Die Sorgen werden teurer. In Deutschland stehen 2026 finanzielle und wirtschaftliche Fragen an der Spitze der R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen“: 59 Prozent der Befragten haben große Angst, die alltäglichen Lebenshaltungskosten nicht mehr tragen zu können. Das sind sieben Prozentpunkte mehr als 2025. 51 Prozent fürchten eine schlechtere wirtschaftliche Entwicklung – ein Anstieg um zehn Prozentpunkte und damit der stärkste Zuwachs aller abgefragten Sorgen.

Auch in Bochum ist das keine ferne Statistik. Christiane Kroll fragt sich, wie sich höhere Kosten auf ihre Zukunft auswirken. Nach dem Studium sei langfristige Planung schwierig: Ist eine Familie finanziell tragbar? Und wird sie sich später überhaupt ein Haus leisten können? Fragen, die beim Blick auf Preise und Baukosten schnell schwer im Magen liegen.

Beim Einkauf und bei der Wohnfrage

Fabienne Bauhut spürt die Preissteigerungen vor allem beim Einkaufen. Sie greift häufiger zu günstigeren Lebensmitteln und kauft haltbare Produkte teilweise gleich in größeren Mengen, weil sie weitere Preissteigerungen erwartet. Eine ausgewogene Ernährung verursache zusätzliche Kosten. Gleichzeitig sorgt sie sich wegen internationaler Konflikte und davor, dass Deutschland stärker hineingezogen werden könnte.

Die R+V-Umfrage wird seit 1992 durchgeführt. Für die Ausgabe 2026 wurden 2.400 Menschen ab 14 Jahren zwischen Mitte Mai und Ende Juli in drei Phasen befragt. Die Teilnehmenden bewerteten ihre Sorgen auf einer siebenstufigen Skala; ab dem Wert fünf gilt eine Angst als „große Angst“.

Vier der fünf häufigsten Ängste haben einen finanziellen oder wirtschaftlichen Kern: 53 Prozent fürchten Steuererhöhungen und Leistungskürzungen, 52 Prozent eine Überforderung des Staates durch Geflüchtete, 51 Prozent eine schlechtere Wirtschaftslage und 50 Prozent teuren Wohnraum. Die Angst vor hohen Lebenshaltungskosten steht traditionell ganz oben und belegte bei 35 Erhebungen zum 16. Mal den ersten Platz.

Weitere 48 Prozent sorgen sich vor einer Überforderung der Politik, 47 Prozent vor Spannungen durch Zuzug aus dem Ausland. In den meisten Altersgruppen sind steigende Preise die größte Sorge. Eine parallele Einordnung von ZDFheute nennt 57 Prozent, die weiter steigende Preise befürchten, sowie 52 Prozent mit Angst vor zu hohen Mieten. Dort liegt die Sorge um teures Wohnen auf Platz drei. Gegenüber 2023 gingen beide Werte um jeweils acht Prozentpunkte zurück.

Junge Menschen blicken politisch nach vorn

Mirco Kaldewey nimmt die höheren Preise vor allem bei Freunden wahr. Sein eigenes Leben kann er derzeit durch ein Stipendium, einen Nebenjob und das Wohnen bei seinen Eltern relativ gut finanzieren. Andere müssten mehr arbeiten und hätten dadurch weniger Zeit für Studium oder Ausbildung. Seine größte Sorge ist die politische Entwicklung, insbesondere die Radikalisierung innerhalb der AfD und deren Aufstieg.

Politische und gesellschaftliche Themen beschäftigen junge Menschen laut Studie ebenfalls stark. Bei den 14- bis 19-Jährigen steht die Angst an erster Stelle, der Staat könne durch Geflüchtete überfordert werden. Über alle Altersgruppen teilen 52 Prozent diese Sorge, darunter 54 Prozent der Männer und 50 Prozent der Frauen.

Die Werte fallen je nach Region unterschiedlich aus: In Ostdeutschland fürchten 60 Prozent eine Überforderung von Gesellschaft und Behörden durch die Zahl der Geflüchteten, in Westdeutschland sind es 55 Prozent. ZDFheute nennt außerdem 51 Prozent, die zunehmende gesellschaftliche Spannungen durch weiteren Zuzug aus dem Ausland befürchten.

Die Angst vor politischem Extremismus liegt in der R+V-Auswertung bei 41 Prozent und damit auf Platz neun, ein Prozentpunkt mehr als 2025. Genauer betrachtet sorgen sich 45 Prozent vor Islamismus, 43 Prozent vor rechtem Extremismus und sieben Prozent vor Linksextremismus. In der ZDFheute-Einordnung liegt die Extremismus-Sorge bei 46 Prozent, acht Prozentpunkte über dem Vorjahr; 48 Prozent dieser Befragten fürchten islamistischen Terror, 38 Prozent Rechtsextremismus und sieben Prozent Linksextremismus. Die Angst vor Terrorismus insgesamt stieg dort um fünf Prozentpunkte auf 43 Prozent.

Die Sorge vor einem Krieg mit deutscher Beteiligung sank dagegen von 41 Prozent im Jahr 2025 auf 34 Prozent. Sie liegt damit noch deutlich über dem Wert von 2021, als sich 16 Prozent davor fürchteten.

Arbeitsplatzangst niedrig, Jobsuche bleibt zäh

Mesut Kölce beschäftigt die wirtschaftliche Lage. Viele seiner Freunde hätten Schwierigkeiten, eine Arbeitsstelle zu finden. Er selbst hat zwar eine Stelle gefunden, ist aber unsicher, wie sich seine Zukunft entwickelt.

Moira Sasse ist auf Jobsuche und findet das schwierig. Daraus entstehen Existenzängste, gerade mit Blick auf anstehende Lebensentscheidungen. Merkwürdig wirkt dabei der Gegensatz zur Statistik: Die Angst vor dem Verlust des eigenen Arbeitsplatzes ist laut R+V-Umfrage so niedrig wie noch nie. Nur noch etwa 20 Prozent haben davor Angst.

In der ZDFheute-Auswertung liegt der Wert bei 22 Prozent – ebenfalls der niedrigste im Langzeitvergleich und der letzte Platz der Rangliste. Weniger Sorgen bereiten außerdem steigende Arbeitslosigkeit mit 30 Prozent, Störfälle in Atomkraftwerken mit 29 Prozent und Straftaten mit 23 Prozent.

Klimakrise bleibt persönlich präsent

Moira Sasses größte persönliche Sorge ist die Klimakrise. Nach dem heißen Sommer und wegen weiterhin niedriger Wasserstände befürchtet sie eine Verschärfung der Entwicklung. Durch ihr Studium der angewandten Nachhaltigkeit kennt sie viele Fakten zum Klimawandel. Besonders beschäftigt sie, welche Folgen die Klimakrise für eine spätere Familienplanung haben könnte.

In der aktuellen Umfrage sank die Angst vor dem Klimawandel auf 30 Prozent. Die Sorge vor Naturkatastrophen liegt bei 27 Prozent. Sie ging um neun Prozentpunkte zurück – der stärkste Rückgang aller abgefragten Ängste. Als möglichen Grund nennen die Studienmacher Resignation und das Gefühl, die Klimakrise ohnehin nicht mehr beeinflussen zu können.

Das durchschnittliche Angstniveau lag laut R+V-Studie bei 38 Prozent und damit niedriger als in früheren Jahren. Mesut Kölce hält trotzdem dagegen: Junge Menschen könnten ihre Zukunft selbst mitgestalten, sagt er. Er setzt auf politische Beteiligung und Wahlen. Kein riesiger Plan, eher der nächste Schritt – und dann der nächste.

Die unterschiedlichen Angaben der veröffentlichten Einordnungen hängen mit den jeweiligen Befragungszeiträumen und Auswertungen zusammen: Die R+V-Darstellung nennt Mitte Mai bis Ende Juli, ZDFheute Juni bis August. Beide Beiträge beziehen sich auf rund 2.400 Menschen ab 14 Jahren. Die Bochumer Eindrücke stammen aus Interviews, ergänzt um die R+V-Studie.

Quelle des WDR-Beitrags: R+V-Studie und Interviews in Bochum. Weitere Einordnung: Zeit und ZDFheute.