Gesundes Essen darf kein Luxus sein. Trotzdem wird genau das für viele Menschen in Deutschland immer schwieriger: Lebensmittel, Energie und Produktion sind teurer geworden, das Geld reicht am Monatsende nicht mehr für frisches Gemüse, gute Eiweißquellen oder ein gemeinsames Essen mit anderen. Rund drei Millionen Menschen gelten als von Ernährungsarmut betroffen. In Deutschland sind außerdem 13,3 Millionen Menschen armutsgefährdet.

Der Welternährungstag am 16. Oktober lenkt den Blick auf das Recht jedes Menschen, vor Hunger und Mangelernährung geschützt zu werden. Festgehalten ist dieses Recht in Artikel 11 des UN-Sozialpakts. Es klingt selbstverständlich. Im Einkaufswagen, an der Kasse und manchmal auch am leeren Kühlschrank zeigt sich allerdings, wie weit Anspruch und Alltag auseinanderliegen können.

Wenn satt nicht automatisch gesund bedeutet

Marlen Mikuschka, staatlich geprüfte Diätassistentin bei der Verbraucherzentrale Berlin-Brandenburg, koordiniert das bundesweite Projekt „Gesund und nachhaltig essen mit kleinem Budget“. Entstanden ist es unter anderem wegen der gestiegenen Lebensmittelpreise und der zunehmenden Ernährungsarmut. Koch-Workshops, Kochabende und Einzelberatungen sollen Menschen mit geringem Einkommen dabei helfen, sich gesund und bedarfsgerecht zu ernähren.

Ernährungsarmut bedeutet nicht nur, zu wenig zu essen. Sie kann sich auch darin zeigen, dass Nährstoffmangel und eine zu hohe Kalorienzufuhr gleichzeitig auftreten, dass Geld für hochwertiges Essen fehlt, der Zugang eingeschränkt ist oder Wissen über gesunde Ernährung fehlt. Besonders gefährdet sind Rentnerinnen und Rentner, Alleinerziehende, Kinder, Arbeitslose und kinderreiche Familien.

Welche Hürde am größten ist, hängt von der Lebenssituation ab. Wer auf dem Land wohnt, hat womöglich weitere Wege zu Geschäften. In der Stadt kann die Auswahl größer sein, aber das Geld trotzdem nicht reichen. Dazu kommen fehlendes Ernährungswissen, Zeitmangel oder Erkrankungen. Für ältere Menschen ist ein Sonderangebot wenig hilfreich, wenn der Discounter weit entfernt liegt oder der Rabatt nur per App abrufbar ist.

Ein Teil des Projekts beschäftigt sich deshalb mit Meal-Prepping, also dem geplanten Vorkochen von Mahlzeiten, und mit einem sinnvollen Wochenplan. Mikuschkas praktische Empfehlungen klingen unspektakulär, sind aber alltagstauglich: häufiger Hülsenfrüchte kaufen, weil sie lange sättigen, nährstoffreich, vielseitig und günstig sind. Auf dem Teller sollte überwiegend Gemüse liegen, dazu kommen zu gleichen Teilen Kohlenhydrate und Eiweiß. Reste dürfen kreativ weiterwandern, statt im Müll zu landen. Regionale und saisonale Produkte sind ebenfalls eine gute Wahl.

Der Mythos, Bio-Produkte seien grundsätzlich teurer, stimmt laut Mikuschka nicht. Bei Hülsenfrüchten seien Markenprodukte sogar fast immer teurer als Produkte in Bio-Qualität. Bohnen, Linsen und Kichererbsen sind dabei nicht bloß ein Spartipp, sondern flexibel einsetzbar und gesund. Aus übrigem Gemüse kann eine Suppe werden, aus zu viel Öl Mayonnaise – Beispiele, die auch die DGE in Baden-Württemberg über ihre Informationsangebote zeigt.

Was Politik und Forschung klären müssen

Bezahlbares gesundes Essen ist allerdings nicht allein eine Frage des Einkaufszettels. Mikuschka schlägt vor, hochverarbeitete Lebensmittel nicht günstiger als unverarbeitete Lebensmittel zu machen, die Mehrwertsteuer auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte zu senken und vergünstigtes Kantinenessen für Menschen mit geringem Einkommen anzubieten. Auch die Berechnungsgrundlage und die Regelsätze des Bürgergelds müssten angesichts hoher Lebensmittelpreise neu berechnet werden.

Darüber hinaus fordert sie eine stärkere Förderung des regionalen und ökologischen Anbaus, damit lange Transportwege seltener werden. Schon in Kitas und Schulen sollte mehr Wissen über Lebensmittel vermittelt werden, damit deren Wert wieder stärker geschätzt wird. Jedes Kind sollte unabhängig vom Einkommen der Eltern Zugang zu gesunder Ernährung und einem kostenlosen Mittagessen haben. Das Thema bleibt sensibel und schambehaftet; offener Austausch in Politik und Gesellschaft ist deshalb wichtig.

Wie groß das Problem genau ist, lässt sich wissenschaftlich bisher nur unvollständig sagen. Ernährungsarmut wird in Deutschland nicht systematisch erfasst. Es fehlen Daten dazu, wie viele Menschen von materieller oder sozialer Ernährungsarmut betroffen sind und wie sich die Verbreitung im Zeitverlauf entwickelt.

Diese Lücke soll das Forschungsprojekt „Soziale Aspekte der Ernährung: Ursachen, Determinanten und Auswirkungen von Ernährungsarmut in Deutschland sowie politische Handlungsoptionen“ schließen, kurz SEED. Es läuft von Juni 2025 bis Mai 2028 und wird von der Universität Hohenheim gemeinsam mit dem GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften durchgeführt. Untersucht werden die Zusammenhänge zwischen sozialer und materieller Ernährungsarmut, Ernährungskompetenz und Ernährungsgewohnheiten sowie dem Ernährungszustand. Auf dieser Grundlage sollen politische Handlungsempfehlungen entstehen.

SEED wird vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, dem BMLEH, gefördert. Das Projekt soll auch zeigen, ob ein regelmäßiges Monitoring von Ernährungsarmut notwendig ist. Laut Projektleiterin Dr. Anja Simmet hat der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz bereits in einem Gutachten von Juni 2022 klargestellt: Materielle Ernährungsarmut liegt vor, wenn Menschen nicht über ausreichende finanzielle Mittel für eine gesundheitsfördernde Ernährung verfügen. Damit kann soziale Ernährungsarmut einhergehen – etwa wenn Menschen von gemeinschaftlichen Aktivitäten wie gemeinsamem Essen ausgeschlossen werden.

Drei Teilstudien gehören zu SEED. ZAZU, „Zugang armutsgefährdeter Bevölkerungsgruppen zur Ernährungs- und Gesundheitsforschung“, untersucht geeignete Rekrutierungs- und Datenerhebungsmethoden. Zielgruppe sind armutsgefährdete Erwachsene, die für Studien zum Thema Ernährungsarmut gewonnen werden sollen.

BESSER, „Bestimmen und Erfassen sozialer Ernährungsarmut“, entwickelt und validiert ein Instrument zur Messung sozialer Ernährungsarmut. Zunächst werden mögliche Fragen formuliert. Danach prüfen Expertinnen und Experten aus den Bereichen Armut, Ernährung und Ernährungsarmut beziehungsweise Ernährungsunsicherheit, ob diese Fragen passen.

MASERI, „Materielle und soziale Ernährungsarmut in der Bevölkerung Deutschlands“, setzt auf eine standardisierte Befragung. Sie soll die Verbreitung von Ernährungsarmut ermitteln, Zusammenhänge mit Ernährungsqualität, Gesundheitsindikatoren und verfügbaren Ressourcen untersuchen und prüfen, ob auch nicht armutsgefährdete Menschen materielle oder soziale Ernährungsarmut erleben. Zusätzlich wird untersucht, ob die eingesetzten Strategien Menschen aus unteren Einkommensklassen unverzerrt abbilden und welche Erhebungselemente tatsächlich nötig sind.

SEED ist das zweite Forschungsvorhaben zur Ernährungsarmut, das die Deutsche Gesellschaft für Ernährung mit initiiert hat. Bereits im Positionspapier „Perspektiven für die Ernährungsforschung 2022“ bezeichnete die DGE Ernährungsarmut als drängende Forschungsfrage und zukunftsrelevantes Ernährungsthema. Die Ergebnisse sollen erstmals im 16. DGE-Ernährungsbericht veröffentlicht werden und die Wissensbasis für die Umsetzung der Ernährungsstrategie der Bundesregierung verbessern.

Vom kostenlosen Mittagessen bis zur Resteküche

Die DGE erstellt im Auftrag des BMLEH alle vier Jahre einen Ernährungsbericht. Er beschreibt und bewertet die Ernährungssituation und ihre Entwicklung in Deutschland, stellt aktuelle Forschungsergebnisse vor und fasst den wissenschaftlichen Kenntnisstand zu ausgewählten Themen anhand systematischer Literaturrecherchen zusammen. Für die Bundesregierung liefern diese Berichte wissenschaftlich fundierte Informationen zu ernährungs- und gesundheitspolitischen Entscheidungen.

Beim 3. Parlamentarischen DGE-Dinner stand Ernährungsarmut ebenfalls im Mittelpunkt. Laut aktuellem Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbandes stieg die Armutsquote 2024 gegenüber 2023 um 1,1 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent. Rund 13 Millionen Menschen sind demnach von Einkommensarmut betroffen; ihr Einkommen reicht nicht aus, um angemessen am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Ernährungsarmut betrifft dabei nicht nur die Menge der Nahrung, sondern auch Gesundheit, soziale Teilhabe und Würde.

Bei einer gemeinsamen Online-Fachtagung der DGE-Sektionen und der DGE-Hauptgeschäftsstelle am 3. Juni 2025 diskutierten mehr als 100 Vertreterinnen aus Politik, Verwaltung und Gesellschaft unter der Moderation von Prof. Dr. Jörg Meier mögliche Problemfelder und Lösungsstrategien. Dr. Anja Simmet von der Universität Hohenheim forderte, armutsgefährdete Bevölkerungsgruppen stärker in der Ernährungsforschung zu berücksichtigen. Geeignete Erhebungsinstrumente und ein systematisches Monitoring seien nötig.

Für Familien mit Kindern wurden in der MEGA_kids-Studie hochwertige und attraktive Mittagsmahlzeiten in Kitas und Schulen als verhältnispräventive Maßnahme genannt. Ergänzend brauche es Verhaltensprävention, etwa um Informationsdefizite zu verringern. In Hessen setzt die Sektion Hessen DGE e. V. deshalb auf ein pädagogisches Frühstück in Kitas: Geschulte Erzieherinnen organisieren es für alle Kinder, unabhängig vom Einkommen der Eltern. In Schulen wird der Ansatz im Programm „Unser Cleveres Esszimmer“ fortgeführt. Fördermittel ermöglichen kostenlose Schulcoachings, Schülerinnen gestalten das Frühstück mit.

Auch beim Schulmittagessen gibt es eine Lücke zwischen Anspruch und Nutzung. Familien mit Sozialleistungsbezug haben über das Bildungs- und Teilhabepaket Anspruch auf ein kostenloses Schulmittagessen für ihre Kinder, doch dieses Angebot wird laut DGE zu wenig genutzt. Die Vernetzungsstelle Schulverpflegung der DGE in Niedersachsen identifizierte neun Verfahrensschritte, an denen Probleme auftreten können, und veröffentlichte dafür eine Arbeitshilfe mit Handlungsoptionen.

Ältere Menschen geraten leicht aus dem Blick. Das ELSinA-Projekt des Max Rubner-Instituts untersucht ihre Ernährungs- und Lebenssituation, wenn sie von Armut bedroht sind. Befragungen zeigen, dass viele Seniorinnen mit wenig Geld nur Sonderangebote kaufen können – und diese wegen weiter Wege zu Discountern oder einer notwendigen App häufig gar nicht erreichen. Aus den Ergebnissen soll ein Aktionsplan zur Ernährungsteilhabe älterer Menschen mit geringem Einkommen entstehen.

In Schleswig-Holstein untersucht die DGE die Lebensmittelverschwendung in Kitas, Schulen und Senioreneinrichtungen. Restemessungen zeigen einen hohen Anteil an Speiseresten in der Gemeinschaftsverpflegung. Das belastet Nachhaltigkeit und finanzielle Ressourcen. Eine durchgängige Kommunikation vom Einkauf bis zur Reinigung soll helfen, Reste zu vermeiden.

In Mecklenburg-Vorpommern veranstaltete die DGE ein landesweites Austauschtreffen zu Ursachen und Handlungsmöglichkeiten bei Ernährungsarmut. Vertreter*innen aus Verbänden, Schulen, Kitas und Kommunen berichteten über Erfahrungen, Herausforderungen und Verbesserungsvorschläge. Die Netzwerktreffen sollen fortgesetzt werden, damit Unterstützungsangebote weiterentwickelt werden können.

Das Thema wird auch in der Sendung „next BITE: Gutes Essen geht auch günstig“ behandelt. Sie ist seit dem 8. Oktober 2026 online und wird am 11. Oktober 2026 im ZDF ausgestrahlt. Das Interview führte Philipp Kopka. Der Welternährungstag am 16. Oktober folgt wenige Tage später – mit einer Frage, die in vielen Küchen nicht theoretisch klingt, sondern beim Blick auf den Kontostand im Bauch sitzt.