Die mehr als 110 Jahre alte Rheinstraßenbrücke in Darmstadt ist stark marode. Noch können Züge darunter hindurchfahren – doch wie lange, ist offen. Eine kurzfristige Sperrung wegen Baufälligkeit ist laut dem vorliegenden Bericht nicht ausgeschlossen. Für Pendler, Bahnreisende und den Darmstädter Verkehr wäre das ein harter Einschnitt.

Darmstadts Mobilitätsdezernent Wandrey bezeichnet die Lage als „äußerst prekär“. Im November ist die nächste Prüfung des Bauwerks vorgesehen. Bis dahin bleibt die unangenehme Frage im Raum, ob die Brücke den Zugverkehr weiterhin trägt oder ob plötzlich Schluss ist.

Geplanter Neubau, gestrichene Sperrpausen

Die Deutsche Bahn plant den Abriss und Ersatzneubau der Brücke. An Verlässlichkeit hat sie laut Artikel allerdings verloren: Alle geplanten Sperrpausen für den Neubau wurden gestrichen. Damit verschiebt sich das Projekt weiter, obwohl der Zustand des Bauwerks längst keinen entspannten Umgang mehr erlaubt.

Der Bericht fordert deshalb, die Erneuerung nicht weiter aufzuschieben und das Vorhaben zur Chefsache zu machen. Das klingt groß – ist angesichts der möglichen kurzfristigen Sperrung aber ziemlich bodenständig. Unter der Brücke rollen weiterhin Züge, oben und rundherum läuft der Alltag, während die Unsicherheit mitfährt.

Im Hintergrund steht auch die öffentliche Kritik an Zugausfällen und Verspätungen der Deutschen Bahn während der Fußball-Europameisterschaft 2024. Philipp Nagl, damals Infrastrukturvorstand der Bahn, räumte ein, dass die Kritik trotz ihrer groben Form berechtigt sei. Er kündigte an, die Leistungsfähigkeit der Bahn verbessern zu wollen. Die aktuelle Situation rund um die Darmstädter Brücke wirkt daneben wie ein ziemlich ernüchternder Praxistest dieser Ankündigung.

Milliarden im Netz, aber der Stau bleibt

Der Blick über Darmstadt hinaus zeigt, wie groß die Aufgabe ist. 2025 wurden rund 19,9 Milliarden Euro in die Sanierung des deutschen Schienennetzes investiert. Nach Angaben von Philipp Nagl, inzwischen Chef der Infrastrukturtochter DB InfraGo, beträgt der Sanierungsstau dennoch rund 130 Milliarden Euro.

Für 2026 sind Investitionen von 23 Milliarden Euro und rund 28.000 Baustellen geplant. Die Bahn-Manager erwarten, dass sich der Zustand des Netzes dadurch zumindest leicht verbessert. Außerdem sollen 2026 vier Generalsanierungen besonders wichtiger Strecken abgeschlossen werden. Leicht verbessert – das klingt angesichts der Summen fast bescheiden.

Im Netzzustandsbericht unterscheidet die Bahn zwischen rund 9.000 Kilometern Hochleistungsnetz und rund 24.000 Kilometern Flächennetz. Das Hochleistungsnetz erhielt die Zustandsnote 3,04, das Flächennetz die Note 2,96. Für einen guten Betrieb sollte das Hochleistungsnetz laut Nagl eine Note von etwa 2,5 bis 2,6 erreichen.

Brücken, Stellwerke und der nächste Prüfpunkt

Anlagen mit der Note 4 oder schlechter gelten als erneuerungsbedürftig. Besonders schlecht schneiden weiterhin die Stellwerke ab: Im Gesamtnetz erhielten sie die Note 4,02. Gegenüber dem Vorjahr ist das zwar eine Verbesserung um 0,1 Punkte, doch etwa jedes zweite der rund 4.000 Stellwerke ist nach Angaben der Bahn erneuerungsbedürftig.

Stellwerke steuern unter anderem Weichen und Signale und sind für einen sicheren Zugbetrieb erforderlich. Wenn dort der Zahn der Zeit nagt, geht es also nicht um ein kleines Schönheitsproblem am Rand, sondern um Abläufe, die jeden Zug betreffen können.

Brücken mit hohem Wiederbeschaffungswert kamen auf die Note 2,64; 2024 lag sie bei 2,78. Die Darmstädter Rheinstraßenbrücke ist damit nicht automatisch beschrieben, ihr Alter und ihr maroder Zustand machen den anstehenden Termin im November aber umso wichtiger. Bis dahin bleibt der Zugverkehr unter dem alten Bauwerk möglich – vorerst.