Am ersten Tag des Tankrabatts lagen zwischen Schleswig-Holstein und Schleswig-Holstein Welten – zumindest an der Zapfsäule. E10 kostete in Altenholz 1,83 Euro je Liter, während in Plön bis zu 2,30 Euro verlangt wurden. Teilweise betrug der Abstand zwischen Tankstellen fast 50 Cent. Wer den falschen Abzweig nahm, zahlte also ordentlich drauf.

Für zusätzliche Verwirrung sorgten einige Orlen-Tankstellen, die ihren Kraftstoff zeitweise deutlich unter dem Marktpreis anboten. Nach Angaben des Unternehmens war ein technischer Fehler in der automatisierten Preissteuerung die Ursache. Gegen 12 Uhr wurden die Preise angepasst. Till Requate, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Kiel, beobachtete ebenfalls deutliche Unterschiede: Eine Tankstelle nahe Kiel verlangte 1,99 Euro, an einer nahe gelegenen Station kostete der Liter 2,05 Euro.

Warum die Zapfsäulen so unterschiedlich abrechnen

Requate erklärt die Schwankungen unter anderem mit der unterschiedlichen Nachfrageelastizität. Wer an einem Verkehrsknotenpunkt oder auf der Autobahn unterwegs ist, steht oft unter Zeitdruck. Viele fahren dann nicht noch mehrere Kilometer, um einen günstigeren Preis zu suchen, und reagieren weniger stark auf höhere Kosten. Tankstellen können dort eher höhere Preise durchsetzen.

Mineralölkonzerne werten dafür große Mengen an Daten aus. Preise werden standort- und zeitabhängig festgelegt, zugleich beobachten die Unternehmen die Konkurrenz. Wie genau die jeweiligen Preisalgorithmen funktionieren, ist öffentlich nicht bekannt. Johannes Paha, Professor an der Universität Bremen, geht zudem davon aus, dass E10 an verschiedenen Tankstellen wahrscheinlich aus derselben Raffinerie stammt. Unterschiede an der Zapfsäule hängen dann auch damit zusammen, dass Kunden aus Zeitgründen oder wegen bevorzugter Marken nicht alle Stationen gleich häufig anfahren.

Die Preissetzungsalgorithmen mussten sich zunächst an die veränderte Marktsituation anpassen. Deshalb könnten die großen Abstände ein vorübergehendes Phänomen gewesen sein und in den folgenden Tagen abgenommen haben. Requate erwartete allerdings gerade in den ersten Tagen weiterhin starke Ausschläge, weil manche Tankstellen die Änderung verzögert umsetzen würden. Nach zwei oder drei Tagen dürfte sich die Preisbildung stärker stabilisieren.

Steuersenkung kam an – aber nicht vollständig

Der Bund senkte die Energiesteuer von Oktober bis Dezember um 17 Cent brutto beziehungsweise 14 Cent netto je Liter. Eine rechtliche Verpflichtung, die Entlastung vollständig an die Kundinnen und Kunden weiterzugeben, bestand nicht. Das Bundeskartellamt erklärte damals, die erste Energiesteuersenkung sei nach seinen Auswertungen weitgehend bei den Verbrauchern angekommen. Die Markttransparenzstelle sollte auch die neue Steuersenkung beobachten. Zugleich appellierte das Kartellamt an die Mineralölwirtschaft, die Entlastung möglichst vollständig und schnell weiterzugeben.

Der inzwischen veröffentlichte Quartalsbericht 02/2026 der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe liefert dazu konkrete Zahlen. Vom 1. Mai bis 30. Juni 2026 wurden die Energiesteuersätze für Benzin und Diesel um 14,04 Cent netto beziehungsweise 16,7 Cent brutto je Liter gesenkt. Im Juni kostete der Liter im Durchschnitt 1,93 Euro für E5, 1,87 Euro für E10 und 1,82 Euro für Diesel.

Weitergegeben wurde die Entlastung überwiegend, aber eben nicht komplett. Beim Diesel kamen durchschnittlich 13,8 Cent je Liter an, das entsprach 82,6 Prozent; 2,9 Cent blieben als Differenz. Bei E5 waren es durchschnittlich 13 Cent oder 77,8 Prozent, mit einer Differenz von 3,7 Cent. Eine kostenbasierte Analyse deutet darauf hin, dass die unvollständige Weitergabe vor allem auf der Tankstellenebene entstand und weniger im Großhandel.

Die durchschnittliche Bruttomarge der Tankstellen lag während des Tankrabatts gegenüber dem ersten Quartal 2026 schätzungsweise höher: beim Diesel um knapp 3,3 Cent je Liter, bei E5 um knapp 1,9 Cent. Nach dem Ende der Steuersenkung am 30. Juni stiegen die Preise vom 30. Juni auf den 1. Juli durchschnittlich um 9,6 Cent je Liter bei Benzin und um 10,4 Cent bei Diesel.

Berücksichtigt man das Preisvorziehen durch die 12-Uhr-Regel, ergibt sich vom 28. Juni bis zum 1. Juli ein Anstieg von 16,9 Cent bei Benzin und 19,1 Cent bei Diesel. Der über die Steueranhebung hinausgehende Preisanstieg lag dabei leicht unter dem zeitgleichen Anstieg der Kraftstoffbeschaffungskosten.

Die Uhr an der Zapfsäule

Die 12-Uhr-Regel hat den täglichen Preisverlauf deutlich verändert. Bundesweit steigen die Preise um 12 Uhr durchschnittlich schlagartig um etwa 7,3 Prozent. Bis 18 Uhr baut sich dieser Anstieg im Schnitt zu knapp 80 Prozent wieder ab. Kurz vor 12 Uhr sind die Preise durchschnittlich am niedrigsten. Im Tagesdurchschnitt werden sie knapp achtmal geändert; zuvor waren in Einzelfällen bis zu 50 Änderungen täglich festgestellt worden.

Ganz lückenlos läuft das Muster nicht. Im zweiten Quartal wichen etwa 2,1 Prozent aller gemeldeten Preisänderungen von der 12-Uhr-Regel ab, weil sie zu einer anderen Zeit erfolgten. Rund 87,5 Prozent dieser Abweichungen lagen zwischen 11:50 und 12:10 Uhr, nur 3,5 Prozent außerhalb des Zeitraums von 11 bis 13 Uhr. Als mögliche Ursache für zeitnahe Abweichungen nannte das Bundeskartellamt insbesondere technische Probleme bei Kassensystemen in der Anfangszeit. Erste Landesbehörden nahmen wegen des Verdachts auf Verstöße gegen die 12-Uhr-Regel Ermittlungen auf; für die Ahndung sind die Länder zuständig.

Requate rechnet damit, dass die 17 Cent Steuersenkung nicht vollständig bei den Kunden landen. Ein niedrigerer Verbraucherpreis erhöht die Nachfrage. Wenn der Produzentenpreis nicht entsprechend steigt, kann ein Nachfrageüberhang entstehen – dann müssten sich auch die Preise auf Produzentenseite anpassen.

Entlastung mit Rechnung für später

Finanziert wird die Steuersenkung aus dem Staatshaushalt. Geringere Einnahmen vergrößern das Haushaltsdefizit, die Staatsverschuldung steigt. Als mögliche spätere Folgen nennt Requate Steuererhöhungen oder Kürzungen staatlicher Leistungen, etwa bei Zuschüssen zur Rente oder Pflege. Möglich sei auch eine höhere Inflation und damit weniger Kaufkraft. Der Effekt könnte sich verstärken, wenn sich mehrere EU-Staaten überschulden und die Europäische Zentralbank bei der Inflationsbekämpfung durch höhere Zinsen politisch unter Druck gerät.

Der Kieler Professor lehnt den Tankrabatt deshalb ab. Preise sollen Knappheiten signalisieren; höhere Energiepreise könnten Haushalte und Unternehmen zu Anpassungen bewegen. Niedrigere Benzinpreise schwächen aus seiner Sicht außerdem den Anreiz, auf ein Elektroauto umzusteigen. Und vom Rabatt profitieren Menschen, die viel fahren oder große Autos besitzen, stärker als Geringverdiener oder Fahrer kleiner Autos.

Eine laufende Beobachtung der Entwicklung veröffentlichte die Monopolkommission vom 20. Mai bis 12. Juni 2026. Ihre Auswertungen wurden täglich aktualisiert und beruhten jeweils auf den Werten des Vortags. Die Grafiken verglichen Deutschland mit Frankreich und Großbritannien und zeigten, in welchem Umfang die Steuersenkung an Verbraucherinnen und Verbraucher weitergegeben wurde.

Fortlaufend ergänzt, machten die Darstellungen den Verlauf über die Zeit sichtbar. Die Weitergabe der Steuersenkung war orange markiert; graue Linien kennzeichneten die Zeit vor dem Ausbruch des Krieges und die Einführung der 12-Uhr-Regel. So ließ sich die allgemeine Marktentwicklung einordnen. Erst im Zusammenspiel der Grafiken wurde sichtbar, welche Faktoren die Kraftstoffpreise in Deutschland beeinflussten – und warum der Blick auf eine einzelne Tankstelle manchmal nicht reicht.