Dummerstorf plant Europas Rechenzentrum der Superlative – mit 5,6 Milliarden Euro und Abwärme für Rostock
Im Gewerbegebiet Dummerstorf bei Rostock soll eines der größten Rechenzentren Europas entstehen. Die Schwarz-Gruppe, Mutterkonzern von Lidl und Kaufland, plant das Vorhaben über ihre IT-Sparte Schwarz Digits. Baubeginn ist für 2027 vorgesehen.
Bis 2033 will das Unternehmen 5,6 Milliarden Euro in den Standort investieren. Nach Angaben der Schwarz-Gruppe könnten sich die Investitionen bis 2045 sogar verdoppeln. Die Ankündigung machten Schwarz-Gruppen-Chef Gerd Chrzanowski und Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig Ende August in Schwerin.
240 Megawatt für KI-Anwendungen
Schwarz Digits plant zunächst eine Anschlussleistung von 240 Megawatt. Ein großer Teil des Stroms dürfte für den Betrieb von KI-Systemen benötigt werden. Später wird ein Ausbau auf bis zu 1 Gigawatt erwogen. Das ist eine Größenordnung, bei der selbst nüchterne Zahlen kurz schlucken lassen.
Das Gelände liegt am Autobahnkreuz A19/A20 und etwa 8 Kilometer vom Rostocker Stadtzentrum entfernt. Die Planung läuft bereits seit längerer Zeit und wurde laut Berichten vom Projektentwickler Freo Group vorangetrieben. Im Oktober 2025 passte die Gemeinde Dummerstorf ihre Pläne für das „Gewerbe- und Logistikzentrum Ostsee 3.0“ an.
In der Nähe liegen die Konverterstation Bentwisch mit Anschluss an Offshore-Windkraft und ein großes Umspannwerk. Mecklenburg-Vorpommern erzeugt deutlich mehr Strom aus Windkraft und Photovoltaik, als im Bundesland insgesamt verbraucht wird. Schwarz Digits hat angekündigt, ausschließlich erneuerbare Energiequellen wie Wind und Sonne zu nutzen.
Abwärme für Rostock, Fragen aus Dummerstorf
Die Abwärme des Rechenzentrums soll in das Rostocker Fernwärmenetz eingespeist werden. Eine entsprechende Absichtserklärung liegt vor. Fernwärme deckt in Rostock bereits rund 40 Prozent des Gesamtwärmebedarfs. Für die Kühlung, so die Zusicherung der Schwarz-Gruppe, werde kein Wasser von außerhalb benötigt.
Ganz weg sind die Fragezeichen damit nicht. Anwohner wollen wissen, welche Auswirkungen das Projekt auf Umwelt und Wasserhaushalt hat, wie laut die Anlagen werden und was langfristig mit dem Umfeld geschieht. Auch der finanzielle Nutzen für die Region beschäftigt viele.
Die Dummerstorferin Jessica Iredi möchte konkret erfahren, wie Umweltaspekte berücksichtigt werden. Sabine Lehnhart aus dem Landkreis Rostock fragt unter anderem nach der Lautstärke und verweist auf den Widerstand gegen Rechenzentren in den USA. Beide halten den Ausbau der digitalen Infrastruktur grundsätzlich für wichtig. Lehnhart erwartet außerdem, dass die Region langfristig finanziell profitiert, etwa durch Gewerbesteuereinnahmen.
Die Schwarz-Gruppe will voraussichtlich Gewerbesteuern in Dummerstorf zahlen. Rund 120 dauerhafte Arbeitsplätze sollen entstehen. Während der Bauphase werden zudem zahlreiche Aufträge für regionale Unternehmen erwartet. Nach Angaben des Unternehmens und der Landesregierung soll das Rechenzentrum die digitale Infrastruktur und die Datensicherheit in der Region verbessern.
Ein Termin mit Bauplänen und Fragerunde
Am 29. September 2026 um 18 Uhr lädt die Gemeinde Dummerstorf zu einer Einwohnerversammlung in die Aula der Grundschule Dummerstorf ein. Der Investor will die Baupläne selbst vorstellen. Danach ist eine Fragerunde zu Energie, Umwelt und Infrastruktur vorgesehen.
Die Veranstaltung ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Wer wissen will, was hinter den Milliarden steckt und wie aus Strom, Servern, Kühlung und Abwärme ein Standortkonzept werden soll, dürfte dort einige Antworten bekommen – und vermutlich neue Fragen mit nach Hause nehmen.
Schwarz Digits baut weiter
Dummerstorf ist nicht das einzige große Vorhaben von Schwarz Digits. Im brandenburgischen Lübbenau entsteht außerdem ein Rechenzentrum mit 200 Megawatt. Die Investitionen dort belaufen sich auf rund 11 Milliarden Euro; auch in Lübbenau ist die Nutzung der Abwärme geplant.
Schwarz Digits strebt an, Europas größter Cloud-Anbieter zu werden. Kürzlich eröffnete das Unternehmen im baden-württembergischen Bad Friedrichshall nahe Heilbronn einen Campus für 3.500 Mitarbeiter.
Auch andere Projekte zeigen, wohin die Reise geht: Microsoft plant im Rheinischen Revier vermutlich bis zu 520 Megawatt, NTT in Nierstein 480 Megawatt und Telis im niedersächsischen Mehrum 500 Megawatt. Die Bundesregierung will die Kapazität deutscher Rechenzentren deutlich steigern – ihre Pläne werden allerdings kritisiert.
International fallen die Dimensionen noch größer aus. In Frankreich, Portugal, Norwegen und Schottland sind Rechenzentren geplant, teils mit deutlich mehr als 1 Gigawatt Leistung. In den USA gibt es laut Cleanview.co derzeit Pläne für Anlagen mit insgesamt mehr als 400 Gigawatt. Einige dieser Vorhaben befinden sich allerdings noch in frühen Planungsphasen.
Was bei der Energieplanung zählt
Für ein Projekt dieser Größe reicht es nicht, irgendwo ein großes Grundstück und einen Netzanschluss zu finden. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE nennt als Grundlage eine energetische Standort- und Infrastrukturplanung: Bestehende Strom-, Wärme- und Kälteinfrastrukturen müssen analysiert und bewertet werden. Dazu kommen PV-Potenzialstudien für Gebäude und Umland sowie GIS-basierte Standortanalysen zur Einbindung in Strom-, Gas- und Wärmenetze.
Ebenso wichtig sind integrierte Energieversorgungskonzepte, die die lokalen Gegebenheiten berücksichtigen. Chancen können etwa an den Schnittstellen zu angrenzender Industrie oder zu Nahwärmenetzen liegen. Gerade die geplante Abwärme für Rostock ist so eine sektorübergreifende Verbindung, bei der Serverwärme nicht einfach verpuffen soll.
Das ISE beschreibt für Rechenzentren maßgeschneiderte Energiekonzepte mit erneuerbaren Energien wie Photovoltaik und Windkraft. Hinzukommen können thermische, elektrische und Wasserstoffspeicher. Auch Kühl- und Klimatisierungslösungen gehören auf den Prüfstand – etwa Kompressions- und Sorptionskälte mit natürlichen Kältemitteln wie Propan und Wasser.
Für die Abwärmenutzung kommen Großwärmepumpen infrage. Machbarkeitsstudien und die Entwicklung von Hochtemperatur-Wärmepumpen können klären, ob Wärme lokal oder netzgebunden eingespeist werden kann. Möglich sind außerdem saisonale Abwärmespeicher in Kombination mit erneuerbaren Energiequellen. Das klingt trocken, entscheidet aber darüber, ob aus einem technischen Versprechen ein funktionierendes Wärmesystem wird.
Zum Werkzeugkasten gehören auch Wirtschaftlichkeitsanalysen und die Suche nach geeigneten Förderprogrammen. Für den Netzbetrieb lassen sich Energieversorgungskonzepte modellieren und simulieren, elektrische Last- und Wärmeprofile prognostizieren und Anlagenbetriebe optimieren. Bewertet werden außerdem Betriebsführungen im Energiemarkt, netzbildende Funktionen, die Steuerung von Wirk- und Blindleistung, Demand-Side-Management, Peak Shaving und die Optimierung des Eigenverbrauchs.
Bei der Netzintegration müssen regulatorische Anforderungen geprüft und passende Integrationsstrategien entwickelt werden. Batteriespeicher könnten als Notstromversorgung, zur Netzstützung oder zur Kappung von Lastspitzen dienen. In Verbindung mit Power-to-Heat- und Power-to-Cool-Technologien wäre auch eine Kopplung der Sektoren möglich. Thermische Speicher, darunter Carnot-Batterien zur Abwärmespeicherung, gehören ebenfalls zu den untersuchten Optionen.
Das Fraunhofer ISE betrachtet darüber hinaus standortbasierte Potenzialanalysen für Direct-Air-Capture-Systeme, kurz DAC. Dabei geht es um Konzepte, die DAC energetisch mit vorhandener Abwärme oder überschüssigem Strom aus eigener Erzeugung verbinden, sowie um die Einbindung von CO₂-Verwertungstechnologien in bestehende Infrastrukturen. In Dummerstorf wird zunächst aber vor allem zählen, was auf dem Baugrundstück passiert, wie es klingt – und ob die versprochene Wärme am Ende tatsächlich in Rostow ankommt.
