US-Druck auf Deutschland: Dieselreserven könnten Baustellen weiter verteuern
Für Bauunternehmen, Handwerksbetriebe und private Sanierer beginnt der Oktober mit einer unangenehmen Nachricht von der Tankstelle: Diesel könnte in Deutschland trotz Tankrabatt wieder teurer werden. Die USA erhöhen im Streit um knappe Vorräte den Druck auf Deutschland und Frankreich. Washington verlangt laut Reuters von beiden Ländern, Teile ihrer Diesel-Notfallreserven freizugeben. Andernfalls könnte die Ausfuhr von US-Diesel beschränkt werden.
Hinter dem Vorstoß stehen hohe Kraftstoffpreise in den Vereinigten Staaten. US-Präsident Donald Trump erwägt Reuters zufolge ein Diesel-Exportverbot, um das heimische Angebot und damit die Preise vor den Zwischenwahlen im November zu beeinflussen. Für Europa wäre das ein empfindlicher Schlag: Seit dem Verzicht auf russische Lieferungen ist der Kontinent stärker auf Kraftstoffe aus den USA angewiesen.
Washington verlangt 120 Millionen Barrel
Vertreter der EU-Kommission sowie Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Irlands und Großbritanniens berieten telefonisch über eine mögliche Freigabe von Reserven. Deutschland und Frankreich stehen dabei besonders im Fokus. US-Vertreter werfen beiden Ländern vor, frühere Zusagen zur Freigabe von Notfallbeständen an Öl und Ölprodukten nicht vollständig umgesetzt zu haben.
Nach Angaben einer europäischen Quelle verlangen die USA von der EU, innerhalb der kommenden sechs Monate insgesamt 120 Millionen Barrel Diesel aus Reserven auf den Markt zu bringen. Ziel der US-Regierung ist es, mit dieser zusätzlichen Menge die weltweiten Kraftstoffpreise zu senken. US-Energieminister Chris Wright hatte bereits zusätzliche Lieferungen aus Europa angekündigt.
Die Lage am Dieselmarkt ist angespannt. Lieferungen aus dem Nahen Osten sind infolge des US-israelischen Kriegs gegen den Iran teilweise ausgefallen, zugleich sind chinesische Diesel-Exporte laut Wright zurückgegangen. Der Iran-Konflikt beeinträchtigt damit wichtige Lieferwege – und Europa braucht gerade deshalb mehr Dieselimporte aus den USA.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will eine Videokonferenz der G7-Staats- und Regierungschefs einberufen. Auf der Tagesordnung sollen hohe Kraftstoffpreise, die Versorgung mit Raffinerieprodukten und eine mögliche koordinierte Freigabe von Reserven gemeinsam mit der Internationalen Energieagentur stehen. Die EU-Kommission führte laut einer EU-Quelle am Donnerstag mit mehreren Ländern, darunter dem Vereinigten Königreich, eine Telefonkonferenz zu möglichen Szenarien. Die EU äußerte sich auf Anfrage zunächst nicht zu den Vorwürfen der US-Regierung.
Deutschlands Vorräte sind beträchtlich – aber nicht grenzenlos
Deutschland verfügt über 5,6 Millionen Tonnen Diesel-Notreserven, Frankreich über 8,2 Millionen Tonnen. Zusammen machen die Bestände beider Länder mehr als ein Drittel der strategischen Dieselreserven in der EU aus. EU-Vorschriften verpflichten die Mitgliedstaaten, Ölreserven für mindestens 90 Tage Nettoimporte oder 61 Tage Inlandsverbrauch vorzuhalten.
Die Vereinbarung zur Öffnung nationaler Reserven wurde Anfang 2026 im Rahmen der Internationalen Energieagentur getroffen. Sie soll Lieferengpässe abfedern, die durch den Iran-Konflikt verursacht wurden. Im März beschloss die IEA, weltweit rund 400 Millionen Barrel aus Notreserven freizugeben. Die USA steuerten 172 Millionen Barrel bei, die EU-Staaten 20 Prozent des Gesamtvolumens.
Ein erheblicher Teil der europäischen Mengen war bis zur vergangenen Woche allerdings noch nicht auf dem Markt. IEA-Chef Fatih Birol forderte die EU-Länder deshalb am 29. September bei einem informellen Treffen der Energieminister in Dublin auf, die verbliebenen März-Mengen freizugeben.
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine versucht die EU, ihre Abhängigkeit von russischem Treibstoff zu verringern. Gleichzeitig wurden die europäischen Raffineriekapazitäten in den vergangenen 20 Jahren deutlich reduziert. Das rächt sich nun auf eine ziemlich direkte Art: Europa ist auf Dieselimporte aus den USA angewiesen, während der Iran-Konflikt Lieferwege aus dem Nahen Osten erschwert.
Brent deutlich über dem Vorkriegsniveau
Die EU erwägt eine erneute Freigabe strategischer Ölreserven, um das Angebot zu erhöhen und den Preisdruck zu mindern. Energiekommissar Dan Jørgensen erklärte, die EU berate mit allen Mitgliedern der IEA über den richtigen Zeitpunkt. Eine erneute Freigabe sei eine Option, die bereits genutzt wurde und wahrscheinlich erneut genutzt werde.
Die Entscheidung liegt jedoch bei den einzelnen Mitgliedstaaten. Die EU stimmt ihre Positionen ab, kann die Länder aber nicht zu einer Freigabe verpflichten. Eine Öffnung der Lager könnte schnell zusätzliche Mengen Diesel und anderer Mineralölprodukte bereitstellen und die Versorgung entspannen. Die Vorräte sind allerdings begrenzt und müssten nach der Entnahme wieder aufgefüllt werden. Viele Regierungen zögern deshalb, ihre Sicherheitsreserven während der anhaltenden geopolitischen Krise zu verringern.
Der Preisdruck ist längst an der Zapfsäule angekommen. In den USA stieg der Dieselpreis auf 7 US-Dollar je Gallone. Der Brent-Ölpreis liegt seit Ende September zwischen 97 und 102 US-Dollar je Barrel und damit 25 bis 30 US-Dollar über dem Niveau vor dem Krieg. Nach den jüngsten Eurostat-Zahlen für 2026 sind die EU-Notreserven zwar weiterhin umfangreich und stehen bei Marktstörungen zur Verfügung. Die Märkte für Diesel und Flugtreibstoff bleiben dennoch angespannt, die Preise hoch.
Die IEA teilte im August mit, dass die weltweit erfassten Lagerbestände seit Beginn des US-israelischen Kriegs gegen Iran am 28. Februar um rund 410 Millionen Barrel gesunken seien. Gleichzeitig ließen knappe Diesel- und Kerosinmengen die Raffineriemargen auf Rekordniveau steigen. Für Unternehmen, Pendler und Baustellen bedeutet das: Jeder zusätzliche Kilometer, jede Lieferung und jede Maschine mit Dieselmotor fällt stärker ins Gewicht.
Ob Deutschland und Frankreich ihre Reserven nun schneller öffnen, ist also nicht bloß eine diplomatische Frage. Eine Begrenzung der US-Exporte könnte die ohnehin angespannte Versorgungslage in Europa weiter verschärfen und die Preise in Deutschland trotz Tankrabatt erhöhen. Auf den Baustellen würde das zuerst beim Fuhrpark auffallen – und später vermutlich in der Kalkulation.
