Niedersachsen rüstet seine Deiche für Sturmfluten und steigenden Meeresspiegel
An der niedersächsischen Nordseeküste beginnt die Sturmflutsaison. Üblicherweise dauert sie von Oktober bis März. Für die Küstenschützer heißt das: Die letzten Bauarbeiten an Deichen und anderen Anlagen laufen aus, denn für viele Vorhaben bleibt nur das begrenzte Bauzeitenfenster im Sommerhalbjahr.
Mehr als 600 Kilometer Deichlinie schützen Niedersachsen vor Sturmfluten und Hochwasser. Hinter den Deichen zwischen Ems und Elbe leben mehr als eine Million Menschen. Nach Angaben des Umweltministeriums schützen Deiche und Küstenschutzanlagen sogar mehr als 1,1 Millionen Menschen sowie Vermögenswerte von rund 200 Milliarden Euro.
Endspurt an Deichen und Schleusen
Das Niedersächsische Landesamt für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) teilte mit, dass die Küstenschutzprojekte auf dem ostfriesischen Festland überwiegend planmäßig vorangekommen seien. Für den Küstenschutz auf den Inseln ist das NLWKN zuständig, auf dem Festland sind die Deichverbände verantwortlich.
Umweltminister Christian Meyer besucht eine abgeschlossene Deichbaustelle zwischen Upleward und Manslagt in der Krummhörn. Dort wurde der Deich seit 2019 auf einer Länge von mehr als vier Kilometern verstärkt und erhöht. Der zuvor in den 1970er Jahren ausgebaute Deich war rund 7,80 Meter über dem Meeresspiegel hoch und nach aktuellen Berechnungen bis zu 1,50 Meter zu niedrig. Laut Deichacht Krummhörn kostete die Ertüchtigung rund 30 Millionen Euro.
In Harlesiel im Landkreis Friesland begann der Umbau einer Schleuse, die Teil der Deichlinie ist. Die Schleusenwände wurden erhöht, neue Tore eingebaut. Im kommenden Jahr sollen die Arbeiten fortgesetzt werden. Nördlich von Wilhelmshaven laufen unterdessen Betonage- und Straßenbauarbeiten am Voslapper Seedeich. Bis Mitte Oktober soll dort der vorletzte Abschnitt der Deckwerkserneuerung fertiggestellt werden; die gesamte langjährige Baumaßnahme soll im kommenden Jahr abgeschlossen werden.
In der Leybucht im Landkreis Aurich wurde an der Renaturierung von Salzwiesen im Deichvorland gearbeitet. Das dabei anfallende Bodenmaterial soll später für Deichbaumaßnahmen auf Norderney und Juist verwendet werden. Auf den Inseln selbst gab es in diesem Jahr keine großen Küstenschutzbaustellen. Deiche, Schutzdünen und Bauwerke werden dort trotzdem fortlaufend instand gehalten.
Eine Verzögerung betrifft die Erneuerung des Deckwerks an der Westseite von Leyhörn bei Greetsiel. Wegen Nachprüfungen in einem europaweiten Vergabeverfahren konnte der Auftrag erst verspätet vergeben werden. Für die Bausaison 2026 war ein Baubeginn dadurch nicht mehr möglich. Die Erneuerung soll ab April 2027 erfolgen.
Mehr Geld, mehr Vorsorge
Für Küsten- und Inselschutz waren 2026 rund 86 Millionen Euro vorgesehen – laut Umweltministerium erneut eine Rekordsumme. 2025 waren es rund 81 Millionen Euro, 2024 rund 79 Millionen Euro. Küstenschutz wird als Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern finanziert: Der Bund trägt 70 Prozent der Investitionskosten, das jeweilige Land 30 Prozent.
Zusätzlich stehen 2026 insgesamt rund 124 Millionen Euro für den Hochwasser- und Küstenschutz bereit. Landesweit sollen mehr als 280 Maßnahmen umgesetzt, geplant oder fortgeführt werden. Das Sondervermögen für Hochwasser- und Küstenschutz wurde für die kommenden Jahre um 254 Millionen Euro erhöht. Der NLWKN bekam zusätzliches Personal, vor allem, um Genehmigungen und weitere Aufgaben schneller zu bearbeiten. Auch Kommunen sollen nach dem neuen Klimagesetz dauerhaft finanziell bei der Anpassung an Klimafolgen unterstützt werden.
Die Klimakrise führt laut Umweltministerium zu häufigeren Extremwetterlagen, Starkregen und Hochwasser. Gleichzeitig steigt der Meeresspiegel und belastet die Küstenschutzanlagen. Niedersachsen bereitet deshalb die Erhöhung seiner 617 Kilometer Küste um mindestens einen Meter vor; perspektivisch wird ein Vorsorgemaß von zwei Metern berücksichtigt. Neue fachliche Grundlagen und aktualisierte Berechnungen der Bemessungswasserstände führen entlang großer Teile der Hauptdeichlinie zu zusätzlichem Bedarf.
Für 2026 stehen rund 82 Millionen Euro für knapp 160 Küstenschutzmaßnahmen bereit. Vorrang haben unaufschiebbare Vorhaben bei konkreter Gefährdung von Deichen oder Schutzdünen, Maßnahmen zur Bestandserhaltung der Ostfriesischen Inseln und die Fortführung bereits begonnener Projekte. Rund 10 Millionen Euro sind für 21 Maßnahmen des staatlichen Küstenschutzes auf dem Festland vorgesehen, rund 6 Millionen Euro für 24 Vorhaben auf den Inseln. Die Deichverbände sollen rund 63,6 Millionen Euro für 112 Maßnahmen erhalten – 4,5 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Für planerische Vorarbeiten und Reserven kommen 2,4 Millionen Euro hinzu.
Zu den größeren Vorhaben gehören Maßnahmen in Winsen an der Luhe, an der Elbe bei Krautsand, in Ostendorf-Gräpel und am Dedesdorfer Siel. Außerdem geht es um die Erneuerung der Deckwerke am Voslapper Seedeich und in Leyhörn, die Ertüchtigung des Deiches zwischen Upleward und Manslagt sowie die Deicherhöhung in Harlesiel einschließlich Siel- und Schöpfwerk. Auf Juist werden Deicherhöhungen durch Planungen und Kleigewinnung vorbereitet. Die vollständige Übersicht steht in den Bau- und Finanzierungsprogrammen für 2026.
Auch im Binnenland wird gebaut
Der Hochwasserschutz endet nicht an der Küste. Für 2026 stehen rund 42 Millionen Euro für mehr als 120 Hochwasserschutzvorhaben im Binnenland bereit. Verbände, Kommunen und das Land führen Maßnahmen fort oder beginnen neue Projekte. Grundlage der Auswahl waren Bedarfsanmeldungen aus dem Jahr 2025 und die Dringlichkeit der Vorhaben.
Schwerpunkte sind die Grundinstandsetzung von Schöpfwerken, unter anderem in den Landkreisen Stade, Cuxhaven und Heidekreis, außerdem Deichbau und Deichverstärkungen in den Landkreisen Diepholz, Lüneburg, Friesland und Wittmund. Hinzu kommen Vorarbeiten und Planungen für spätere größere Bauprojekte.
Vorgesehen sind unter anderem der Neubau eines Hochwasserabschlags an der Gehobenen Hase im Landkreis Osnabrück, das Hochwasserschutzkonzept Schede in Hann. Münden und der Hochwasserschutz Silbernkamp in Neustadt am Rübenberge. Geplant oder fortgeführt werden außerdem die Deichrückverlegung „Vitico“ im Gebiet des Artlenburger Deichverbandes sowie die Erneuerung der elektrotechnischen Ausrüstung des Hochwasserrückhaltebeckens Haaren-Wasseracht.
Die Deichrückverlegung und Auenentwicklung in Stuhr soll rund 14 Millionen Euro kosten. Sie soll den Hochwasserschutz verbessern, Retentionsräume schaffen und die ökologische Vielfalt stärken. Finanziert wird unter anderem über das EU-Programm ELER, das Bundesprogramm GAK einschließlich Landes-Kofinanzierung und zusätzliche Landesmittel aus dem Wirtschaftsförderfonds „Ökologischer Bereich“. Aus diesem Fonds fließen zusätzlich 20 Millionen Euro in die Sanierung und Grundinstandsetzung von Siel- und Schöpfwerken.
Der NLWKN will in der zweiten Jahreshälfte 2026 einen „Generalplan Siel- und Schöpfwerke“ fertigstellen. In der Förderplanung wird auch Ende 2026 als Zeitpunkt genannt. Auf dieser Grundlage ist eine neue Förderung vorgesehen. Verfahren sollen beschleunigt werden; das neue Wassergesetz soll Küsten- und Hochwasserschutzmaßnahmen einen öffentlichen Vorrang geben. Für 2026 wurden erstmals beide Programme – Küstenschutz und Hochwasserschutz im Binnenland – frühzeitig fertiggestellt.
Deichschauen vor der Winterzeit
Ob die Deiche sturmflutsicher sind, wird bei den sogenannten Deichschauen überprüft. Am Festland sind dafür mehr als 20 Deichverbände beziehungsweise Deichachten zuständig. Experten der Deichachten, der Kommunen und des NLWKN kontrollieren den Zustand der Anlagen. Bislang fanden nur einige Deichschauen statt; das NLWKN erwartet, dass die Deiche den zu erwartenden Sturmfluten standhalten. Auf den Inseln werden Deiche und Dünen ebenfalls überprüft. Dort geht das Landesamt bereits von Sturmflutsicherheit für das kommende Winterhalbjahr aus.
Deichverbände fordern seit längerer Zeit höhere Investitionen in den Küsten- und Hochwasserschutz. Der Druck wächst auch deshalb, weil der Meeresspiegel steigt und Starkregenlagen häufiger werden. Niedersachsen erhöht seinen Einsatz für Küsten- und Hoch
