Russischer Diesel-Deal: Warum deutsche Autofahrer an der Zapfsäule kaum Entlastung spüren dürften
Am 10. Oktober 2026 sorgt ein Diesel-Deal zwischen US-Präsident Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin für Schlagzeilen. Nach einem Gespräch der beiden kündigte Trump Lieferungen von Hunderttausenden Tonnen russischen Diesels an die USA an. Der Kreml bestätigte die Vereinbarung. Der Krieg in der Ukraine dauert derweil an.
Für Autofahrer in Deutschland dürfte sich an der Zapfsäule aber kaum etwas ändern. Der Wirtschaftsverband Fuels und Energie erwartet keine größeren Auswirkungen auf die Dieselpreise. Seit dem 5. Februar 2023 gilt in der EU ein Importverbot für russischen Diesel – und daran soll sich nach Einschätzung des Verbands nichts ändern. Auch die vereinbarten Mengen seien zu klein, um den Weltmarkt oder die Preise spürbar zu bewegen.
Mehrere Lieferstufen, keine klaren Zeiträume
Zunächst sollen „umgehend“ mehr als 300.000 Tonnen Diesel für die USA und den Weltmarkt bereitgestellt werden. Im Laufe des Novembers sollen 500.000 Tonnen folgen, unmittelbar danach ist von 1 Million Tonnen die Rede. Innerhalb kurzer Zeit könnten es bis zu 3 Millionen Tonnen werden – abhängig vom Zustand der russischen Raffinerien. Konkrete Zeiträume für die späteren Lieferungen nannte Trump nicht.
Russland sei bereit, Erdöl und Erdölprodukte auf den US-amerikanischen und internationalen Märkten anzubieten, erklärte der Kreml. Das solle der Weltwirtschaft zugutekommen. Wegen der bestehenden Sanktionen erteilte das US-Finanzministerium eine befristete Genehmigung für Verkauf, Lieferung, Entladung und Import russischen Diesels bis zum 7. April 2027. Die USA wollen dafür vorübergehend Sanktionen gegen russischen Diesel lockern.
Das wirkt politisch wie eine Kehrtwende. Erst im Vormonat hatte Trump ein Gesetz mit weitreichenden Befugnissen für neue Sanktionen gegen Russland unterzeichnet. Es zielte unter anderem darauf ab, russische Öl- und Gasexporte einzuschränken, mit denen Russland den Krieg finanziert.
Am deutschen Tankmarkt bleibt es zunächst ruhig
Das Spritpreisportal Tankerkönig registrierte bis Samstagmittag keine größeren Preisbewegungen. Diesel und Superbenzin lagen vor und nach dem üblichen Preissprung zur Mittagszeit nahe den jeweiligen Freitagswerten. Wer an der Tankstelle stand, hörte also eher das vertraute Klacken der Zapfpistole als das große Marktgetöse.
Auch Fachleute bezweifeln, dass die Lieferungen die Dieselpreise langfristig drücken können. Die zunächst zugesagten 300.000 Tonnen entsprechen etwa 2,25 Millionen Barrel Diesel. Die USA exportieren täglich rund 1,5 Millionen Barrel Diesel. Ihr täglicher Verbrauch von Diesel und anderen Destillat-Kraftstoffen liegt laut EIA bei etwa 3,77 Millionen Barrel beziehungsweise rund 500.000 Tonnen. Rechnerisch würde die erste Liefermenge den US-Verbrauch für gut 14 Stunden decken.
Ölanalyst Rory Johnston bezeichnete die Menge deshalb als unbedeutend im Verhältnis zum Markt. Jim Mitchell von Wood Mackenzie sagte, die Lieferungen seien keine Lösung, sondern lediglich eine zusätzliche Quelle für einen angespannten Markt. US-Diesel-Terminkontrakte fielen nach Bekanntwerden der Vereinbarung trotzdem um knapp mehr als 5 Prozent auf 1,23 US-Dollar pro Liter.
Trump steht in den USA wegen gestiegener Spritpreise unter Druck. In weniger als einem Monat finden wichtige Zwischenwahlen statt. Dieselpreise gelten als wichtiger Inflationstreiber und sind seit Beginn des von den USA und Israel begonnenen Krieges gegen Iran am 28. Februar um 70 Prozent gestiegen. Die Konflikte im Iran und in der Ukraine haben weltweit zu Engpässen bei der Kraftstoffversorgung geführt.
Kiew spricht von Finanzierung des Krieges
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kritisierte die Vereinbarung scharf. Der Verkauf russischer Erdölprodukte sei eine Finanzierung des russischen Kriegs gegen die Ukraine. Russland werde die zusätzlichen Einnahmen für weiteren „Terror“ verwenden. Gegenüber dem US-Nachrichtenportal Axios bezeichnete Selenskyj das Abkommen als „nicht fair und nicht ehrlich“.
Besonders stieß ihm auf, dass Trumps Gesandte Steve Witkoff und Jared Kushner parallel in Miami mit ukrainischen Unterhändlern über ein mögliches Kriegsende verhandelten, ohne das Dieselabkommen zu erwähnen. Selenskyj bot erneut an, ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen, wenn Russland im Gegenzug Angriffe auf ukrainische Energieanlagen beendet. Eine Lockerung der Russland-Sanktionen wertete er als Zeichen amerikanischer Schwäche.
ARD-Korrespondentin Susanne Petersohn berichtete aus Kiew, die Vereinbarung sei für die Ukraine angesichts der russischen Angriffe und der Vorbereitungen auf einen weiteren Kriegswinter schwer nachvollziehbar. Reagieren könne die Ukraine trotz ihrer Kritik nur begrenzt, weil die USA weiterhin ihr wichtigster Unterstützer im Krieg gegen Russland seien.
Russland selbst hält Exporte knapp
Ausgerechnet Russland verlängert seine Beschränkungen für Exporte von Benzin, Diesel, Marinekraftstoff und Gasöl bis zum 31. Januar 2027. Eine teilweise Lockerung für Diesel, Marinekraftstoff und Gasöl ist ab 1. September 2026 vorgesehen; Benzinexporte bleiben stärker kontrolliert. Zusätzliche temporäre Beschränkungen bis 1. November sollen die Versorgung der Landwirtschaft sowie staatlicher und öffentlicher Einrichtungen sichern.
Auslöser waren Raffinerieausfälle und Drohnenschäden. Sie verknappten das russische Inlandsangebot und trieben die Preise nach oben. Russische Kraftstoffexporte dürften dadurch mindestens 18 Monate unter dem Niveau vor den Störungen bleiben. Für Europa und andere importabhängige Regionen kann das eine anhaltende Versorgungslücke bei Mitteldestillaten bedeuten.
Zusätzliche Dieselvolumina aus den USA, dem Nahen Osten und Asien müsste Europa dann mit höheren Preisen anziehen. Diesel- und Gasölmargen gegenüber Rohöl liegen in Europa bereits über historischen Durchschnittsniveaus. Die festen Produktmargen könnten Raffinerien dazu bewegen, ihre Auslastung relativ hoch zu halten und damit die Rohölnachfrage zu stützen. Eine schwächere gesamtwirtschaftliche Nachfrage könnte teilweise durch den Ersatz russischer Liefermengen ausgeglichen werden – besonders im Winter und vor europäischen Sanktionsfristen 2027.
Rohöl schwächer, Diesel bleibt unter Spannung
Brent gab nach einem jüngsten Zwei-Monats-Hoch nach und liegt wieder unter etwa 80–82 Euro je Barrel. Als Gründe gelten entspanntere geopolitische Risiken im Nahen Osten und veränderte Erwartungen an die US-Geldpolitik. Trotz schwächerer Rohöl-Flatpreise bleiben die Produkt-Cracks fest. Die Produktknappheit wirkt damit stärker als die allgemeine Rohölpreisentwicklung.
Kurzfristig wird eine seitwärts bis moderat steigende Entwicklung der Rohölpreise erwartet. Normales Sommerwetter hält die unmittelbaren Nachfragerisiken zunächst im Gleichgewicht. Ein heißerer August in Europa oder Nordamerika könnte allerdings Dieselverbrauch und Stromerzeugung erhöhen und die Knappheit verschärfen. Wetter, Hurrikans oder neue geopolitische Ereignisse könnten bei dem begrenzten Angebot starke Preissprünge bei Destillaten und anschließend bei Rohöl auslösen.
Der Markt rechnet mit einer länger als üblichen Phase eingeschränkter Produktversorgung bis 2027. Als Handelsansatz werden vorsichtige mittel- bis längerfristige Long-Positionen in Brent und WTI genannt, besonders für Q4 2026 bis Q1 2027. Mitteldestillat-Cracks in Europa werden gegenüber Rohöl bevorzugt; bei Diesel bleibt die Unterstützung durch die russischen Exportbeschränkungen bestehen. Empfohlen wird außerdem eine konstruktive Haltung gegenüber Backwardation in Produktkurven, insbesondere bei Diesel.
Der indikative Drei-Tage-Ausblick nennt für Brent etwa 80–82 Euro je Barrel und eine leicht festere Tendenz. WTI wird bei etwa 71–73 Euro je Barrel seitwärts bis leicht höher gesehen. Der Diesel-Brent-Crack in Europa liegt demnach bei hohen Zehnern bis niedrigen 20ern Euro je Barrel, mit Aufwärtsbias wegen der russischen Exportbeschränkungen und der starken Importnachfrage.
