Finnland stoppt Googles Rechenzentrumsbau wegen Rodungen ohne Umweltprüfung
Finnische Behörden haben die Arbeiten an zwei geplanten Google-Rechenzentren in Muhos und Kajaani vorerst stoppen lassen. Bis die vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitsprüfungen abgeschlossen sind, darf dort nicht weitergemacht werden. Die Aufsichts- und Genehmigungsbehörde LVV ordnete an, spätestens bis zum 23. Oktober 2026 alle vorbereitenden Maßnahmen einzustellen, die die Umwelt erheblich verändern.
Der Schritt trifft Googles geplanten Ausbau der Rechenzentrumsinfrastruktur in Nordfinnland. Im September hatte der Konzern Investitionen von 13 Milliarden Euro an vier finnischen Standorten für die kommenden zwei Jahre angekündigt – nach eigenen Angaben die bislang größte Einzelinvestition von Google in Europa. Neue Rechenkapazitäten sollen vor allem Cloud- und KI-Anwendungen unterstützen.
Rodungen ohne abgeschlossene Umweltprüfung
Die LVV prüft, ob in den beiden Gebieten Hunderte Hektar Wald gerodet wurden, ohne dass zuvor die verpflichtende Umweltverträglichkeitsprüfung abgeschlossen war. In Muhos soll Googles finnische Vertretung Tuike Finland Oy rund 330 Hektar Wald gerodet haben. Für Kajaani ist von knapp 200 Hektar abgeholzter Fläche die Rede. Der Finnische Naturschutzverband erklärte, die Flächen seien zu „Sand“ geworden.
Hanna Halmeenpaa, Vorsitzende des Finnischen Naturschutzverbands, sprach davon, dass in einem Gebiet von mehr als 300 Hektar Naturflächen gerodet worden seien, die erhalten bleiben sollten. Tapani Veistola vom Verband bezeichnete die Vorgänge an beiden Standorten als mögliches „systemisches Problem“. In Muhos sei der Standort nach seiner Einschätzung kein Wald mehr, sondern eine Sandfläche. Die schnellen Arbeiten führt Veistola unter anderem auf die hohe Nachfrage nach Rechenzentren in Finnland und fehlende Fachkenntnisse in kleinen Gemeinden zurück.
LVV-Umweltabteilungsleiter Tommi Muilu listete bereits ausgeführte Arbeiten auf: Bäume wurden gefällt, Mutterboden beziehungsweise Oberboden abgetragen, Baustraßen sowie Zufahrts- und Erschließungsstraßen gebaut und Lagerflächen angelegt. Außerdem seien Entwässerungsgräben verändert worden. Solche Maßnahmen veränderten die Umwelt und verursachten Auswirkungen, die im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung ermittelt und bewertet werden müssten, erklärte Muilu.
Google räumt Versäumnisse ein
Google-Sprecher Sondre Ronander erklärte, das Unternehmen verstehe die Bedenken und sei in diesem Fall hinter seine eigenen hohen Standards zurückgefallen. Google habe in gutem Glauben gehandelt, nach dem Forstgesetz vorgehen wollen, Naturerhebungen durchgeführt und besonders wertvolle Gebiete geschützt. Zugleich werde der Konzern die Feststellungen der LVV prüfen und deren Vorgaben befolgen.
Tuike Finland muss der Behörde bis spätestens 14. Oktober darlegen, wie das Unternehmen weiter vorgehen will. Nach den Angaben der LVV ist außerdem bis zum folgenden Mittwoch eine schriftliche Stellungnahme zu übermitteln. Die Umweltverträglichkeitsprüfung läuft noch und soll später im Jahr abgeschlossen werden. Sollte Google die Anordnung nicht befolgen, kann die LVV Vollstreckungsmaßnahmen, Zwangsmaßnahmen und ein Bußgeld einleiten.
Google arbeitet nach eigenen Angaben bereits an Landschafts- und Biodiversitätsplänen. Dazu gehört unter anderem das Pflanzen von Bäumen auf 130 Hektar in Muhos. Finnlands Umwelt- und Klimaministerin Sari Multala bezeichnete den Vorgang als ernst. Die Projekte könnten sich wegen der Probleme mit den Umweltprüfungen verzögern, sagte sie – und betonte, dass alle in Finnland tätigen Unternehmen die gesetzlichen Vorgaben einhalten müssten.
Finnland als Rechenzentrumsstandort
Der Streit fällt in eine Phase, in der Finnland einen regelrechten Boom bei Rechenzentren erlebt. Das kühle Klima und eine vergleichsweise stabile, günstige Stromversorgung machen das Land für Betreiber attraktiv. Gleichzeitig sorgen der hohe Strom- und teilweise auch Wasserverbrauch solcher Anlagen regelmäßig für Debatten über ihre Umweltauswirkungen.
Google ist in Finnland längst präsent: 2009 erwarb der Konzern eine ehemalige Papierfabrik in Hamina und baute sie zu einem Rechenzentrum um. Seither wurde die Präsenz im Land schrittweise ausgebaut. Nun steht der nächste große Schritt in Muhos und Kajaani wegen der offenen Umweltfragen auf der Bremse – zumindest vorerst.
