In Emden soll an der Nordseeküste ein neuer Marinestützpunkt entstehen. Am 5. Oktober 2026 unterzeichneten Verteidigungsminister Boris Pistorius und Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies dafür eine Absichtserklärung. Die Investition dürfte mehrere Milliarden Euro kosten. Läuft alles reibungslos, könnte der Stützpunkt Anfang der 2030er-Jahre fertig sein.

„Emden wird wieder ein Standort der deutschen Marine“, erklärte Pistorius. Bis 1997 gab es dort bereits einen Marinestützpunkt. Langfristig könnten bis zu 2.000 militärische und zivile Dienstposten entstehen. Für die Stadt wäre das ein kräftiger Schub – für den Hafen, für Arbeitsplätze und für die wirtschaftliche Entwicklung der Region, wie Oberbürgermeister Tim Kruithoff betonte.

Große Flächen, kurze Wege zum Atlantik

Das Verteidigungsministerium entschied sich nach eigenen Angaben wegen der großen verfügbaren Flächen und der günstigen geografischen Lage. Emden bietet Zugang zum Nordatlantik. Geplant ist der Hafen auf dem Rysumer Nacken westlich der Stadt an der Ems, einer landeseigenen Hafenerweiterungsfläche. Das Land will sie an den Bund verkaufen; bislang waren dort zivile Nutzungen vorgesehen.

Der Flächenbedarf ist beträchtlich: Voraussichtlich werden bis zu 450 Hektar benötigt, also ungefähr 630 Fußballfelder. Möglich sind nach bisherigen Angaben auch 400 oder 430 Hektar. Was genau dort stationiert werden soll, ist noch nicht abschließend geplant. Voraussichtlich geht es um Versorgungs- und Unterstützungsschiffe.

Emden wäre neben Heppenser Groden in Wilhelmshaven der zweite deutsche Marinestützpunkt an der Nordseeküste. Pistorius verspricht sich davon mehr Flexibilität und Mobilität, zusätzliche operative Möglichkeiten und eine geringere Vorhersagbarkeit der Marine in Krisen oder Konflikten. Das Stützpunktnetz soll gemeinsam mit zusätzlichem Personal, Kriegsschiffen und neuen Fähigkeiten wachsen – vor allem mit Blick auf NATO-relevante Einsätze und Missionen.

Der Bedarf ist aus Sicht des Ministers dringend. Die deutsche Marine sei derzeit so klein wie seit der Gründung der Bundeswehr nicht mehr, müsse aber zugleich umfangreichere und intensivere Aufgaben erfüllen. Wilhelmshaven ist derzeit der größte Bundeswehrstandort Deutschlands. Neben dem Marinehafen liegen dort unter anderem ein Marinearsenal und ein Logistikzentrum. Im Marinestützpunkt ist die Einsatzflottille 2 mit Fregatten, Einsatzgruppenversorgern und Flottentankern stationiert.

Naturschutz und Konkurrenz aus Bremerhaven

Vor der Entscheidung wurden weitere Orte geprüft, darunter Bremerhaven. Dort werden bereits militärische Güter umgeschlagen, etwa bei Truppentransporten und Verlegeübungen. Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte sagte, Bremerhaven hätte den Zuschlag gern erhalten. Die Entscheidung für Emden sei jedoch militärisch-strategisch begründet.

Auch Cuxhaven soll zu den fünf Standorten gehört haben, die besichtigt wurden. Holger Banik, Geschäftsführer der niedersächsischen Hafeninfrastrukturgesellschaft NPorts, berichtete von mehreren möglichen Standorten. Nach seinen Angaben blieben neben Cuxhaven weiterhin mehrere Orte im Rennen, darunter Emden und Bremerhaven.

Inzwischen ist die politische Richtung klarer, die planerische Arbeit aber noch lange nicht erledigt. Umfangreiche Planungen und Genehmigungen stehen aus. Der Naturschutzbund Ostfriesland warnt vor der Aufgabe des Rysumer Nackens. Das Gebiet sei Lebensraum seltener Pflanzen- und Tierarten und ein „Hotspot der Artenvielfalt“. Bei Veranstaltungen demonstrierten etwa zwölf Menschen gegen den Marinehafen. Sie kritisierten eine mögliche Militarisierung und die Zerstörung des Natur- und Naherholungsgebiets.

Lies verwies auf Emdens maritime Tradition und die Erfahrung Niedersachsens bei großen Infrastrukturprojekten. Der Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe sieht in dem Vorhaben ein Signal für leistungsfähige Seehäfen und für Deutschlands Rolle als militärische Drehscheibe Europas. Auf dem Rysumer Nacken treffen damit große Erwartungen und ziemlich handfeste Sorgen aufeinander.

Neue Rüstungsproduktion in Leipzig

Ebenfalls am 5. Oktober eröffnete das US-Rüstungsunternehmen Covenant nördlich von Leipzig eine Produktionsanlage für Langstrecken-Marschflugkörper. Ab 2027 soll dort das System „Anthem“ hergestellt werden. Im ersten Jahr will Covenant etwa 1.000 Raketen produzieren, im zweiten Jahr soll die Menge auf 5.000 steigen.

CEO Michael Kaufman bezeichnete Leipzig als künftig weltweit größte Anlage des Unternehmens und als Zulieferstandort für Kunden in Europa. Genutzt wird eine angemietete Gewerbefläche von mehr als 10.000 Quadratmetern. Im Vollbetrieb sollen mehrere hundert Menschen dort arbeiten; allein die Produktionslinie könnte rund 250 Arbeitsplätze schaffen. Covenant betreibt außerdem ein Werk in Dallas und eine Produktionsstätte in Israel.

„Anthem“ ist ein weitreichender Marschflugkörper mit einem 200 Kilogramm schweren Gefechtskopf. Entwickelt wurde das System für Präzisionsangriffe auf wichtige Ziele tief im gegnerischen Gebiet hinter den Frontlinien. In Leipzig sollen die Raketen montiert werden. Mit Sprengstoff oder Gefechtsköpfen werden sie dort nicht bestückt; das soll später in den Anlagen der jeweiligen Kunden geschehen.

Noch kann die Leipziger Fabrik allerdings nicht loslegen. Zunächst müssen unter anderem behördliche Verfahren abgeschlossen und die Genehmigung für die Umwandlung der bisherigen Lagerfläche in eine Produktionsstätte eingeholt werden. Während in Emden also Flächen vermessen und Nutzungskonflikte diskutiert werden, wartet man in Leipzig noch auf den formalen Startschuss.

Ausbau der militärischen Infrastruktur

Der geplante Marinehafen und die Leipziger Anlage stehen im Zusammenhang mit Deutschlands Plänen zum Ausbau der Streitkräfte. Die Marine soll wachsen, mehr Schiffe und neue Fähigkeiten erhalten, zugleich wird nach zusätzlichen Standorten für Unterstützung und NATO-Einsätze gesucht. Lange war an der Nordseeküste nur Heppenser Groden in Wilhelmshaven der eigene Marinestützpunkt der Marine.

Marine und Bundesverteidigungsministerium hatten die Suche nach einem weiteren Standort gegenüber der Deutschen Presse-Agentur bestätigt. Zu den Kriterien und zum Auswahlverfahren machten die Behörden zunächst keine Angaben; Prüfungen und Entscheidungsprozesse waren laut Verteidigungsministerium noch nicht abgeschlossen. Mit der Absichtserklärung für Emden liegt nun eine politische Festlegung vor – die Bauplanung, Genehmigungen und der Umgang mit dem Rysumer Nacken bleiben trotzdem offen.