Im BMW-Werk Leipzig hat der symbolische Bau einer rund zwei Kilometer langen Wasserstoff-Pipeline begonnen. Die Leitung soll den Standort an das künftige Wasserstoff-Kernnetz anschließen. Fertigstellung und Anschluss sind für das erste Halbjahr 2028 geplant. Nach Angaben von BMW wäre Leipzig damit weltweit das erste Automobilwerk, das direkt über eine Pipeline mit Wasserstoff versorgt wird.

Beim Baubeginn waren Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Christian Hirte, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, dabei. Kofinanziert wird das Projekt durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und den Freistaat Sachsen. Mit der ONTRAS Gastransport GmbH hat BMW bereits einen Kapazitäts-Reservierungsvertrag für die Anbindung vereinbart. ONTRAS ist in der Region für den Aufbau des Wasserstoff-Kernnetzes zuständig, die MITNETZ GAS GmbH baut die Anschlussleitung einschließlich Gasdruckregel- und Messanlage.

Wasserstoff kommt künftig durch die Leitung

Bis der Anschluss steht, bleibt der Transport per Lkw das gewohnte Bild. Laut MDR soll das Werk bereits ab 2027 über die rund zwei Kilometer lange Pipeline versorgt werden; BMW nennt für Fertigstellung und Anschluss das erste Halbjahr 2028. Die Leitung verbindet den Standort mit dem deutschlandweiten Wasserstoffnetz. Das geplante deutsche Kernnetz soll rund 9.000 Kilometer Leitungen umfassen und bis 2032 schrittweise in Betrieb gehen.

Ganz neu ist Wasserstoff in Leipzig allerdings nicht. BMW setzt ihn dort bereits seit 2013 in der Intralogistik ein. Mehr als 230 Gabelstapler und Routenzugschlepper sind mit Wasserstoff-Brennstoffzellenantrieben unterwegs. Nach Angaben des Unternehmens betreibt das Werk damit Europas größte Flotte brennstoffzellenbetriebener Intralogistikfahrzeuge.

Seit 2022 wird Wasserstoff außerdem in der Lackiererei genutzt. Dort arbeiten inzwischen elf bivalente Brenner, die sowohl Erdgas als auch Wasserstoff verbrennen können. Auch die Lacktrockner lassen sich mit beiden Energieträgern betreiben. Der Pipelineanschluss soll künftig deutlich größere Wasserstoffmengen bereitstellen. Gerade in den Trocknern, in denen hohe Temperaturen gebraucht werden, kann Wasserstoff Erdgas ersetzen. BMW erwartet, mit Erdgas und Wasserstoff künftig wirtschaftlicher arbeiten zu können; grüner Wasserstoff soll zudem die CO₂-Bilanz des Standorts verbessern.

Vom Werk zum „Prosumer“

Die bivalenten Brenner sind dabei mehr als eine technische Übergangslösung. Sie liefern Erfahrungen mit den technischen und wirtschaftlichen Bedingungen, die beim Hochlauf des Wasserstoff-Kernnetzes entstehen. Für die Herstellung von grünem Wasserstoff wird Wasser per Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten; der dafür benötigte Strom stammt aus erneuerbaren Energien. Durch die Zugabe von Kohlenstoff können daraus unter anderem klimaneutrales Brenngas oder synthetische flüssige Kraftstoffe entstehen.

Die Pipeline fügt sich in das globale Energiemanagement der BMW Group ein. Der Konzern setzt auf standortspezifische und technologieoffene Lösungen und berücksichtigt bei der Energieversorgung unter anderem lokale Infrastruktur, Kosten und verfügbare Energiequellen. Künftig sollen BMW-Standorte Energie nicht nur beziehen, sondern auch selbst erzeugen, speichern und flexibel einsetzen – sie werden damit zu sogenannten „Prosumern“.

Virtuelle Kraftwerke sollen Erzeuger, Verbraucher und Speicher digital miteinander vernetzen und Energieflüsse datenbasiert optimieren. So könnten die Standorte Lasten flexibler steuern, die Netzstabilität unterstützen und ihre Abhängigkeit von Markt- und Preisschwankungen verringern. Klingt trocken, ist im Alltag aber eine ziemlich handfeste Sache: Energie soll dorthin fließen, wo sie gerade gebraucht wird, statt ungenutzt zu verpuffen.

Für die industrielle Umstellung auf Wasserstoff nennt BMW mehrere Voraussetzungen: ein zügig verfügbares Wasserstoff-Kernnetz mit Verteilerinfrastruktur, wettbewerbsfähige Netzentgelte, einen kostengünstigen klimafreundlichen Energieträger, Investitions- und Planungssicherheit sowie praxisnahe und europaweit harmonisierte Zertifizierungen. BMW, Energiepartner und Politik arbeiten in Leipzig damit gemeinsam an der industriellen Nutzung von Wasserstoff und an einer langfristig stabileren Energieversorgung.

Die offene Rechnung der Infrastruktur

Wie breit das Feld inzwischen ist, zeigt die Hydrogen Technology Expo vom 20. bis 22. Oktober 2026. Mehrere parallele Bühnen und Konferenzstränge widmen sich Führung und Strategie, Produktion und Infrastruktur, Sicherheit und Netzen, Brennstoffzellen und Digitalisierung, Derivaten und Anwendungen, Mobilität und Handel, CO₂-Abscheidung sowie Transport, Speicherung, Nutzung und Energieversorgung.

Beim Leadership Summit auf der Hydrogen Stage A geht es um den Zusammenhang von Wasserstoff, industrieller Wettbewerbsfähigkeit und regionalem Wachstum, um die Resilienz künftiger Energiesysteme und den Aufbau der europäischen Wasserstoffwirtschaft. Auf der Tagesordnung stehen außerdem Hamburgs Planungen für den Start einer Wasserstoffwirtschaft ab 2027, globale Zertifizierung, Handel und Fachkräfte sowie der Übergang von der Projektentwicklung zur Umsetzung. Rita Schwarzelühr-Sutter, Silke Frank und weitere Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verbänden, Industrie und Kommunen eröffnen den Strang.

Besprochen werden dort auch Investitionsbedingungen, politische Rahmenbedingungen und Nachfrage in Deutschland und Europa, Einschätzungen von Investoren zur Entwicklung des Wasserstoffmarktes, die Skalierung von Power-to-X und die industrielle Umsetzung. Hinzu kommen Zertifikate und Marktanalyse für den niederländischen Wasserstoffmarkt 2030 unter RED-III-Vorgaben, Regulierung und Förderungen für grünen Wasserstoff in Brasilien, Forschung zu kohlenstoffarmen Molekülen bei EnBW sowie Tokios Initiativen zur Einführung von grünem Wasserstoff. Die Fragen dahinter sind nüchtern: Was macht eine Wasserstoffnachfrage bankfähig? Wie lassen sich Politik, Märkte und Projekte für eine großmaßstäbliche Einführung koordinieren? Und welche Voraussetzungen braucht der Start einer sauberen Wasserstoffwirtschaft?

Auf der Hydrogen Stage B stehen Produktion und Infrastruktur im Mittelpunkt. Dort geht es um den Vergleich konventioneller und alternativer Produktionsverfahren, Marktprognosen für alkalische, PEM-, AEM- und Festoxid-Elektrolyseure über zehn Jahre sowie um Engpässe bei Elektrolyseuren, Stromversorgung und Infrastruktur. Auch wirtschaftlich tragfähige Wasserstoffunternehmen und technische wie wirtschaftliche Konzepte für eine teilzentralisierte Offshore-Wasserstoffproduktion werden behandelt.

Weitere Beiträge beschäftigen sich mit Leistungs- und Dauerhaltbarkeitstests von Elektrolyseuren, Standards für PEM-Elektrolyse, flexiblen digital gesteuerten Elektrolysesystemen, Wasserqualitätsüberwachung zur Verlängerung der Anlagenlebensdauer und Zellspannungsmessung zur Kosten- und Leistungsoptimierung. Dazu kommen grenzüberschreitende Wasserstoffinfrastruktur in Nordwesteuropa, Speichertechnologien als Bindeglied zwischen Produktion, Infrastruktur und industrieller Nachfrage, unterirdische Wasserstoffspeicherung und Pilotanlagen sowie physikbasierte KI-Simulationen für das Befüllen von Hochdrucktanks.

Netze, Sicherheit und Kohlenstoff

Der Leipziger Anschluss berührt auch die Sicherheits- und Netzfragen, die in den Konferenzsträngen eine große Rolle spielen: Nachrüstung und Neubau wasserstofffähiger Gasinfrastruktur, die Validierung von Hochdruck-Wasserstoffsystemen unter realen Betriebsbedingungen, Prozessanalyse und fortgeschrittene Regelungssysteme, Flüssigwasserstoffsysteme, Anforderungen an Ventile nach EN 18191, CFD in quantitativen Risikoanalysen und Sicherheitsstandards für Wasserstofftests. Diskutiert wird außerdem die RFNBO-Zertifizierung und ihre Bedeutung für die Projektwirtschaftlichkeit.

Auf der Netzseite reichen die Themen von den Auswirkungen erneuerbaren Wasserstoffs auf Stromsysteme über Netzanschlüsse, Elektrolyseurlasten und Systemplanung bis zur Verbindung großmaßstäblicher Wasserstoffprojekte in Dänemark und Deutschland. Neue Netzanschlussregeln für Elektrolyseure im dreistelligen Megawattbereich, die Optimierung der elektrischen Architektur von Großprojekten, Offshore-Wind, Wasserstoffnetze und Energieübertragung in der Nordsee stehen ebenfalls auf dem Programm. Für Regionen mit begrenztem Stromnetz geht es um Versorgungslösungen, außerdem um die Kosten von Pipelines und multimodalen Transportwegen sowie die Wirtschaftlichkeit sogenannter virtueller Pipelines.

Ein eigener Schwerpunkt liegt auf Carbon Capture. Diskutiert werden die Entwicklung eines europäischen CCUS-Marktes und seine politischen, regulatorischen und infrastrukturellen Voraussetzungen, Deutschlands Rahmen für das Kohlenstoffmanagement sowie die Lücke zwischen staatlichen CCUS-Zusagen und tatsächlicher Projektumsetzung. Begrenzte Lieferketten- und Fachkräftekapazitäten gelten als Risiken. Im Programm finden sich außerdem CO₂-Abscheidung bei Müllverb