KI-Rechenzentren verschärfen den weltweiten Speicherchip-Engpass
Samsung Electronics hat im dritten Quartal dank stark gestiegener Speicherchip-Preise ein vorläufiges Rekordergebnis erzielt. Der operative Gewinn lag bei rund 107 Billionen südkoreanischen Won, umgerechnet etwa 71 Milliarden Euro. Im Jahresvergleich entspricht das nahezu einer Verneunfachung.
Auch beim Umsatz legte der Konzern kräftig zu: Vorläufig wurden rund 195 Billionen Won erreicht, mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Beide Werte blieben allerdings hinter den Erwartungen der Anleger zurück. Die Samsung-Aktie verlor in Seoul knapp 2 Prozent. Im Gesamtjahr 2026 hat sich der Kurs dennoch mehr als verdoppelt.
Rechenzentren treiben den Speicherbedarf
Samsung ist der weltweit größte Speicherchiphersteller und zugleich ein Konkurrent Apples im Smartphone-Geschäft. Der südkoreanische Rivale SK Hynix verzeichnete an der Börse 2026 sogar noch stärkere Kursgewinne. Zusammen bringen Samsung und SK Hynix mehr als die Hälfte der Marktkapitalisierung des südkoreanischen Leitindex Kospi auf die Waage.
Hinter dem Boom stehen vor allem Rechenzentren für Künstliche Intelligenz. Sie verschlingen große Mengen an IT-Hardware und Speicherchips. Besonders gefragt sind schnelle HBM-Chips, also High Bandwidth Memory. Die Preise für Speicherchips sind insgesamt stark gestiegen. Samsung will die detaillierten Quartalszahlen am 29. Oktober veröffentlichen.
Die Nachfrage trifft auf einen weltweit massiv unterversorgten Markt. KI-Rechenzentren kaufen Speicher in Mengen, die bei Autos, Spielekonsolen, PCs, Smartphones und anderen Rechenzentren fehlen. Alphabet, OpenAI, Amazon, Microsoft und Meta ordern große Stückzahlen von Nvidia-KI-Beschleunigern samt umfangreicher Speicherbestückung. Damit konkurriert die Unterhaltungselektronik direkt mit den Rechenzentren um Lieferungen von Samsung, Micron und SK Hynix.
Wie schnell sich das auf Preise auswirken kann, zeigt ein bestimmter DRAM-Typ: Von Dezember 2025 bis Januar 2026 verteuerte er sich um 75 Prozent. Händler und Zwischenhändler passten ihre Preise teilweise täglich an. Analyst Mark Li von Bernstein erwartet sogar einen „parabolischen“ Preisanstieg bei Speicherchips. Die Preise klettern dabei schon, bevor die angekündigten Rechenzentrumsprojekte der großen Technologiekonzerne vollständig umgesetzt sind.
HBM statt Standard-DRAM
Samsung, SK Hynix und Micron haben seit dem Start von ChatGPT einen großen Teil ihrer Produktion, Forschung und Investitionen auf HBM verlagert. Der Speicher kommt in KI-Beschleunigern von Nvidia und AMD zum Einsatz. Für Smartphones, PCs und andere Geräte bleiben dadurch weniger Kapazitäten bei Standard-DRAM übrig.
Der Speicherhunger ist enorm. Nvidias Blackwell-Beschleuniger enthält 192 Gigabyte RAM – etwa sechsmal so viel wie ein leistungsstarker PC. Ein NVL72-System mit 72 Blackwell-Chips kommt auf 13,4 Terabyte RAM. Das entspricht ungefähr dem Speicher von 1.000 hochwertigen Smartphones oder mehreren hundert leistungsstarken PCs.
TrendForce erwartet für 2026 einen Anstieg der HBM-Nachfrage um 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr. HBM dürfte dann rund 23 Prozent der weltweiten DRAM-Wafer-Produktion ausmachen, nach 19 Prozent im Jahr 2025. GF Securities schätzt das Defizit bei DRAM auf 4 Prozent und bei NAND auf 3 Prozent. Niedrige Lagerbestände in einzelnen Branchen könnten die tatsächliche Lücke noch vergrößern.
Neue Speicherchipfabriken lassen sich nicht eben über Nacht aus dem Boden stampfen. Bau und Ausstattung dauern Jahre, deshalb können Samsung, SK Hynix und Micron die Produktion kurzfristig nicht ausreichend erhöhen. Micron-Manager Manish Bhatia bezeichnete das Ungleichgewicht als das größte seiner 25-jährigen Branchenerfahrung. Die anhaltende KI-Nachfrage könnte den bisherigen Boom-und-Bust-Zyklus der Speicherindustrie überlagern.
Die Geschäftszahlen passen dazu: Microns Umsatz im Geschäftsjahr bis August 2026 dürfte sich mehr als verdoppeln. Der Umsatz von SK Hynix hatte sich 2024 mehr als verdoppelt und könnte 2026 erneut auf das Doppelte steigen. Lenovo-Chef Yang Yuanqing erwartet, dass die strukturelle Unterversorgung mindestens bis Ende 2026 anhält.
Von Smartphones bis PlayStation
Der Engpass bleibt längst nicht auf Serverfarmen beschränkt. Laut Counterpoint dürfte der DRAM-Mangel die Elektronik-, Telekommunikations- und Automobilindustrie das gesamte Jahr über belasten. Im Automobilsektor gibt es Anzeichen für Panikkäufe, während Smartphone-Hersteller teilweise auf kostengünstigere Speicherchips wechseln.
Bei günstigen Smartphones könnte DRAM künftig bis zu 30 Prozent der Materialkosten ausmachen. Anfang 2025 waren es noch 10 Prozent. Xiaomi, Samsung und Dell warnten vor steigenden Elektronikpreisen im Jahr 2026. Xiaomi, Oppo und Transsion senken ihre Versandziele für 2026; Oppo reduzierte seine Prognose laut chinesischen Medien um bis zu 20 Prozent. Cisco verwies beim schwachen Gewinnausblick auf die Speicherchip-Knappheit, Qualcomm und Arm warnten vor weiteren negativen Auswirkungen.
Samsung soll Lieferverträge für Speicherchips inzwischen etwa vierteljährlich statt jährlich überprüfen. In Seoul, im Sunin Plaza, einem Zentrum für Selbstbau-PCs, ist die Nachfrage deutlich zurückgegangen. Händler berichten, dass Kunden Käufe verschieben, weil sie weitere Preissteigerungen erwarten. Zwischen den Rechnerteilen liegt also nicht nur Staub, sondern auch eine gehörige Portion Nervosität.
Auch die Spielebranche bekommt den Druck zu spüren. Sony erwägt laut informierten Kreisen, die nächste PlayStation von 2028 auf 2029 zu verschieben. Nintendo prüft eine Preiserhöhung für die Switch 2 im Jahr 2026. Bereits 2025 hatte die Nachfrage nach der Switch 2 und Speicherkarten zur Marktverknappung beigetragen.
Micron stellte 2025 nach rund 30 Jahren seine Crucial-Marke für Consumer-Speichersticks ein. Laut Falcon-Northwest-Chef Kelt Reeves löste das Hamsterkäufe aus. Der durchschnittliche Verkaufspreis eines maßgeschneiderten Falcon-Northwest-PCs stieg 2025 um 1.500 auf rund 8.000 US-Dollar.
Milliarden für KI – und neue Zweifel
Die Investitionspläne der großen Technologiekonzerne haben Halbleiter- und Infrastrukturwerte drei Jahre lang überwiegend auf neue Höchststände getrieben. Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft planen Ausgaben im Billionenbereich. Meta, Microsoft, Amazon und Alphabet steigerten ihre Rechenzentrumsausgaben gemeinsam von 217 Milliarden US-Dollar 2024 auf etwa 360 Milliarden US-Dollar 2025. Für 2026 werden 650 Milliarden US-Dollar geschätzt.
Alphabet plant für 2026 Investitionen von bis zu 185 Milliarden US-Dollar, Amazon könnte bis zu 200 Milliarden US-Dollar ausgeben. Doch inzwischen verteuern steigende Anleiherenditen die Finanzierung. Die hohen KI-Ausgaben lassen sich zunehmend nicht mehr vollständig aus laufenden Cashflows finanzieren.
Dazu kommen günstigere chinesische KI-Modelle. Sie weisen darauf hin, dass leistungsfähige KI möglicherweise mit deutlich weniger Rechenleistung auskommt. Neu geschaffene Kapazitäten könnten dann künftig nicht die erwarteten Renditen erzielen. Eine Mischung aus höheren Finanzierungskosten, möglichen Überkapazitäten und enttäuschenden Cashflows würde vor allem hoch bewertete KI-Unternehmen treffen. Frühere Gewinner des KI-Booms könnten bei einer Korrektur zu besonders starken Verlierern werden.
Die aktuelle Lage unterscheidet sich von der Covid-Krise, als vor allem einfache Auto- und Stromchips knapp waren. Heute entsteht der Druck durch die Verlagerung der Speicherindustrie auf KI-Anwendungen. Unternehmen mit guter Planung und ausreichenden finanziellen Mitteln können sich eher Speicher sichern. Kleinere Hersteller und preisempfindliche Produktsegmente stehen schneller mit leeren Händen da.
Seit Jahresbeginn 2026 warnten Tesla, Apple und weitere Großunternehmen, dass der DRAM-Mangel ihre Produktion oder Margen beeinträchtigen könnte. Apple-Chef Tim Cook warnte vor sinkenden iPhone-Margen. Micron bezeichnete den Engpass als „beispiellos“. Tesla-Chef Elon Musk sagte, Tesla müsse möglicherweise eine eigene Speicherchipfabrik bauen.
Der Automobilsektor, die Telekommunikation und die Unterhaltungselektronik hängen damit an derselben Lieferkette wie die großen KI-Rechenzentren. Und während bei den Händlern in Seoul Kunden ihre PC-Käufe vertagen, laufen andernorts bereits die nächsten Milliardenbestellungen ein.
