22.000 Steine für bessere Bildung: Tansanias neue Massai-Vorschule in Enduleni
Im Norden Tansanias entsteht zwischen dem Kilimandscharo und der Serengeti eine inklusive Vorschule. Der Unterricht soll Anfang 2027 beginnen. Noch wird gebaut, geplant und gerechnet – und bis zur Eröffnung lernen die Kinder in provisorischen Räumen eines nahe gelegenen Waisenhauses für HIV-positive Kinder.
Unterstützt wird das Vorhaben vom Krefelder Verein „Partnerschaft für Afrika“. Rund 22.000 Steine werden für das neue Gebäude verbaut. Der Verein nimmt Spenden entgegen und informiert über seine Arbeit unter [email protected].
Ein schwieriger Start in die Schule
Initiatorin Friederike Heidenhof kennt die Probleme aus vielen Jahren Projektarbeit. Kinder kommen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen zur Einschulung: Viele haben kaum einen Stift oder Papier in der Hand gehabt. Einige Maasai-Kinder sprechen weder Kiswahili noch Englisch – beides sind die üblichen Unterrichtssprachen. In den Grundschulen treffen dann Kinder aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen sowie mit sehr verschiedenem Sprach- und Bildungsstand aufeinander.
Dazu kommen Kinder mit Lernbehinderungen, unter anderem infolge des Alkohol- oder Drogenkonsums ihrer Eltern. Für manche wird der Schulbeginn damit zur ersten großen Hürde. Sie fallen bereits in den ersten Klassen zurück, verlassen später die Schule frühzeitig oder bleiben während ihrer gesamten Bildungsbiografie benachteiligt.
Die neue Vorschule soll deshalb gezielt auf den Schulbesuch vorbereiten und den Zugang zu Bildung erleichtern. Vorgesehen ist die „Massai Preschool Ngorongoro“ im Dorf Enduleni am Rand des Ngorongoro-Kraters. Das Gebiet ist für seinen Artenreichtum bekannt und wird seit etwa 200 Jahren auch von Massai bewohnt.
Massai-Kinder besuchen normalerweise ab sieben Jahren reguläre Grundschulen. Viele sprechen zu diesem Zeitpunkt weder die Unterrichtssprache Swahili noch beherrschen sie grundlegende Lese- und Schreibfähigkeiten. Der Einstieg fällt schwer, manche Kinder sind in den Folgejahren überfordert oder frustriert und schließen die Schule nicht ab. In höheren Positionen in Wirtschaft oder Politik sind Massai deshalb selten vertreten; ihre Interessen können sie nur begrenzt selbst vertreten.
Vier bis sieben Jahre, dann der nächste Schritt
Die Preschool richtet sich an Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren. Sie lernen Swahili und Englisch und werden schrittweise an den für sie ungewohnten Unterricht in einer Klasse herangeführt. Viele stammen aus sehr armen Verhältnissen oder aus weit entfernten Dörfern. Einige essen und schlafen deshalb auch in der Schule. Für viele Eltern ist gerade diese Versorgung mit Essen und Unterkunft der wichtigste Grund, ihr Kind dort anzumelden.
Der Bedarf ist zuletzt gewachsen, weil weitere Kinder in die Waisenhäuser aufgenommen wurden. „Partnerschaft für Afrika“ hat in der Region bereits zwei Waisenhäuser, eine Grundschule und eine weiterführende Schule gebaut. Danach begleitet der Verein Jugendliche weiter – durch Ausbildung, College oder Studium bis zum Berufseinstieg oder zur Selbstständigkeit.
Noch sind nach Angaben von Friederike Heidenhof nicht alle benötigten finanziellen Mittel vorhanden. Trotzdem geht der Verein davon aus, dass der Unterricht Anfang 2027 im ersten neuen Gebäude beginnen kann. Die laufenden Kosten tragen Friederike und Günter Heidenhof gemeinsam mit einem weiteren Förderer.
2026 feiert der Verein sein 15-jähriges Bestehen. Friederike und Günter Heidenhof arbeiten allerdings schon seit mehr als 20 Jahren mit lokalen Projektpartnern in Tansania zusammen und verbringen etwa drei Monate pro Jahr vor Ort. Drei Monate Hitze, Baustellen, Gespräche, Nachjustieren – und vermutlich mehr als ein Plan, der unterwegs wieder geändert werden muss.
Bildung zwischen großen Klassen und knappen Mitteln
Wie schwierig die Bedingungen im tansanischen Bildungssystem sind, schilderte im Februar 2024 Agripina Fabian. Der Autor Wolfgang Nellen sprach mit der jungen Tansanierin, die am National College of Tourism in Arusha Hospitality Management und Kulinarik studiert. Gemeinsam mit ihrem Partner Stephan engagiert sie sich außerdem in der „Pepea Children Foundation“.
Das Sozialprojekt ermöglicht Mädchen aus schwierigen sozialen und familiären Verhältnissen den Besuch privater Schulen. Agripina blickt optimistisch auf die jüngsten Fortschritte und Verbesserungen im tansanischen Bildungssystem. Der Besuch öffentlicher Schulen ist inzwischen kostenlos. Dennoch schicken sie und Stephan die von ihnen unterstützten „Pepea-Girls“ auf Privatschulen.
Der Grund: In öffentlichen Schulen lernen häufig 40 bis 100 Schüler in einer Klasse. Einzelne Kinder erhalten dadurch zu wenig Aufmerksamkeit und Unterstützung. Privatschulen haben teilweise nur etwa 15 Schüler pro Klasse. Gleichzeitig gibt es in Tansania viele arbeitslose Lehrkräfte, während öffentliche Schulen überfüllt sind.
Als wesentliche Ursache gilt ein finanzielles Problem. Beim Bau neuer Schulen besteht Nachholbedarf, außerdem muss die Lehrerausbildung verbessert werden. Die verfügbaren öffentlichen Mittel sind begrenzt. Privatschulen verlangen laut dem Artikel zwischen 700 und 4.000 Euro pro Schüler und Schuljahr. Dafür haben sie mehr Geld, können besser bezahlte Lehrkräfte einstellen und kleinere Klassen anbieten.
Auch an staatlichen Schulen lernen Kinder grundsätzlich etwas. Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen schwänzen jedoch teilweise, weil sie auf der Straße durch Gelegenheitsarbeiten oder andere Tätigkeiten schneller Geld verdienen können. Geldspenden von Touristen können laut dem Artikel zudem den Eindruck verstärken, regelmäßiger Schulbesuch und solide Bildung würden sich finanziell nicht lohnen.
Ein Klassenzimmer, zehn Mädchen und viele Fragen
Wie das Pepea-Konzept aussehen kann, zeigt der Besuch der Sasa-Schule in Kigongoni bei Arusha. Die zehn „Pepea-Girls“ begrüßen Agripina und Stephan wie Pflegeeltern. Bei einem gemeinsamen Abendessen essen die Mädchen Eier und Pommes frites, dazu gibt es Softdrinks. Sie sprechen offen und auf Englisch über ihre Schule, persönliche Erlebnisse und Zukunftspläne.
Später kommt Schulleiter Reymond hinzu. Mit Agripina und Stephan bespricht er die individuellen Fortschritte und Probleme der Mädchen. Gemeinsam suchen sie nach Lösungen für die jeweiligen Schwierigkeiten. Das Projekt ist kostenintensiv, unterstützt aber konkret diese zehn Mädchen.
Der Artikel fordert mehr vergleichbare Projekte sowie zusätzliche Unterstützung und bedarfsgerechte Schulungen für Lehrkräfte. Für die Vorschule in Enduleni bedeutet das: Es geht nicht nur um Wände, Fenster und die rund 22.000 Steine. Es geht auch um Sprache, Essen, Schlafplätze, Aufmerksamkeit im Klassenraum und um Kinder, die beim ersten Schultag nicht schon hinterherlaufen sollen.
Das Video stammt von Stephan Auner.
