Cyberangriff legt Bauarbeiten am Fehmarnbelt-Tunnel lahm
Ein Cyberangriff hat am Montag, dem 12. Oktober 2026, die komplette IT des Konsortiums Femern Link Contractors (FLC) lahmgelegt. FLC ist maßgeblich am Bau des Fehmarnbelt-Tunnels zwischen Deutschland und Dänemark beteiligt. Elektronische Zugangskarten funktionierten nicht mehr, Beschäftigte sollten Computer und WLAN nicht benutzen. Mehrere Arbeitsschiffe standen still, ebenso Kräne und Plattformen für die Offshore-Arbeiten.
Am heutigen 13. Oktober 2026 bestätigte der Investor Sund & Baelt den Vorfall. Nach Berichten der dänischen Zeitung „Folketidende“ konnten Mitarbeiterausweise nicht verwendet werden. Dänische Medien berichteten sogar von einem vollständigen Stillstand der Bauarbeiten, weil Spezialgeräte ausgefallen waren. Einige Abläufe mussten händisch weitergeführt werden. Einen Termin für die Wiederaufnahme gibt es nicht.
Baustelle im Ausnahmezustand
Zum Konsortium gehören unter anderem die deutschen Unternehmen Wayss & Freytag Ingenieurbau und Max Bögl. FLC beschäftigt rund 2.800 Menschen aus Dänemark, Deutschland, Frankreich, Belgien und den Niederlanden; ein beträchtlicher Teil der Baustellenmitarbeiter stammt aus Polen. Jens Villemoes von Sund & Baelt bestätigte den Cybervorfall und erklärte, der Investor stehe mit FLC im Austausch. Wie lange die Behebung dauert, teilte Sund & Baelt nicht mit.
Auch die staatliche dänische Projektgesellschaft Femern A/S wurde von FLC über den Cybervorfall informiert. Noch ist offen, wie weit die Hacker in die Systeme eindringen konnten, ob Daten gestohlen wurden oder Lösegeld gefordert wird. Unklar bleibt außerdem, ob Bau- oder Sicherheitsunterlagen betroffen sind, wer hinter dem Angriff steckt und ob sich die Sache auf Kosten oder Zeitplan auswirkt.
Ein dänisches Fachmedium brachte russische Hacker als mögliche Urheber ins Gespräch. Belege dafür gibt es bislang nicht. Keine der genannten Quellen benennt einen Verdächtigen oder einen Staat als Täter. Henning Mortensen, Vorsitzender des dänischen Rates für digitale Sicherheit, schloss gegenüber TV 2 allerdings einen Zusammenhang mit hybrider Kriegsführung nicht aus.
Ende September hatten Verteidigungsminister Jeppe Brus und der Chef des dänischen Militärgeheimdienstes, Thomas Ahrenkiel, vor ernsten hybriden Angriffen und weiteren Vorfällen aus Russland gewarnt. Daraufhin erhöhte die dänische Behörde für öffentliche Sicherheit die Cyberbedrohungsstufe von „mittel“ auf „hoch“. Der Cybersicherheitsspezialist Jacob Herbst sagte, künstliche Intelligenz erleichtere groß angelegte Angriffe zu vergleichsweise geringen Kosten. Viele Organisationen könnten Sicherheitslücken nicht schnell genug schließen.
Ein Tunnel aus 89 Betonelementen
Der Fehmarnbelt-Tunnel soll Rødbyhavn auf der dänischen Insel Lolland mit Puttgarden auf Fehmarn in Schleswig-Holstein verbinden. Das Bauwerk wird 18 Kilometer lang und soll der längste Absenktunnel der Welt werden. Geplant sind eine vierspurige Straßenverbindung und eine zweigleisige Bahnstrecke. Mit dem Auto soll die Fahrt etwa zehn Minuten, mit dem Zug sieben Minuten dauern.
Für den Tunnel werden 89 Betonelemente im Meer versenkt. Die jeweils 217 Meter langen Module entstehen in einer provisorischen Fabrik im Hafen von Rødby, werden per Schiff und Plattform transportiert und mithilfe digitaler Software zusammengefügt. Das Milliardenprojekt soll den Verkehrsengpass zwischen Skandinavien und Mitteleuropa beseitigen und Personen- sowie Güterverkehr beschleunigen. Die Projektkosten werden auf etwa 7 Milliarden Euro geschätzt.
Die schrittweise Eröffnung war bis 2029 geplant: zunächst für den Straßenverkehr, später für Züge. Im Herbst 2025 erklärte das Konsortium jedoch, dass dieser ursprünglich für 2029 geplante Termin wegen Verzögerungen voraussichtlich nicht eingehalten werden könne. Wie der Cybervorfall auf diesen Zeitplan wirkt, ist bislang nicht bekannt. Deutschland könnte von weiteren Verzögerungen betroffen sein.
Warum der Vorfall über die Baustelle hinausweist
Die Sicherheitslage im Cyberraum beschreibt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik als angespannt. Deutschland ist als führende Wirtschaftsnation sowie als NATO- und EU-Drehscheibe ein attraktives Ziel. Die Bedrohungen reichen von finanziell motivierten bis zu staatlich gelenkten Angriffen mit ideologischem, politischem oder militärischem Hintergrund. Hybride und teilweise KI-gestützte Angriffe nehmen qualitativ und quantitativ zu.
Die Bundesregierung will deshalb die Cybersicherheit erhöhen. Das Bundeskabinett beschloss im August 2025 auf Initiative von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, dass das Bundesinnenministerium ein Realisierungskonzept für einen deutschen Cyberdome erarbeitet. Das BSI ist als Cybersicherheitsbehörde des Bundes maßgeblich an der Konzeption beteiligt.
Der Cyberdome ist als Schutzschirm für den digitalen Raum Deutschlands gedacht. Angriffe auf staatliche Institutionen, Kritische Infrastrukturen, Unternehmen und die Gesellschaft sollen schneller erkannt, ausgewertet und in ihren Auswirkungen begrenzt werden; Schäden sollen sich möglichst minimieren lassen. Dafür sollen bestehende Systeme vernetzt und bei Bedarf durch zusätzliche Sensorik ergänzt werden, etwa bei Betreibern Kritischer Infrastrukturen oder freiwillig teilnehmenden Institutionen. Automatisierte Echtzeitanalysen sollen Informationen systematisch auswerten und koordinierte Reaktionen ermöglichen.
Sensoren, Analyse und schnelle Reaktionen
Der geplante Cyberdome ruht auf drei Säulen. Bei der Sensorik geht es um eine Infrastruktur, die Angriffsvektoren und Schwachstellen besser erkennt. Einbezogen werden öffentliche Netze, Betreiber Kritischer Infrastrukturen und freiwillig teilnehmende Organisationen. Vorhandene Systeme sollen verbunden, Lücken bei Bedarf mit zusätzlicher Sensorik geschlossen werden. Die frühere und breitere Sicht auf Bedrohungen soll möglich sein, ohne in geschützte Systeme einzugreifen.
Im Analyseverbund werden Informationen aus der Sensorik und weiteren Quellen zusammengeführt. Analysezentren, darunter das BSI, Partner, Verbände und weitere Dienstleister sollen die Daten systematisch auswerten. Datenschutz, Datensparsamkeit und Pseudonymisierung sollen dabei konzeptionell berücksichtigt werden. Ein gemeinsames Lagebild kann über die Sicht einzelner Organisationen hinausgehen; Hinweise auf einen Angriff sollen anderen Beteiligten ermöglichen, sich rechtzeitig zu schützen.
Die dritte Säule bilden die Maßnahmen. Der Cyberdome soll als offenes technisches System verschiedene Anwendungen verbinden. Genormte Schnittstellen und offene Standards sollen bestehende Technologien ebenso aufnehmen können wie neue Sicherheitslösungen. Unternehmen, KRITIS-Betreiber, Behörden und Forschungseinrichtungen sollen Informationen des Analyseverbunds automatisiert nutzen und in Schutzmaßnahmen umsetzen können. Das Netzwerk soll mit den Anforderungen und Bedrohungen im Cyberraum weiterentwickelt werden.
Übergeordnet ist ein belastbares technisches Echtzeit-Lagebild vorgesehen, in dem sicherheitsbezogene Informationen erfasst, ausgewertet und in Schutz- und Abwehrmaßnahmen überführt werden. Erkenntnisse aus Angriffen auf eine Organisation, Infrastruktur oder ein System sollen unmittelbar auch anderen Beteiligten zugutekommen. So soll die Cyberresilienz aller Beteiligten wachsen.
BMI und BSI befinden sich gemeinsam in der Konzeptionsphase. Das BSI soll bestehende Leistungen ausbauen und noch 2026 schrittweise neue Funktionen in Betrieb nehmen, insbesondere bei Sensorik, Detektion und Monitoring. Vorgänge im Cyberraum sollen analysiert und Schutzmaßnahmen abgeleitet werden; Informationen sollen möglichst automatisiert an weitere beteiligte Akteure gelangen. Die Zusammenarbeit mit Behörden und Einrichtungen des Bundes und der Länder spielt dabei eine zentrale Rolle.
Bis Ende 2026 wollen BMI und BSI das Realisierungskonzept erarbeiten. Es soll die Grundlage für die anschließende Umsetzung bilden. Der Cyberdome ist als mehrjähriges Vorhaben angelegt: Bestehende Fähigkeiten sollen skaliert und integriert, neue Initiativen gebündelt werden. Akteure aus der Wirtschaft sollen Bedarfe einbringen und Akzeptanz schaffen. Eine erste Maßnahme läuft bereits: Im März 2026 startete eine Kooperation mit öffentlichen IT-Dienstleistern von Ländern und Kommunen zur erweiterten Datensensorik.
