Lage ein gemeinsames Vorgehen zu entwickeln, sagte Reiche. Die Maßnahme soll den Preisdruck dämpfen und Verlässlichkeit für Unternehmen, Verbraucher und die transatlantische Partnerschaft schaffen. Weitere Reserven stehen nach Angaben aus Regierungskreisen zur Verfügung, um bei Bedarf die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Für Autofahrer und Betriebe bleibt vorerst die Straße von Hormus der entscheidende Unsicherheitsfaktor. Solange dort Tanker unter Beschuss geraten und Raffinerien nur eingeschränkt Zugang zum Weltmarkt haben, kann auch ein Milliarden-Liter-Paket die Lage nur auf Zeit beruhigen.
