Memmingens Klinikneubau heizt schon in der Bauphase mit Fernwärme
Auf der Baustelle des Klinikneubaus im Norden Memmingens ist die Wärmeversorgung bereits angelaufen. Seit dem 1. Oktober 2026 wird der Neubau während der Bauphase mit Fernwärme beheizt. Die Wärme kommt aus dem Heizwerk Memmingen Nord und gelangt über das Fernwärmenetz der e-con AG zur Baustelle.
Für die Wintermonate ist das mehr als eine technische Zwischenlösung. Eine eigene, vorübergehend eingerichtete Ölheizung ist nicht nötig. Vorgesehen ist die Fernwärmeversorgung für die Heizperioden 2026/27 und 2027/28. Rund 4.400 Megawattstunden Wärme braucht die Bauheizung pro Heizperiode – eine ordentliche Menge, auch wenn auf einer Baustelle naturgemäß noch keine Patienten durch warme Flure gehen.
Weniger Öl, weniger Emissionen
Im Vergleich zu einer Beheizung mit Heizöl sollen je Heizperiode etwa 600.000 Liter Heizöl eingespart werden. Das entspricht rund 1.240 Tonnen CO₂ beziehungsweise etwa 78 Prozent der CO₂-Emissionen, die bei der Heizölvariante anfallen würden. Weil zugleich die Heizkosten sinken sollen, dürfte sich die Fernwärmelösung schon während der Bauphase wirtschaftlich rechnen.
Das Wärmenetz entlang der Europastraße und der Dr.-Karl-Lenz-Straße ist bis zum Klinikstandort vollständig in Betrieb. Die frühe Versorgung kommt den Arbeiten gerade in den kalten Monaten zugute. Wenn draußen der Wind über das Baufeld zieht und Maschinen früh am Morgen anlaufen, ist eine verlässliche Bauheizung schließlich kein Luxus.
Der geplante Gesundheitscampus entsteht am Autobahnkreuz im Norden Memmingens. Das Klinikum Memmingen plant den Neubau gemeinsam mit den Bezirkskliniken Schwaben und will ihn nach modernen Nachhaltigkeitskriterien errichten. Bereits am 22. April 2026 war der Anschluss an das Fernwärmenetz der e-con AG als Teil der Wärmeplanung vorgesehen.
Fernwärme bleibt auch nach dem Bau
Mit der Fertigstellung des Klinikneubaus endet die Nutzung des Anschlusses nicht. Vereinbart ist eine Anschlussleistung von 3.870 Kilowatt, im Regelbetrieb wird eine Leistung von etwa 1.200 Kilowatt erwartet. Damit kann der gesamte Wärmebedarf des Klinikums über das Fernwärmenetz gedeckt werden.
Zusätzlich erhält das Klinikum eine eigene Energiezentrale. Die Fernwärme soll künftig vor allem Leistungsspitzen abfangen und als zusätzliche Absicherung dienen. Fällt die klinikeigene Wärmeerzeugung aus, kann sie laut Betreiber die Wärmeversorgung des Klinikums vollständig übernehmen. Das ist die Art von Reserve, über die im Alltag niemand spricht – bis sie einmal gebraucht wird.
Die Stadt Memmingen sieht in der frühzeitigen Nutzung der Infrastruktur einen langfristigen Vorteil für den Klinikstandort. Oberbürgermeister Jan Rothenbacher verwies darauf, dass die neu geschaffene Infrastruktur schon vor der eigentlichen Inbetriebnahme des Klinikums genutzt wird. Die e-con AG baut ihr Fernwärmenetz in der Region weiter aus; künftig sollen auch erneuerbare Wärmequellen wie Biomasse, Umweltwärme und industrielle Abwärme integriert werden. Mit der schrittweisen Dekarbonisierung der Wärmeerzeugung soll der Anteil fossiler Energieträger und damit der CO₂-Ausstoß weiter sinken.
Ein Baustein der Wärmewende
Der Memminger Klinikbau passt damit in einen größeren Umbau der Wärmeversorgung. Die Wärmewende soll Deutschland treibhausgasneutraler, resilienter und sozial gerechter machen. Heizungen werden auf erneuerbare Energien umgestellt, Wärmenetze ausgebaut und Gebäude energetisch saniert. Der Gebäudebestand soll bis 2045 treibhausgasneutral werden. Der Gebäudebetrieb verursacht derzeit rund 35 Prozent des Endenergieverbrauchs und etwa 30 Prozent der CO₂-Emissionen Deutschlands; die Wärmeversorgung macht daran einen großen Anteil aus.
Szenarioanalysen wie die RESCUE-Studie des Umweltbundesamtes zeigen, wie groß der erforderliche Umfang bei Gebäudesanierungen und beim Umstieg auf erneuerbare Energien ist. Rechtliche Grundlagen und Ziele liefern unter anderem Klimaschutzgesetz, Energieeffizienzgesetz und Gebäudeenergiegesetz sowie die EU-Richtlinien RED III, EED und EPBD.
Ein Grundsatz lautet „efficiency first“: Wärme soll nicht unnötig verbraucht werden. Abwärme gehört genutzt, Wärmeverluste der Gebäudehülle müssen sinken. Dämmung an Fassade, Dach und Keller bleibt neben erneuerbaren Heizsystemen eine zentrale Klimaschutzmaßnahme. Auch Keller- und oberste Geschossdecken lassen sich häufig mit vergleichsweise geringem Aufwand dämmen. Gut geplante Sanierungen sind entscheidend, damit das versprochene Einsparpotenzial nicht nur auf dem Papier steht.
Gedämmte Gebäude halten im Sommer Innenräume länger kühl und steigern Behaglichkeit und Lebensqualität. Serielle Sanierungen und Sanierungssprints sollen Bestandsgebäude schneller zu effizienten Nullenergiegebäuden machen. Ein hydraulischer Abgleich verteilt die Wärme gleichmäßiger und verbessert die Effizienz. Qualitätssicherung, Monitoring und realitätsnahe Berechnungen helfen zu prüfen, ob die erwarteten Einsparungen tatsächlich eintreten.
Höhere Energieeffizienz erhöht zwar den Anteil des Herstellungsaufwands an der Lebenszyklusbilanz, senkt aber insgesamt die Treibhausgasemissionen. Digitalisierung, Energiemonitoring und Gebäudeautomation erleichtern Messung, Analyse und Steuerung des Wärmeverbrauchs. Verständliche Heizkostenabrechnungen und monatliche Verbrauchsinformationen können zusätzlich dazu beitragen, dass sparsamer geheizt wird.
Netze, erneuerbare Quellen und Alltag
Wärmequellen unterscheiden sich bei technischer Erschließbarkeit, geografischer Verfügbarkeit und Nutzungseffizienz. Unsichere Verfügbarkeiten fossiler Brennstoffe – unter anderem infolge der Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine – zeigen das Risiko einer starken Abhängigkeit von Gas und Öl. Bis zum vollständigen fossilen Ausstieg soll diese Abhängigkeit sinken. Treibhausgasneutrale, verlässliche, kostengünstige und risikoarme Wärmequellen sind gefragt; laut Umweltbundesamt können dies ausschließlich erneuerbare Energien gewährleisten.
Wärmepumpen gewinnen an Bedeutung. Sie erzeugen Wärme ohne Brennstoffe, indem sie Strom und Umgebungswärme nutzen. Wasserstoff gilt im Gebäudebestand dagegen nicht als aussichtsreiche Lösung, weil er gegenüber brennstofffreien Alternativen weniger energieeffizient und mittel- bis langfristig teurer ist.
Wärmenetze können Abwärme und Wärmerückgewinnung aus Industrieanlagen oder Rechenzentren nutzbar machen. Großwärmepumpen an Kläranlagen oder Flüssen könnten ganze Stadtteile versorgen. Für Hauseigentümer liegt ein weiterer Vorteil darin, dass nicht in jedem Gebäude eine eigene Anlage installiert und deren Dekarbonisierung selbst organisiert werden muss.
Die Technik allein erledigt die Sache allerdings nicht. Alltagsverhalten, Wartung und die korrekte Bedienung der Gebäudetechnik beeinflussen Verbrauch und Kosten. Bewohnende, Facility Manager und andere Nutzende brauchen dafür gezielte Kenntnisse. Ein intensiveres Energiemanagement und ein sparsamer Gebäudebetrieb könnten Einsparungen von bis zu 30 Prozent ermöglichen.
Auch die Wohnfläche pro Kopf spielt eine erhebliche Rolle. Ihr Anstieg hat Fortschritte bei der energetischen Sanierung teilweise ausgeglichen. Wenn Kinder oder Partner ausziehen, können Umzüge, Umbauten oder zusätzliche Mitbewohnende die Wohnfläche wieder an den Bedarf anpassen. Eine spätere Teilung oder Umnutzung sollte schon bei der Bauplanung mitgedacht werden. Förderprogramme für Umzüge und Untervermietungen könnten wenig genutzte Wohnungen und übergroße Wohnflächen reduzieren. Die Suffizienz-Strategie reicht dabei über individuelles Verhalten hinaus: Politik soll Rahmenbedingungen schaffen, die klimafreundliches Handeln erleichtern und zur Standardoption machen.
Akzeptanz entscheidet vor Ort
Ausreichend beheizte Wohn- und Arbeitsräume sind Voraussetzung für ein gesundes Leben. Hohe Energiepreise, ein schlechter energetischer Gebäudezustand und geringes Einkommen können jedoch dazu führen, dass Haushalte nicht angemessen heizen oder überproportional hohe Kosten tragen. Solche Menschen werden als energiearm oder vulnerabel bezeichnet. Soziale Klimapolitik soll ihnen ermöglichen, den fossilen Energiebedarf zu reduzieren.
Energetische Modernisierung muss deshalb so gestaltet werden, dass auch finanziell und sozial benachteiligte Menschen profitieren und soziale Härten ausbleiben. Mietende haben bei Sanierungen häufig nur begrenzte Entscheidungsbefugnisse. Die Kostenverteilung zwischen Mietenden und Vermietenden soll Investitionen anreizen und zugleich sozialverträglich bleiben. Das gilt ebenso für soziale Einrichtungen, kommunale Gebäude und Bildungseinrichtungen.
