Deutschlands Energiewende bekommt Rückenwind – im wörtlichen Sinn, aber nicht überall gleich stark. Bis 2030 sollen 80 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen. Dafür gelten ambitionierte Ausbauziele: Die Windkraft soll bis 2030 eine Leistung von 145 Gigawatt erreichen, bis 2045 sogar 230 Gigawatt. Bei der Solarenergie sind 215 Gigawatt bis 2030 und 400 Gigawatt bis 2045 vorgesehen.

Auf den Baustellen, in Genehmigungsbehörden und bei Netzbetreibern zeigt sich allerdings ein gemischtes Bild. Die jährlichen Ausbauziele für Windkraft wurden in der Vergangenheit verfehlt. 2025 wurde dann so viel Windkraftleistung genehmigt wie noch nie. Das könnte reichen, damit Deutschland den Zielpfad für 2030 doch noch erwischt – sicher ist das nicht.

Windkraft: Der Norden liegt vorn

Für die Auswertung werden Daten der Bundesnetzagentur und des Marktstammdatenregisters herangezogen. Das Register enthält Angaben zu Kraftwerken und Batteriespeichern. Die Betreiber tragen ihre Anlagen selbst ein, weshalb Ungenauigkeiten möglich sind. Für langfristige Bewertungen dienen deshalb zusätzlich Berichte der Bundesnetzagentur.

Regional ist die Sache ziemlich klar verteilt. Niedersachsen besitzt insgesamt die höchste Windkraftleistung, Schleswig-Holstein führt bei der Leistung pro Quadratkilometer. Fast 40 Prozent der deutschen Windkraftleistung stehen in den norddeutschen Bundesländern – obwohl diese zusammen weniger als 20 Prozent der deutschen Fläche ausmachen. Nordfriesland ist der Landkreis mit der höchsten installierten Windkraftleistung. Emden kommt bezogen auf seine Fläche auf fast das Zehnfache des deutschen Durchschnitts.

Mecklenburg-Vorpommern liegt bei der Windkraft sowohl insgesamt als auch pro Fläche im bundesweiten Mittelfeld. Zuletzt wurden dort nur wenige neue Windräder errichtet, zugleich ist die Zahl der Genehmigungen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Der Norden profitiert von stärkeren Windverhältnissen. Das merkt man nicht nur an der frischen Brise auf dem Deich, sondern auch in den Statistiken.

Politik spielt ebenfalls eine Rolle. In Bayern gelten besonders große Mindestabstände zu Siedlungen. Dadurch stehen dort weniger Flächen für Windkraftanlagen zur Verfügung. Im Februar 2023 entfielen je 100 Quadratkilometer durchschnittlich 47,3 Megawatt auf Schleswig-Holstein, aber nur 3,7 Megawatt auf Bayern. Baden-Württemberg kam auf 4,9 Megawatt, Sachsen auf 7,1 Megawatt. Das Nordwest-Südost-Gefälle war damals deutlich sichtbar.

In Gegenden mit geringer installierter Leistung waren im Februar 2023 nicht automatisch besonders viele Anlagen geplant. Auch die Karte der geplanten, aber noch nicht in Betrieb befindlichen Windräder ähnelte weitgehend der Karte der bestehenden Anlagen. Hermann Albers, Präsident des Bundesverbands Windenergie, bezeichnete die Situation im Süden und Südosten Ende Februar 2023 als „Armutszeugnis“ und „Totalausfall“.

Eine weitere Karte zeigte die im Februar 2023 geplanten größeren Windkraftanlagen in Mitteldeutschland. Angegeben wurden unter anderem die Standorte sowie geplante oder ursprünglich vorgesehene Inbetriebnahmetermine. Der Papierberg hinter einem Windrad ist manchmal fast so groß wie das Fundament.

Neue Pläne, alte Verzögerungen

Die Bundesregierung setzte für 2030 Ziele von 115 Gigawatt Windkraft an Land und 30 Gigawatt Windkraft auf See. Wirtschaftsminister Robert Habeck stellte am 21. Februar neue Pläne für eine beschleunigte Energiewende vor. Vorgesehen waren neue Förderprogramme sowie schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren.

Nach 2017 stagnierte der Windkraftausbau sowohl an Land als auch auf See. 2021 wurde vor Deutschlands Küsten kein neues Windrad in Betrieb genommen. Das Wind-auf-See-Gesetz trat am 1. Januar 2023 in Kraft, das Wind-an-Land-Gesetz am 1. Februar 2023.

MDR WISSEN berechnet auf Basis dieser Stichtage den bisher durchschnittlichen täglichen Zubau, den erforderlichen täglichen Zubau bis 2030 und das Verhältnis zwischen tatsächlichem und notwendigem Ausbautempo. Ein Wert von 100 Prozent bedeutet, dass der Ausbau genau dem Zielpfad entspricht. In den Grafiken markiert die rote Linie das notwendige Ausbautempo, die türkise Kurve die tatsächlich in Betrieb genommene Leistung. Die gelbe Kurve zeigt zusätzlich geplante, aber noch nicht in Betrieb befindliche Anlagen.

Die Differenz zwischen bereits betriebenen und geplanten Anlagen umfasst Windräder, die über den Status „in Planung“ noch nicht hinausgekommen sind. Gründe für Verzögerungen sind unter anderem langsame Genehmigungsverfahren und Schwierigkeiten beim Transport. Weitere Grafiken zeigen die aktuell in der Warteschleife befindliche Windkraftleistung, die Wartezeit geplanter Anlagen bis zur Inbetriebnahme und die Zahl überfälliger Anlagen nach Bundesland. Eine geringe Zahl wartender Anlagen bedeutet dabei nicht zwangsläufig reibungslose Verfahren; vielleicht sind dort einfach insgesamt nur wenige Anlagen geplant.

Auf See verteilt sich die Offshore-Windkraft ungleich über Nord- und Ostsee. Stand Februar 2023 waren in der Nordsee 0,96 Gigawatt zusätzlicher Zubau geplant, in der Ostsee 0,66 Gigawatt. Eine interaktive Karte zeigte die vorgesehenen Standorte. Ein neuer Nordsee-Windpark sollte mit 64 geplanten Anlagen fast ein Gigawatt Leistung erreichen. Dafür waren erstmals in Deutschland Windkraftanlagen mit jeweils 15 Megawatt Leistung vorgesehen. Bis dahin war hierzulande noch keine Anlage mit zehn Megawatt Nennleistung in Betrieb.

Solarstrom kommt aus dem Süden

Bei der Solarenergie ist die regionale Verteilung umgekehrt. In den sonnenreicheren süddeutschen Bundesländern wird mehr Solarenergie erzeugt. Bayern und Baden-Württemberg verfügen über die höchste Solarleistung, Niedersachsen liegt auf Platz vier. Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein stehen auf den Plätzen zehn und elf.

Gleichmäßiger als bei der Windkraft verteilt sich die Photovoltaik trotzdem. Alle deutschen Landkreise verfügen über größere Solaranlagen. Bei der Windkraft gibt es dagegen zahlreiche Landkreise mit wenigen oder gar keinen Anlagen.

2025 erzeugten Photovoltaikanlagen 91,6 Milliarden Kilowattstunden Strom, nach 75,9 Milliarden Kilowattstunden im Jahr 2024. Das war ein Anstieg von über 21 Prozent. Hohe Sonneneinstrahlung und der Zubau neuer Anlagen halfen kräftig nach. Neu installiert wurden 2025 etwa 17.600 Megawatt, nach 18.300 Megawatt im Rekordjahr 2024. Innerhalb von fünf Jahren verdoppelte sich die installierte PV-Leistung; Ende 2025 lag sie bei knapp über 120.000 Megawatt.

Speicher für windstille und wolkige Tage

Wind- und Solarstrom haben einen kleinen Haken: Sie richten sich nicht nach dem Strombedarf. Weht der Wind kräftig und knallt gleichzeitig die Sonne auf die Dächer, entsteht Überschuss. Bei Flaute und Wolken fehlt dagegen Energie. Batteriespeicher können Strom aufnehmen und später wieder abgeben.

Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme schätzt den Speicherbedarf für 2030 auf 104 Gigawattstunden. Ende 2025 waren in Deutschland Batteriespeicher mit rund 25 Gigawattstunden Kapazität vorhanden. Ende 2020 waren es erst 2,3 Gigawattstunden. Weitere große Batteriespeicher befinden sich derzeit im Bau. Für die Abkehr von fossilen Energieträgern gelten Speicher als notwendig; langfristig geht es dabei um Speicherkapazitäten im Terawattbereich.

2022 stagnierte der tatsächliche Anteil der Windkraft am deutschen Strommix, während die Photovoltaik zulegte. In sonnen- und windarmen Phasen blieben Kohle und Gas wichtige Stromquellen. Der EE-Monitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung dokumentiert den Ausbau erneuerbarer Energien und dessen Auswirkungen auf die Natur. Forschende untersuchten etwa, wie Offshore-Windparks Meeresklima und Planktonproduktion beeinflussen.

Eine Oxford-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass ein schneller Übergang zu sauberer Energie langfristig Kosten senken könne. Daneben geht es um mögliche Auswirkungen von Windkraftanlagen auf Dürre und Wetter, vertikale Windturbinen für Hausdächer und ungenutztes Wasserkraftpotenzial weltweit. Das GeoForschungsZentrum Potsdam schätzt das Potenzial der Erdwärme in Deutschland nach der Auswertung vorhandener Wärmestromdaten um etwa 20 Prozent höher ein als bisher angenommen.

Was die Zahlen für Strom, Wärme und Verkehr zeigen

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