Auf dem Kraftstoffmarkt hat sich etwas verschoben, womit viele wohl nicht gerechnet haben: HVO100 ist in Deutschland im Großhandel erstmals günstiger als fossiler B7-Diesel. Am 18. September lag der Preis für den synthetischen beziehungsweise paraffinischen Dieselkraftstoff bundesweit durchschnittlich mehr als 6 Euro je 100 Liter unter dem Dieselpreis. Am 22. September waren es noch rund 5,50 Euro je 100 Liter.

In einzelnen Regionen fiel der Unterschied sogar deutlicher aus. In Hamburg war HVO100 zeitweise rund 10 Euro je 100 Liter günstiger. Seit der Zulassung an deutschen Tankstellen im Mai 2024 hatte die Dieselalternative allerdings meist mehr gekostet. Die jetzige Preisumkehr kommt deshalb durchaus überraschend.

Warum fossiler Diesel teurer wurde

Beim fossilen Diesel haben geopolitische Spannungen, gestörte Handelsströme und höhere Rohölpreise die Kosten nach oben gedrückt. Dazu kamen gestiegene Fracht- und Versicherungskosten. An den Zapfsäulen merkt man solche Entwicklungen oft nicht sofort, im Großhandel schlagen sie jedoch direkt durch.

HVO100 hängt weniger unmittelbar am Rohölpreis. Der Kraftstoff wird überwiegend aus biogenen Rest- und Abfallstoffen hergestellt, darunter Altspeiseöle, Tallöl und tierische Fette. Auch bei den staatlichen Bestandteilen gibt es Unterschiede: Für HVO100 und fossilen Diesel gilt dieselbe Energiesteuer von 47,04 Euro je 100 Liter. Fossiler Diesel unterliegt zusätzlich einem nationalen CO₂-Preis von derzeit rund 17 Euro je 100 Liter. Die Erdölbevorratungsabgabe von etwa 30 Cent je 100 Liter fällt bei HVO100 nicht an.

HVO-Anbieter verdienen außerdem an der Treibhausgasminderungsquote. Die Preise für die entsprechenden Zertifikate erreichten zuletzt Rekordwerte. Das kann die Kalkulation zusätzlich entlasten – zumindest solange der Markt mitspielt.

Für Autofahrer ist der Vorteil noch nicht angekommen

An den Tankstellen bleibt HVO100 trotzdem meist teurer als Diesel. Nach Angaben von Argus lag der Aufschlag zuletzt häufig bei etwa 4 bis 8 Cent je Liter. Nach der Einführung waren zeitweise sogar mehr als 20 Cent je Liter zusätzlich fällig. Einzelne Tankstellen verkaufen HVO100 inzwischen zum gleichen Preis wie Diesel oder etwas günstiger.

Ob der aktuelle Großhandelsvorteil bei den Kunden landet, entscheiden die Tankstellenbetreiber selbst. Sie legen ihre Preisstrategie und Gewinnmargen eigenständig fest. Ein vollständiger Durchgang der Ersparnis ist daher nicht garantiert. Hält der Abstand im Großhandel an oder wächst er weiter, könnte HVO100 künftig vielerorts zum gleichen Preis wie Diesel oder darunter angeboten werden.

Mehr als 750 Tankstellen in Deutschland führen HVO100 mittlerweile im Angebot. Wer einfach zur Zapfpistole greift, sollte trotzdem kurz nachsehen: Nicht alle Dieselfahrzeuge sind für den Kraftstoff freigegeben. Maßgeblich sind die Herstellerangaben. Bei vielen neueren Fahrzeugen weist ein „XTL“-Symbol im Tankdeckel auf die Verträglichkeit hin.

Importe, knappe Rohstoffe und ein empfindlicher Transportweg

Ob aus dem Preisvorteil eine dauerhafte Wende wird, ist offen. Rohstoffe und Produktionskapazitäten für HVO sind begrenzt. Steigt die Nachfrage, können die Preise wieder anziehen. Deutschland besitzt derzeit keine eigene HVO100-Produktion und ist deshalb auf Importe angewiesen.

Damit hängen die Lieferungen von internationalen Lieferketten und Transportwegen ab. Wie empfindlich das sein kann, zeigte sich im Sommer: Die eingeschränkte Schiffbarkeit des Rheins führte laut Argus an mehreren Tanklagern zu Lieferengpässen bei HVO. Ein paar Euro Unterschied auf dem Papier helfen dann wenig, wenn der Nachschub nur stockend ankommt und die Tanks leerer werden.

Für Bauunternehmen, Speditionen und andere Betriebe mit hohem Dieselverbrauch bleibt die Entwicklung dennoch interessant. HVO100 könnte bei passenden Fahrzeugen und stabilen Lieferungen eine preislich konkurrenzfähige Alternative werden. Heute, am 28.09.2026, ist der Großhandelsvorteil allerdings eher ein Signal als eine sichere Entlastung an jeder Tankstelle. Wer umsteigen will, braucht neben dem Blick auf den Preis auch die Freigabe des Fahrzeugherstellers – und ein wenig Geduld.