Eisenzeitlicher Hof am Baderbach: Bielefelder Ausgrabung macht 2.000 Jahre Geschichte sichtbar
Auf einer kleinen Kuppe am Baderbach in Bielefeld-Stieghorst haben Archäologinnen die Überreste eines eisenzeitlichen Hofes untersucht. Erdverfärbungen im Boden markieren den Standort des vermutlich aus Holz errichteten Haupthauses: etwa 20 Meter lang, sieben Meter breit – und damit kein kleines Gebäude.
Die Siedlung wird in die Zeit zwischen dem 3. und 1. Jahrhundert v. Chr. datiert. Damit ist der Hof rund 300 Jahre älter als die benachbarte germanische Siedlung in Bielefeld-Sieker. Geleitet wurde die Ausgrabung von Angelina Friedrich und der LWL-Archäologie für Westfalen. Für Dr. Sven Spiong sprechen nahe Bäche, Quellen und fruchtbare Lössböden dafür, dass die Lage für eine Siedlung ausgesprochen günstig war.
Ein Haus mit ungewöhnlichem Grundriss
Ins Auge fällt das Haupthaus. Unter dem Dachfirst verliefen zwei Reihen von Pfosten – eine für die späte Eisenzeit typische Bauweise. Zwei gegenüberliegende Eingänge führten in einen zentralen Bereich, der das Gebäude in einen östlichen und einen westlichen Abschnitt teilte. Die Konstruktion gilt als Entwicklungsschritt zu den später bekannten germanischen Langhäusern und markiert zugleich den Beginn der späten Eisenzeit in Westfalen.
Mehrere Nebengebäude und typische Keramikscherben kamen ebenfalls ans Licht. Damit lässt sich der Platz nicht nur als einzelner Bau, sondern als Hofanlage lesen. Bei archäologischen Untersuchungen bleiben übrigens Stege in der Erde stehen. Das wirkt auf den ersten Blick etwas umständlich, hilft aber dabei, die Befunde und ihre Schichten besser zu erkennen.
Die Bewohnerinnen werden der sogenannten Eilshausener Gruppe zugerechnet. Ihre Spuren sind in Ostwestfalen und Teilen Niedersachsens nachgewiesen. Charakteristisch sind bestimmte Brandbestattungen und Grabbeigaben. Kontakte bestanden zur nordöstlichen Jastorf-Kultur sowie – ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. – zur keltischen Welt. Die Region am nördlichen Teutoburger Wald weist ohnehin eine hohe Dichte archäologischer Fundstellen auf.
Zwischen Jastorf, Kelten und Weser
Die Jastorf-Kultur war eine nordmitteleuropäische archäologische Kulturgruppe der vorrömischen Eisenzeit. Sie bestand etwa von 600 v. Chr. bis zur Zeitenwende und gilt als Vorgängerkultur der Elbgermanen. Ihr Siedlungsgebiet reichte von der westlichen Altmark bis zur Seeve bei Harburg sowie von der Aller im Süden bis nach Ostholstein und Westmecklenburg im Norden.
Feste Grenzen zwischen den einzelnen Gruppierungen gab es nicht. In zeitgleichen Karten erscheinen neben der Jastorf-Kultur unter anderem die Nordische Gruppe, die Harpstedt-Nienburger Gruppe, keltische Gruppen, die Pommerellische Gesichtsurnenkultur, die Hausurnenkultur, ost- und westbaltische Kulturgruppen, die Milogrady-Kultur und die estnische Gruppe. Die Nienburger Gruppe nahm innerhalb der Jastorf-Kultur eine Sonderstellung ein. Sie siedelte südlich der Aller-Weser-Linie bis zum Mittelgebirgsraum; auch Teile des Oldenburger Landes gehörten dazu. Im Osten grenzte ihr Gebiet an die Elbe-Saale-Gruppe.
Westlich der Seeve bis zur Nordsee lag teilweise ein Kulturformenkreis mit Schwerpunkt in Westholstein. Südniedersachsen stand zeitweise stärker unter dem Einfluss des keltisch geprägten Hessischen Berglands und Thüringens. Über das Gebiet der Nienburger Gruppe, besonders entlang der Weser, wurde vermutlich Eisentechnologie aus den Hallstattkultur-Gebieten ins norddeutsche Flachland vermittelt. Zahlreiche Hallstatt-Funde an der mittleren Weser sprechen dafür.
Die frühere Annahme, Menschen seien dafür aus Dänemark und Südschweden eingewandert, gilt inzwischen als überholt. Wahrscheinlicher wird ein Ursprung zwischen Harz und Eider angenommen; unter anderem Gewässernamen werden dafür herangezogen. Mit der keltischen Latènekultur bestand nachweislich ein intensiver kultureller Austausch. Um 500 v. Chr. erreichten Träger der Jastorf-Kultur das heutige Thüringen, den Niederrhein und Niederschlesien.
Eine Kultur wird sichtbar
Benannt ist die Jastorf-Kultur nach dem Urnengräberfeld von Jastorf bei Uelzen in Niedersachsen. Der Prähistoriker Gustav Schwantes entdeckte 1897 als 16-Jähriger in der Heitbracker Heide beim Jastorfer Moor ein unberührtes Urnengräberfeld. Gemeinsam mit seinem Bruder und zwei Freunden grub er dort 42 Urnen mit Eisen- und Bronzebeigaben aus.
Die Funde gingen an das Naturhistorische Museum Hamburg und wurden zunächst der Latènezeit zugerechnet. Schwantes bemerkte jedoch, dass sich die Beigaben deutlich von den Latène-Funden des Museums unterschieden. Weitere Gräber nördlich von Jastorf an der Ilmenau zeigten dieselben Abweichungen; im Lauf mehrerer Jahre wurden dort 160 Urnengräber gefunden.
Damit geriet die damalige Vorstellung ins Wanken, Eisen sei erst durch die keltische Latènekultur nach Norddeutschland gelangt. Schwantes kam zum Schluss, dass die Jastorf-Kultur schon vor der Latènezeit Eisen verarbeitete. Der Prähistoriker Carl Schuchhardt würdigte diese Feststellung 1935 als wissenschaftliche Leistung. Schwantes untersuchte außerdem weitere Urnenfelder in Nordostniedersachsen, darunter das Urnengräberfeld von Nienbüttel, und teilte die Kultur auf Grundlage des umfangreichen Fundmaterials in die Stufen Jastorf A, B und C ein.
| Zeitraum | Stufe | Parallele Kultur |
|---|---|---|
| 600–500 v. Chr. | Jastorf A | Hallstatt D |
| 500–400 v. Chr. | Jastorf B | Latène A |
| 400–350 v. Chr. | Jastorf C | Latène B |
| 350–120 v. Chr. | Ripdorf | Latène C |
| 120–0 v. Chr. | Seedorf | Latène D |
Bekannt sind bislang vor allem Bestattungen in Hügelgräbern, Flachgräbern und Brandgrubengräbern. Grabbeigaben sind selten und meist schlicht, Waffenbeigaben fehlen vollständig. Das Fundmaterial zeigt regionale und soziale Unterschiede – etwa bei Kleidung, Schmuck und Keramik. Die Jastorf-Kultur und die vorausgehende Nordische Bronzezeit werden als germanische beziehungsweise vorgermanische Kulturen eingeordnet. Die Nordische Bronzezeit war eigenständig und existierte parallel zur nördlichen Urnenfelderkultur; diese und die vorausgehende bronzezeitliche Tumulus-Kultur gehörten zu den prägenden vorgermanischen Kulturen.
Weitere genannte Funde stammen aus einem Fürstengrab des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Lubieszewo sowie aus einem Hortfund der Jastorf-Kultur im Landesmuseum Brandenburg. Die Forschung sieht in der Kultur eine wichtige Grundlage für spätere germanische Stämme und für die Entwicklung der germanischen Sprach- und Kulturgemeinschaft. Zum Thema gibt es außerdem ein Video zur Ausbreitung der „Ur-Germanen“ einschließlich der Jastorf-Kultur sowie eine umfangreiche Literaturliste.
Ein viel älterer Hinweis im Boden
Zwischen den eisenzeitlichen Spuren lag auch eine fein gearbeitete, bearbeitete Pfeilspitze aus Feuerstein. Sie ist älter als der Hof und weist darauf hin, dass der Platz bereits vor rund 4.000 Jahren genutzt wurde. Auf der Anhöhe nahe dem Baderbach trafen also nicht nur Hofbau, Landwirtschaft und Fernkontakte zusammen; der Ort trägt Spuren einer deutlich längeren Geschichte.
Die fruchtbaren Lössböden dürften die Landwirtschaft begünstigt haben, nahe Gewässer sicherten Wasser und Orientierung. Ein paar Jahrtausende später ist davon oberirdisch kaum etwas zu sehen – nur die Verfärbungen im Erdreich, Keramikscherben, Pfostenabdrücke und diese kleine Feuersteinklinge. Quelle der archäologischen Angaben ist der Landschaftsverband Westfalen-Lippe.
