Von Tullas gerader Elz zum Fluss mit eigenem Willen
Wenn die Elz heute ruhig durch die Landschaft zieht, ist kaum vorstellbar, wie ungestüm und eigensinnig sie früher unterwegs war. Vor ihrer Begradigung im 19. Jahrhundert und der Verlegung in ein festes Flussbett mäanderte der Schwarzwaldfluss durch die Region. Inzwischen bekommt er an verschiedenen Stellen wieder mehr Raum.
Genau davon erzählt der ehemalige Flussmeister Bernhard Walser in seinem Vortrag „Flussbaugeschichten der Elz“. Im März hatte er bereits über die Entwicklung des Flusses von der Zeit Johann Gottfried Tullas bis heute berichtet. Der Andrang war damals so groß, dass nicht alle Interessierten in den Schlosskeller eingelassen werden konnten; der Schlosskellerverein führte eine Warteliste. Nun wird der Vortrag wiederholt: am 20.10. um 19 Uhr im Schlosskeller Emmendingen.
Von der wilden Elz zum festen Flussbett
Walser nimmt die vergangenen 200 Jahre in den Blick – eine Zeit, in der sich das Verhältnis zum Wasser mehrfach gedreht hat. Unter Johann Gottfried Tulla (1770–1828) wurde die Elz aus ihrem früher mäandrierenden Verlauf in ein trapezförmiges Flussbett gezwängt. Deiche, Steinpflasterungen und Sohlschwellen sollten den häufig ungestümen Fluss bändigen und begradigen.
1816 wurden Elz und Dreisam in den staatlichen Flussbauverband des Großherzogtums Baden aufgenommen. Ein Durchstich bei Buchholz folgte 1821, jener bei Kollmarsreute wurde zwischen 1825 und 1830 angelegt. Wasserbau war damals vor allem Ordnung, Kontrolle und Schutz – und natürlich der Versuch, Land zu gewinnen.
Fast 200 Jahre nach der Begradigung begann zwischen Köndringen und Riegel die Renaturierung. Auf einer Länge von 1,3 Kilometern wurde der Deich zurückverlegt. Bahn und Land investierten dafür mehr als zehn Millionen Euro; das Vorhaben dient als Ausgleichsmaßnahme für den Bahnausbau. Ziel des Modellprojekts ist, den natürlichen Zustand der Elz wiederherzustellen. Sie kann sich dort nun wieder eigenständig durch ihr neu angelegtes, renaturiertes Bett bewegen.
Tulla und die große Ordnung am Wasser
Johann Gottfried Tulla wurde am 20. März 1770 in Karlsruhe als Sohn eines Pfarrers geboren und wuchs sechs Jahre in Remchingen auf. Seine Familie hatte holländische Vorfahren. Von 1792 bis 1794 wurde er bei Karl Christian von Langsdorf ausgebildet, 1795 studierte er in Freiberg in Sachsen Chemie und Mineralogie. Danach trat er in den badischen Staatsdienst ein.
Für seine Weiterbildung ging Tulla 1801 nach Paris. Er verbesserte dort seine Französischkenntnisse, studierte an der École Polytechnique und erhielt Impulse für seine späteren Arbeiten. Das 1795 in Frankreich eingeführte Dezimalsystem diente ihm als Vorbild; auf seine Anregung wurde es mit Änderungen in Baden übernommen. 1803 wurde Tulla zum Hauptmann ernannt. Ab 1807 arbeitete er in der Schweiz an der Regulierung der Linth und beteiligte sich im selben Jahr an der Gründung der badischen Ingenieursschule. Aus dieser entwickelte sich später die Universität Karlsruhe und schließlich das heutige Karlsruher Institut für Technologie, das KIT.
Weitere Beförderungen folgten: 1809 wurde Tulla Major, 1814 Oberstleutnant. 1817 übernahm er die Leitung der badischen Oberdirektion des Wasser- und Straßenbaues. In dieser Funktion erstellte er Pläne für die Begradigung der Dreisam bei Freiburg, die zwischen 1817 und 1842 umgesetzt wurde und neue landwirtschaftliche Flächen erschloss. Seine bedeutendste Ingenieurleistung waren jedoch die seit 1809 vorgelegten Pläne zur Begradigung des Rheins. Tulla verfügte über die politischen und sprachlichen Voraussetzungen, um die Anliegerstaaten von den geplanten Maßnahmen zu überzeugen.
Der Rhein wurde auf ein Flussbett von etwa 200 bis 250 Metern eingeengt, begradigt und vertieft sowie durch Dämme umgeleitet und befestigt. Dahinter standen mehrere Ziele: Siedlungen sollten vor häufigen Überschwemmungen geschützt, neue Siedlungs- und Landwirtschaftsflächen gewonnen und die Schifffahrt verbessert werden. Auch Krankheiten wie Malaria, damals „Sumpffieber“ genannt, sollten eingedämmt werden.
Die Eingriffe veränderten die Landschaft tiefgreifend. Es entstanden neue Landschaften, darunter Trockenauen am östlichen Oberrheinufer, die heute teilweise Naturschutzgebiete sind. Vieles, was einst als technische Lösung galt, wird inzwischen mit anderem Blick betrachtet. Bei der Elz zeigt sich das sehr anschaulich: Der Fluss darf wieder ein Stück weit selbst entscheiden, wo er entlangwill.
Ein Leben zwischen Baukunst und Beschwerden
Tulla starb am 27. März 1828 in Paris an den Folgen chronischer Beschwerden durch Blasensteine. Zur Behandlung suchte er den Spezialisten Jean Civiale auf, der eine mechanische Zerkleinerung von Blasensteinen entwickelt hatte. Die über mehrere Wochen durchgeführten Operationen führten nach einer plötzlichen Schwächung seines Immunsystems zu seinem Tod. Seit Mitte der 1820er Jahre litt Tulla außerdem an chronischen rheumatischen Beschwerden.
Beigesetzt wurde er auf dem Pariser Friedhof Montmartre; die badische Landesregierung erwarb die Grabstelle „auf ewig“. Sein Grabstein zeigt das „Altriper Eck“, einen technisch schwierigen Abschnitt der Rheinbegradigung bei Altrip südlich von Mannheim. Auf dem Stein wird Tulla mit den französischen Vornamen Jean Godefroy bezeichnet. Das Grab befindet sich in Sektion 26, erste Gräberlinie, Grabnummer 45.
1827 war Tulla in Frankreich zum Offizier der Ehrenlegion ernannt worden. Kurz vor seinem Tod verlieh ihm der badische Großherzog Ludwig den Rang eines Ritters des Ordens vom Zähringer Löwen. Sein Name blieb außerdem im Alltag hängen: Straßen nach Tulla gibt es unter anderem in Bad Säckingen, Weil am Rhein, Lörrach, Freiburg, Karlsruhe, Bietigheim und Heidelberg. Mehrere Schulen tragen seinen Namen, darunter Einrichtungen in Mannheim, Karlsruhe, Rastatt, Kehl und Freiburg.
Am Rhein bei Karlsruhe zwischen dem Rheinhafen und Maxau steht ein Tulladenkmal. In Breisach wurde 1874 zu seinen Ehren der Tullaturm auf dem Münsterberg errichtet; heute dient er als Kulisse der Freilichtbühne Festspiele Breisach. Über Tulla erschienen zahlreiche biografische, historische und technische Veröffentlichungen. Sein Leben und die Rheinbegradigung wurden außerdem in mehreren Dokumentarfilmen und einem Doku-Drama behandelt.
Vortrag im Schlosskeller
Der Abend in Emmendingen wird vom Schlosskellerverein, der Hachbergbibliothek Emmendingen und der Klimafit-Initiative Emmendingen veranstaltet. Der Vortrag gehört zu einer Veranstaltungsreihe des Regio-Wasserbündnisses, das unter anderem vom ClimateHub Landkreis Emmendingen mitgegründet und unterstützt wurde.
Wer damals auf der Warteliste stand oder den Abend schlicht verpasst hat, bekommt nun eine zweite Gelegenheit. Ansprechpartnerin für Informationen ist Ute Sladek. Heute ist der 17.10.2026 – bis zum 20.10. bleibt also nicht viel Zeit, den Kalender zu prüfen.
