Die Hochtief-Aktie ist am Mittwoch um 2,3 Prozent auf 401,00 Euro gefallen. Unternehmensspezifische Nachrichten lagen laut dem Bericht nicht vor. Der Rückgang passte vielmehr zum schwächeren europäischen Gesamtmarkt, der von steigenden Ölpreisen und höheren Anleiherenditen – besonders bei französischen Staatsanleihen – belastet wurde. Die Risikobereitschaft der Anleger nahm dadurch ab. Auch DAX und MDAX starteten schwächer.

Auf Jahressicht sieht das Bild für Hochtief dennoch deutlich freundlicher aus: Trotz des Tagesverlusts liegt die Aktie seit Jahresbeginn rund 20 Prozent im Plus. Dazu passt eine Reihe langfristiger Aufträge, die die Projektpipeline des Konzerns erweitern – vom britischen Nuklearstandort bis zu Rechenzentren und Bergbauprojekten in mehreren Ländern.

15 Jahre Perspektive für Sellafield

Am 30. September wurde HOCHTIEF von Sellafield Ltd. für Los 2 des PACE-Rahmenvertrags ausgewählt. PACE steht für „Project and Asset Care Execution“ und betrifft den Betrieb, die Instandhaltung und die Weiterentwicklung des britischen Nuklearstandorts Sellafield. HOCHTIEF Infrastructure unterstützt dabei Los 2, dessen Schwerpunkt auf spezialisierten Nuklearanlagen sowie Stilllegungsprojekten im Bereich „Special Nuclear Materials“ liegt.

Der geschätzte Gesamtwert beträgt rund 1,5 Milliarden britische Pfund beziehungsweise etwa 1,75 Milliarden Euro. Der Vertrag läuft bis zu 15 Jahre: Vorgesehen ist eine neunjährige Grundlaufzeit, ergänzt um eine Option auf sechs weitere Jahre. PACE ersetzt die bisherigen Rahmenverträge „Integrated Asset Care“ und „Design Service Alliance“.

Auf der Baustelle beziehungsweise im laufenden Anlagenbetrieb geht es um Instandhaltung, Modernisierung und Weiterentwicklung kerntechnischer Anlagen. HOCHTIEF übernimmt unter anderem Planung und Beschaffung, Installation und Inbetriebnahme, Anlagenpflege sowie Projektmanagement und Projektsteuerung. Ein großer Teil der Arbeiten findet im laufenden Betrieb und in strahlenschutzüberwachten Bereichen statt – kein Job für Leute, die bei jedem Warnschild erst einmal tief durchatmen müssen.

Mit dem Auftrag knüpft HOCHTIEF an seine bestehende Beteiligung an der „Infrastructure Delivery Partnership“ von Sellafield an. Der Konzern erweitert damit seine Aktivitäten im Nuklearsektor und seine Präsenz in Großbritannien. Nach eigenen Angaben verfügt HOCHTIEF über mehr als 70 Jahre Erfahrung im gesamten Lebenszyklus kerntechnischer Anlagen – von Planung und Bau über Modernisierung und Betrieb bis zum Rückbau.

Der Nuklearsektor zählt bei HOCHTIEF neben digitaler Infrastruktur, Energie, Verteidigung und kritischen Mineralien zu den strategischen Wachstumsmärkten. Der Rahmenvertrag soll qualifizierte Arbeitsplätze sichern, lokale Unternehmen stärken und die regionale Lieferkette in West Cumbria fördern. Außerdem sollen Kompetenzen und Fachwissen im Nuklearbereich ausgebaut werden. Davon erhofft man sich Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung der Grafschaft Cumbria und für das britische Nuklearprogramm.

Sellafield Ltd. erklärte, die Vereinbarung solle den sicheren und effizienten Anlagenbetrieb sowie die langfristige Zukunftsfähigkeit des Standorts unterstützen. Das klingt nüchtern, ist angesichts der Geschichte und Größe der Anlage aber ein ziemlich großer Anspruch.

Weitere Aufträge von Turner und CIMIC

Auch die US-Tochter Turner hat einen neuen Rahmen: Das US-Luftwaffenministerium wählte sie als einen von acht Auftragnehmern für das FARM-III-Programm aus. Die gemeinsame Obergrenze des Rahmenvertrags liegt bei 900 Millionen US-Dollar. Er läuft bis zum 4. September 2034.

Aus Australien meldete die Hochtief-Tochter CIMIC mehrere weitere Aufträge. Sedgman erhielt von KGL Resources den Auftrag für Planung, Beschaffung und Bau einer Aufbereitungsanlage beim Jervois-Kupferprojekt in Australien. Leighton Asia gewann ein Rechenzentrumsprojekt in Hongkong. Thiess verlängerte zudem den Dienstleistungsvertrag für das Okvau-Goldprojekt in Kambodscha um zwei Jahre.

Langfristige Aufträge und Vertragsverlängerungen dieser Art geben der Projektpipeline mehr Breite. Nuklearanlagen in Großbritannien, militärische Infrastruktur in den USA, digitale Infrastruktur in Hongkong und Rohstoffprojekte in Australien und Kambodscha liegen geografisch weit auseinander – für einen international aufgestellten Baukonzern ist genau diese Mischung der Kern des Geschäfts.

Ein Standort mit schwerem historischen Gepäck

Sellafield liegt an der Irischen See nahe Seascale in der Grafschaft Cumbria im Nordwesten Englands, bei 54°25′7″ N, 3°29′51″ W. Der Eigentümer ist die Nuclear Decommissioning Authority, kurz NDA; Betreiber ist Sellafield Ltd. Der Nuklearkomplex hieß früher Windscale beziehungsweise Windscale Works und ist heute weitgehend stillgelegt.

Entstanden ist der Standort ab den späten 1940er-Jahren auf dem Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik. Windscale diente sowohl dem britischen zivilen Nuklearprogramm als auch der Herstellung waffenfähigen Plutoniums für das britische Kernwaffenprogramm. Großbritannien testete 1957 seine erste erfolgreiche thermonukleare Waffe, 1958 folgte ein neues Nuklearabkommen mit den USA. Seit den 1970er-Jahren wurde der Standort organisatorisch von British Nuclear Fuels, BNFL, verwaltet. Um 1981 wurde aus Windscale der überwiegend kommerziell ausgerichtete Komplex Sellafield.

Ab etwa 1980 bot der Standort auch internationale Dienstleistungen an, darunter die Wiederaufarbeitung und Verglasung radioaktiver Abfälle für Kunden in Deutschland und weiteren Ländern. Zum weitläufigen Gelände gehören beziehungsweise gehörten die Windscale-Reaktoren 1 und 2, das Kernkraftwerk Calder Hall, der Windscale Advanced Gas-Cooled Reactor, kurz WAGR, die Wiederaufarbeitungsanlagen B204 und B205, die MOX Demonstration Facility, THORP zur Wiederaufarbeitung oxidischer Brennelemente, die Sellafield MOX Plant, die Windscale Vitrification Plant, Speicher- und Abklingbecken, Laboratorien sowie Abwasserbehandlungsanlagen.

Die luftgekühlten, graphitmoderierten Windscale-Reaktoren „Pile 1“ und „Pile 2“ wurden Ende der 1940er-Jahre als Produktionsreaktoren für Plutonium-239 errichtet. Reaktor 1 lief von 1951 bis 1957, Reaktor 2 von 1952 bis 1957; Strom für das öffentliche Netz erzeugten beide nicht. Der WAGR wurde 1958 fertiggestellt, hatte 24 MW Netto- und 36 MW Bruttoleistung, ging am 1. März 1963 kommerziell in Betrieb und wurde am 3. April 1981 stillgelegt. Nach einer mehr als 20-jährigen Rückbaukampagne war er 2011 vollständig außer Betrieb.

Calder Hall speiste ab 1956 als erstes westliches Kernkraftwerk Strom in ein öffentliches Stromnetz ein. Das sowjetische Kernkraftwerk Obninsk war allerdings bereits 1954 in Betrieb gegangen. Die vier Kühltürme von Calder Hall wurden 2007 abgerissen, der Abluftturm von Windscale-Reaktor 2 im Jahr 2001. Der etwa 125 Meter hohe Turm von Reaktor 1 war 2023 noch sichtbar und befand sich im aktiven Rückbau. Begonnen hatte der Abbau im Februar 2019; 2022 war der viereckige Luftverteiler entfernt und zerlegt.

Feuer, Abfälle und ein Rückbau bis weit ins nächste Jahrhundert

Am 10. Oktober 1957 brach in Windscale-Reaktor 1 ein Feuer aus. Mehrere Löschversuche blieben erfolglos, ehe der Brand am 11. Oktober durch Wasser und das Abschalten der Luftzufuhr gelöscht wurde. Radioaktive Stoffe wurden in erheblichem Umfang freigesetzt; rückwirkend wird der Unfall mit INES 5 bewertet. Die britische Regierung verhängte vorübergehend ein Verbot für den Verzehr von Milch aus der Umgebung. Die Schwere des Unfalls wurde zunächst nur eingeschränkt öffentlich kommuniziert. Beide Windscale-Reaktoren wurden danach stillgelegt, Reaktor 1 war durch eine unerwartete Ansammlung von Wigner-Energie irreparabel beschädigt.

THORP verarbeitete bis 2018 abgebrannte Brennelemente aus britischen und ausländischen Reaktoren. Zu den ausländischen Kunden gehörten unter anderem Deutschland, Italien, Japan, die Schweiz und die Niederlande; organisiert wurden die Transporte von Nuclear Transport Solutions. THORP soll bis 2070 zur Lagerung von Brennelementen genutzt werden. In der Magnox-Wiederaufarbeitungsanlage B205 wurde am 17. Juli 2022 die