Die Aussicht auf deutlich billigeren Diesel klingt für viele in der Bauwirtschaft zunächst verlockend. Doch das Abkommen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin dürfte die Preise in den USA oder Deutschland kaum spürbar drücken. Die US-Ökonomin Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) hält den Effekt für sehr begrenzt.

Russland hat zunächst mehr als 300.000 Tonnen Diesel zugesagt. Das klingt nach einer gewaltigen Menge, reicht für den Weltmarkt aber nicht annähernd aus, um den Preis deutlich zu bewegen. Nach Angaben der US-Energiebehörde EIA verbrauchen die Vereinigten Staaten derzeit durchschnittlich rund 3,77 Millionen Barrel Diesel und anderer Destillat-Kraftstoffe pro Tag – etwa 500.000 Tonnen.

Ein Vorrat für gerade einmal 14 Stunden

Rechnerisch würde die zugesagte Lieferung den US-Verbrauch damit nur ungefähr 14 Stunden lang decken. Mehr ist es nicht. Ob Russland bei weiteren Lieferungen überhaupt ausreichende Mengen bereitstellen könnte, bleibt zudem unklar.

Trump verkündete die Vereinbarung nach einem Gespräch mit Putin. Dafür sollen US-Sanktionen gegen russischen Diesel vorübergehend aufgehoben werden. Innenpolitisch steht der US-Präsident wegen der gestiegenen Spritpreise und der bevorstehenden Zwischenwahlen unter Druck – sie finden in weniger als einem Monat statt. Sultan bezeichnete den Diesel-Deal deshalb als eher symbolische Handlung.

Hinzu kommt die angespannte Lage in Russland selbst. Die Ukraine hat in den vergangenen Monaten ihre Angriffe auf russische Anlagen der Ölindustrie verstärkt. Die Auswirkungen sind laut dem Bericht in Russland deutlich spürbar. Viel Spielraum für zusätzliche Ausfuhren ist also keineswegs garantiert.

Leere Lager, teurer Treibstoff

Der Zeitpunkt fällt in eine weltweite Dieselversorgung, die ohnehin unter Druck steht. Sinkende Vorräte und blockierte Exportmengen machen den Markt nervös. Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine beeinträchtigen wichtige Export-, Förder- und Verarbeitungskapazitäten.

Die EIA erwartet anhaltend niedrige Diesel- beziehungsweise Destillatbestände bis Ende 2026 und über weite Teile des Jahres 2027. In den USA überschritten die Dieselpreise im September erstmals 6 US-Dollar je Gallone. Für Transportunternehmen wird jede zusätzliche Strecke damit noch unangenehmer: Sie ändern ihre Routen, um weitere Fahrten und Kilometer zu vermeiden.

Bis zum 11. September waren die US-Dieselbestände auf 107,9 Millionen Barrel gesunken. Das war der niedrigste Wert für diesen Zeitraum seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1982. Auch bei Tanklagern zeigt sich die Knappheit – auf eine eher stille, aber ziemlich deutliche Art.

Raffinerien und Händler lassen Verträge für Tanklager auslaufen, weil nicht genügend Treibstoff zum Einlagern verfügbar ist. Lagerbetreiber melden deshalb ungewöhnlich viele ungenutzte Kapazitäten. Halbjährliche oder jährliche Mietverträge werden von vielen Marktteilnehmern nicht verlängert, um Fixkosten zu vermeiden. Leere Tanks sind in diesem Fall kein Zeichen von Entspannung.

Europa bleibt nicht außen vor

Im europäischen Handelszentrum Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen lagen die Dieselbestände zuletzt 16 Prozent unter dem langjährigen Fünfjahresdurchschnitt. Auch in asiatischen Märkten befanden sich die Vorräte unter dem Vorjahresniveau. Das zieht Kreise bis zu jenen Betrieben, bei denen Diesel nicht bloß an der Tankstelle gebraucht wird.

Lastwagen, Landmaschinen und Fabriken sind auf den Kraftstoff angewiesen. Ein Engpass erhöht dadurch die Betriebskosten – auf Baustellen etwa beim Transport, beim Einsatz von Maschinen und bei jeder Stunde, in der ein Gerät laufen muss. Wenn der Dieselpreis steigt, riecht man das nicht nur an der Zapfsäule; er steckt bald in vielen Rechnungen.

Die Raffinerien haben immerhin einen kräftigen Anreiz, mehr zu produzieren: Hohe Veredelungsmargen machen zusätzliche Mengen attraktiv. Die Prämie für US-Diesel gegenüber Rohöl erreichte Mitte September mit 118,62 US-Dollar je Barrel einen Höchststand. Ob daraus rasch Entlastung entsteht, ist eine andere Frage, denn Rohstoff, Verarbeitung, Transport und Lagerung müssen erst einmal zusammenpassen.

Begrenzt wird das Angebot auch politisch. Russland verlängerte seine Diesel-Ausfuhrbeschränkungen bis Ende Oktober. Ein einzelnes Abkommen mit einer zunächst zugesagten Menge von mehr als 300.000 Tonnen wirkt vor diesem Hintergrund eher wie ein kurzer Tropfen auf einen ziemlich trockenen Markt.

Für Bauunternehmen in Deutschland heißt das: Mit einem spürbaren Preisrutsch allein wegen des Trump-Putin-Deals sollte niemand kalkulieren. Die Lage bleibt eng, die Lager sind vielerorts dünn bestückt, und beim Diesel kann sich ein scheinbar kleiner Engpass schnell durch die gesamte Lieferkette ziehen.