In Freiburg wird der eigene Sarg zum Bücherregal
In Freiburg steht ein Regal, das eines Tages kein Regal mehr sein soll. Die Schreinerin Ulrike Wolf arbeitet an einem zwei Meter langen Möbel aus Fichtenholz – ihrem eigenen Sarg. Bis zu ihrem Tod soll das Stück in ihrer Wohnung bleiben, mit Büchern, Alltagsspuren und den Regalbrettern, die sie noch einbauen will.
Die 62-Jährige lackiert die Seiten himmelblau. Die Seitenwände hat sie wellenförmig zugesägt und glatt geschliffen. Vier Sarggriffe sind bereits vorbereitet. Wenn es einmal so weit ist, sollen die beiden Regalteile wieder zu einem Sarg zusammengesetzt werden. Dafür will Wolf ihren Angehörigen einen Brief hinterlassen.
Ein Möbelstück für das Leben – und danach
Die Idee stammt vom Freiburger Schreiner Johannes Wittich, der sich seit Jahren mit Sterben und Tod beschäftigt. Einst baute er den Sarg eines engen Freundes. Den Prozess empfand er als besondere Form der Nähe und Trauerbegleitung. Heute bietet Wittich Workshops an, in denen Menschen ihren eigenen Sarg bauen. Rund 20 Personen haben bisher an etwa fünf Workshops teilgenommen.
Bei einem dreitägigen Workshop vor dem alten Wiehrebahnhof in Freiburg arbeiten drei Teilnehmer an eigenen Sargmöbeln. Die Veranstaltung begleitet einen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Der öffentliche Ort ist Absicht: Gespräche über Tod und Sterben sollen aus geschlossenen Räumen hinaus in die Stadt gelangen. Passanten reagieren teils irritiert, teils interessiert.
Zu Beginn bringt Wittich bereits zugesägte Sargbretter mit. Die Teilnehmer setzen Dreischichtplatten zusammen und entscheiden anschließend, wie sie den Korpus nutzen möchten. Daraus können Regale, Tische, Garderoben, Phono-Möbel, Kleiderschränke oder Betten entstehen. Die Workshop-Plätze kosten etwa 1.000 Euro und sind laut Wittich gefragt. Alle Materialien und Werkzeuge für fünf Teilnehmer passen nach seinen Angaben in einen Transporter.
Markus Temmen baut seinen Sarg als Kleiderschrank mit Ausziehschublade für Winterkleidung. Einen Organspendeausweis und eine Patientenverfügung besitzt er bereits. Der 67-jährige Hartmut Georg macht aus seinem Sargkorpus zwei Wandregale. Probeweise hat er schon darin gelegen – zunächst als heitere Mutprobe. Danach setzte er sich mit der Bedeutung auseinander, das eigene Lebensende mitzugestalten.
Wolf arbeitet als Trauerbegleiterin im Bistum Rottenburg-Stuttgart und gestaltet bereits Totenhemden mit Gruppen. Den Sargbau versteht sie auch als Unterstützung für ihre Angehörigen. Nach einem Todesfall seien Familien mit praktischen Entscheidungen häufig überfordert. Künftig möchte sie das Projekt auch in Rottweil anbieten; entsprechende Planungen laufen.
Holz, Werkzeug und ein Gespräch vorab
Ein ähnliches Konzept verfolgt das Sargbau-Atelier in Hamm. Dort werden Workshops zur individuellen Gestaltung von Särgen und Urnen angeboten. Die Stücke sollen persönlichen Vorstellungen entsprechen und bis zu ihrer späteren Nutzung Teil des Wohnumfelds sein können – also nicht irgendwo im Lager verschwinden, sondern im Leben mitlaufen.
Das Atelier stellt Materialien und Werkzeuge bereit und vermittelt Wissen über Materialeigenschaften und Gestaltungsmöglichkeiten. Es gibt Einzelkurse mit persönlicher Betreuung und ungestörter Nutzung der Räumlichkeiten sowie Gruppenkurse mit Freunden, Familie oder anderen Teilnehmenden. Ein Gruppenkurs ist auf maximal fünf Personen begrenzt. Vorkenntnisse und eigene Werkzeuge sind in beiden Varianten nicht erforderlich, das Material wird gestellt.
Verwendet werden überwiegend Holz aus heimischen Wäldern für Urnen und nordische Fichte für Särge. Je nach Projekt wird mit Vollholz oder vorgefertigten Brettern gearbeitet. Die Arbeiten finden im Atelier oder bei gutem Wetter draußen statt. Zum Einsatz kommen Kleinwerkzeuge wie Akkuschrauber, Exzenterschleifer und Handsäge. Größeres oder aufwendigeres Werkzeug übernimmt der Tischler in der Kellerwerkstatt.
Leiter des Ateliers ist Mikel Hogan, ausgebildeter Tischler und Ergotherapeut mit langjähriger Berufserfahrung. Seine Frau Heike, Beamtin im kirchlichen Dienst, unterstützt ihn als Begleiterin und Ideengeberin. Beide haben sich zusätzlich zu ehrenamtlichen Seelsorgern beziehungsweise Seelsorgerinnen qualifiziert. Das Atelier bietet Zeit und Raum zur Gestaltung, Gespräche und Kenntnisse zu Materialien. Bei Bedarf lassen sich Transport und Übernachtungsmöglichkeiten organisieren. Vor der Anmeldung und vor jedem Kurs findet ein persönliches Gespräch statt.
Das Atelier liegt in der Pillauer Straße 13, 59065 Hamm. Kontakt ist unter 0178 8599035 oder 02381 599035 sowie per E-Mail an info@sargbau-atelier.de möglich.
Mehr Individualität bei der Bestattung
Der Bundesverband Deutscher Bestatter beobachtet einen Trend zu individuelleren Bestattungen und persönlicher gestalteten Särgen. Dazu gehören bemalte oder auf andere Weise individuell veränderte Modelle. Wie viele Menschen ihren Sarg zu Lebzeiten selbst bauen, ist dem Verband allerdings nicht bekannt.
Das Erzbistum Freiburg bewertet die Umgestaltung eines Sargs zum Möbel positiv. Darin könne eine Erinnerung an die Begrenztheit des Lebens im Alltag liegen. Wittich wiederum will seine Workshops über die Region hinaus ausweiten. Das Projekt soll helfen, die Sprachlosigkeit über Tod und Trauer zu überwinden – manchmal offenbar zwischen Schleifstaub, Akkuschrauber und einer ziemlich konkreten Schublade für Winterpullover.
Der Wandel passt zu einer breiteren Entwicklung. Fast 80 Prozent der Bestattungen in Deutschland gehen inzwischen mit einer Einäscherung einher. „Ohne Friedhof“ bedeutet dabei meist nicht ohne Regeln, sondern eine Abkehr vom klassischen Sarggrab hin zu naturnahen oder technisch veränderten Formen. Die meisten Beisetzungen finden weiterhin auf Friedhöfen oder genehmigten Naturarealen statt; viele aus dem Ausland bekannte Varianten sind hierzulande nicht oder nur eingeschränkt zulässig.
Zwischen Baum, Meer und Erinnerungsdiamant
Die Feuerbestattung eröffnet unter anderem Baumbestattungen, Seebestattungen und Beisetzungen in ausgewiesenen Naturarealen. Moderne Krematorien arbeiten mit Filtern und unterliegen Vorgaben, verursachen aber weiterhin CO₂-Emissionen. Häufig genannt werden die überschaubare Organisation und die Möglichkeit einer individuellen Trauerfeier.
Bei einer Baumbestattung wird eine meist biologisch abbaubare Urne im Wurzelbereich eines Baumes beigesetzt, in genehmigten Waldarealen oder Naturfriedhöfen. Eine Einäscherung ist Voraussetzung; die klassische Grabpflege entfällt meist. Bei einer Seebestattung wird eine wasserlösliche Urne außerhalb der Küstenzone dem Meer übergeben. Auch dafür ist in der Regel eine Einäscherung nötig. Einen Grabstein gibt es nicht, die Beisetzungsposition kann dokumentiert werden.
Almwiesenbestattungen und das Verstreuen von Asche aus der Luft sind in Deutschland grundsätzlich nicht beziehungsweise nur in Ausnahmefällen zulässig. Im Ausland gibt es entsprechende Angebote. Auch die Luftbestattung aus einem Flugzeug oder Heißluftballon ist in einigen Ländern möglich, in Deutschland im Regelfall jedoch nicht.
Bei der Reerdigung beziehungsweise Humusation wird der Körper innerhalb weniger Wochen durch Wärme, Sauerstoff und Mikroorganismen in nährstoffreiche Erde umgewandelt. Das Verfahren kommt ohne fossile Brennstoffe aus, wird in Deutschland aber diskutiert und ist regional nicht flächendeckend zugelassen. Die entstandene Erde muss an einem genehmigten Ort beigesetzt werden.
Technische Verfahren bleiben ebenfalls ein Grenzbereich. Bei der alkalischen Hydrolyse, auch Aquamation genannt, werden organische Bestandteile in einem geschlossenen System mit Wasser, Wärme und Alkali aufgelöst. Die Emissionen können geringer sein als bei einer klassischen Einäscherung, zugelassen ist das Verfahren in Deutschland bislang nicht. Bei der Promession wird der Körper tiefgekühlt, mechanisch zerkleinert und getrocknet; verfügbar ist dieses Verfahren hier nicht.
Aus einem Teil der Asche kann bei einer Diamantbestattung Kohlenstoff gewonnen und zu einem Erinnerungsdiamanten verarbeitet werden. Wegen deutscher Vorgaben ist das meist nur über Anbieter im Ausland möglich. Eine vollständig emissionsfreie oder allgemein beste Lösung gibt es nicht; ökologische und persönliche Kriterien müssen gegeneinander abgewogen werden. Auch Seebestattungen verursachen durch Anfahrt und Schiffsbetrieb Emissionen, während Baumbestattungen trotz biologisch abbaubarer Urnen eine Einäscherung voraussetzen. Aquamation und Promession könnten ökologisch vorteilhaft sein, sind in Deutschland jedoch nicht zugelassen.
Persönliche Erinnerungsorte entstehen trotzdem, mit oder ohne klassisches Grab: an einem Baum oder Waldweg, am Meer, an einem Fensterplatz mit Foto, Kerze oder einem persönlichen Gegenstand. Dazu kommen individuelle Trauerfeiern mit Musik, Worten oder im kleinen Kreis. Online-Gedenkseiten, digitale Erinnerungsbäume oder gespeicherte Koordinaten einer Seebestattung erweitern die Möglichkeiten. Manche Familien besuchen einen Ort zu bestimmten Jahreszeiten, lesen gemeinsam vor oder hören Musik.
In den meisten Bundesländern gelten Friedhofs- und Beisetzungspflichten. Beisetzungen erfolgen daher meist auf Friedhöfen, in genehmigten Waldarealen oder – unter Auflagen – auf See. Einzelheiten wie Ruhezeiten, Beigaben, Beschilderung und Genehmigungen unterscheiden sich nach Bundesland und Anbieter. Eine schriftliche Willenserklärung zu Lebzeiten kann die Umsetzung eines besonderen Bestattungswunsches erleichtern.
Wer eine Baumbestattung plant, sollte den Wunsch schriftlich festhalten, einen Bestatter oder Naturfriedhof kontaktieren, Baum oder Platz auswählen, die erforderlichen Unterlagen einreichen und die Trauerfeier planen. Eine Seebestattung lässt sich über Bestatter oder Reederei organisieren; nötig sind Einäscherung und eine zugelassene wasserlösliche Urne. Üblicherweise wird eine Beisetzungsurkunde mit Koordinaten ausgestellt. Waldbestattung und FriedWald finden beide in genehmigten Waldarealen mit biologisch abbaubarer Urne statt. „FriedWald“ bezeichnet dabei einen konkreten Anbieter; Standorte, Platzarten, Regeln, Laufzeiten und Kosten unterscheiden sich.
Die Bestattungskultur entwickelt sich hin zu mehr Selbstbestimmung, individuelleren Ritualen und weniger festen religiösen Formen. Verstreut lebende Familien, veränderte religiöse Bindungen und der Wunsch nach schlichten, persönlichen und nachhaltigen Abschieden spielen dabei eine Rolle. In Freiburg bekommt dieser Wandel eine blaue Seitenwand, vier vorbereitete Griffe und, bis auf Weiteres, ein paar Bücherregale.
