Augustinerkirche Erfurt: Fünf-Millionen-Umbau entfacht Streit um Luthers Denkmal
Erfurt, 7. Oktober 2026 – Das Augustinerkloster mit seiner um 1350 fertiggestellten Augustinerkirche gehört neben Eisleben, der Wartburg und Wittenberg zu den bedeutenden Luthergedenkstätten. Martin Luther trat 1505 als Novize in das Kloster ein und verließ es 1511 als Mönch in Richtung Wittenberg. 1507 hielt er in der Kirche seine erste Predigt. Jährlich kommen nach Angaben der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) rund 150.000 Menschen aus aller Welt hierher.
Gerade deshalb sorgt der geplante Umbau für Unruhe. Die Kritik an den Plänen nimmt zu, in Erfurt wird kontrovers, teils polemisch diskutiert. Historiker Martin Sladeczek berichtet von großer Resonanz in der Stadtgesellschaft auf die Einwände des Geschichtsvereins. Und während der eigentliche Umbau laut EKM erst 2028 beginnen soll, werfen Kritiker der Landeskirche vor, bereits Fakten zu schaffen: Das Kirchenschiff wurde in dieser Woche mehrere Tage lang ausgeräumt, außerdem wurde der Fußboden vermessen.
Ein Innenraum mit eigener Geschichte
Die mittelalterlichen Glasfenster aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts verleihen der Kirche eine herausragende kulturhistorische Bedeutung. Zugleich erzählt der Bau rund 200 Jahre Denkmalpflegegeschichte. Der heutige Innenraum entstand 1936/38 nach Plänen des Architekten Theo Kellner (1899–1969), eines Schülers von Hans Poelzig. Kellner hatte seit den 1920er Jahren mehrere Gebäude im Stil des Neuen Bauens in Erfurt errichtet.
Seine purifizierende Umgestaltung war als Gegenentwurf zur neugotischen Überformung des 19. Jahrhunderts gedacht. Nach 1945 wurden die Kriegsschäden an Kloster und Kirche entsprechend seinen Gestaltungsvorstellungen behoben. Für die Thüringer Denkmalpflege ist dieser Innenraum deshalb auch ein Zeugnis moderner Architektur der 1930er Jahre. Von ihm könnte nach den aktuellen Umbauplänen der EKM allerdings nur wenig übrig bleiben.
Die EKM nutzt das Kloster intensiv als Veranstaltungsort und möchte die Kirche laut Kloster-Webseite „heller, kirchenmusikalisch freundlicher und geschichtsbewusster“ gestalten. Der 2021 in einem begrenzt offenen Wettbewerb ausgezeichnete Entwurf stammt von den Leipziger Architekten Schoener und Panzer. Vorgesehen sind Holzeinbauten, die Charakter und Erscheinungsbild des Sakralbaus grundlegend verändern würden.
Podest, Empore und fünf Millionen Euro
Geplant ist unter anderem eine neue Nordempore. Sie soll an die Tagung des Erfurter Unionsparlaments von 1850 erinnern. Unterhalb der Empore ist ein abtrennbarer Geschichtsort vorgesehen. Im westlichen Eingangsbereich soll ein großes mobiles Podest bessere Auftrittsmöglichkeiten für die Augustinerkantorei schaffen. Die Kirchenbänke würden einer flexiblen Bestuhlung weichen, damit die Kirche vielseitiger genutzt werden kann, unter anderem für Konzerte.
Zum Konzept gehören außerdem eine Fußbodenheizung, die Erweiterung der Chor-Empore um Sitzplätze und eine Chortreppe. Die Kirche soll als wichtiger Luther-Ort moderner gestaltet werden. Fünf Millionen Euro sind für die Arbeiten veranschlagt. Aus welchen Quellen diese rund 5 Millionen Euro finanziert werden sollen, ist derzeit unklar.
Oberkirchenrätin Barbara Füten, Leiterin des EKM-Finanzdezernats, verteidigt die Investitionen. Die Kirche solle ganzjährig genutzt werden können und für Besucher attraktiver werden. Derzeit sei sie sehr dunkel, Luthers Wirken komme dort nicht ausreichend zur Geltung. Geheizt werden soll künftig allerdings nicht; vorgesehen ist lediglich eine Temperierung auf maximal acht Grad.
Entgegen früheren Meldungen ist der Bauantrag laut Füten noch nicht genehmigt. Die EKM stellte ihn 2025. Die Arbeitsgruppe Augustinerkloster im Geschichtsverein hofft deshalb auf eine Überarbeitung des Projekts. Sie bestreitet nicht, dass die Kirche modernen Nutzungsanforderungen angepasst werden müsse.
Fenster, Feuchtigkeit und Denkmalpflege
Die Arbeitsgruppe vereint Denkmalpfleger, Historiker und Restauratoren. Sorgen bereiten ihr vor allem die mittelalterlichen Glasmalereien der Chorfenster. Restaurator Ludwig Volkmann warnt, die geplante Fußbodenheizung könne zusammen mit einer hohen Besucherzahl die Luftfeuchtigkeit erhöhen. Eine steigende Luftfeuchtigkeit wäre für die Glasmalereien eine erhebliche Gefahr.
Die Fenster wurden erst vor wenigen Jahren mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz saniert. Bei allen Eingriffen müsste daher sichergestellt werden, dass sie nicht beschädigt werden. Das klingt auf dem Papier nach einer Selbstverständlichkeit. In einem alten Kirchenraum hängen Klima, Besucherströme, Heizung und Bauteile aber nun einmal eng zusammen.
Der bewahrende Umgang mit in der NS-Zeit entstandenen, als „unbequem“ bezeichneten Denkmalen gilt seit Jahrzehnten als etablierte denkmalpflegerische Praxis. Gleichzeitig haben Kirchen grundsätzlich das verfassungsrechtlich geschützte Recht, sich bei liturgischen Fragen über denkmalpflegerische Vorstellungen hinwegzusetzen. Als Beispiel wird der Umbau der Berliner Hedwigskathedrale genannt.
Kritiker bezweifeln jedoch, dass die Erfurter Maßnahmen überwiegend liturgisch begründet sind. Im Mittelpunkt stehen aus ihrer Sicht vor allem eine hellere, kirchenmusikfreundlichere und geschichtsbewusstere Nutzung. Die Debatte dreht sich damit nicht nur um Holz, Bänke und eine Heizung, sondern auch um die Frage, wie weit eine Veränderung reichen darf, wenn ein intakter Sakralbau für neue Anforderungen geöffnet werden soll.
Ein Erfurter Streit mit Thüringer Echo
Laut Sladeczek könne die Kirche von der Auseinandersetzung profitieren. Ob das gelingt, hängt auch davon ab, ob die verschiedenen Seiten noch miteinander ins Gespräch kommen. Die Arbeitsgruppe drängt jedenfalls nicht auf Stillstand, sondern auf einen sorgfältigeren Umgang mit dem Bestand.
Für die EKM geht es um mehr als um eine einzelne Kirche. Von rund 2.000 Kirchen in Thüringen werden Schätzungen zufolge etwa ein Viertel nicht mehr oder nur selten genutzt. Kritiker fragen deshalb, ob der Umbau eines intakten Sakralbaus angesichts der finanziellen Lage der Kirchen vertretbar ist, während anderen Kirchen das Geld für notwendige Reparaturen fehlt. Der Erfurter Fall berührt damit Denkmalschutz, Kirchenleerstand, Umnutzung und die Verantwortung für sakrales Bauerbe.
Auch über die Augustinerkirche hinaus stehen Städte und Gemeinden vor solchen Entscheidungen: Was bleibt, wenn Nutzung abnimmt? Was darf sich verändern, damit ein Bau nicht leer steht? Und wer übernimmt die Rechnung – gerade dann, wenn fünf Millionen Euro im Raum stehen?
Die Kirche in Erfurt bleibt dabei ein Ort der Reformation, ein Veranstaltungsraum, ein Denkmal und ein täglich genutztes Gebäude. Im ausgeräumten Kirchenschiff ist vorerst vor allem eines zu hören: die Vermessung des Bodens, während draußen die Debatte weiterläuft.
