Beim Bosch-Konzern wird derzeit an mehreren Stellschrauben gleichzeitig gedreht. Der 140 Jahre alte Technologiekonzern soll schneller, entscheidungsfreudiger und offener für neue Geschäfte werden. Bosch-Chef Christian Fischer spricht von einem „verbesserten Betriebssystem“ für das Unternehmen. Sein Leitmotiv: „Discuss, Decide, Do“.

Der Anlass ist nüchtern: Das Automobilgeschäft wächst bei den weltweiten Produktionsstückzahlen nicht mehr. Fischer rechnet mit rund 90 Millionen Fahrzeugen jährlich. Auch die Hausgerätemärkte in Nordamerika, Europa und China gelten weitgehend als gesättigt. Wachstum sieht Bosch vor allem in der Gebäude- und Energietechnik; das Industriegeschäft erhole sich.

Neue Felder, kleinere Chancen

Bosch untersucht derzeit 120 mögliche Suchfelder – darunter Robotik, Medizintechnik und Quantentechnologie. Bis Mitte 2027 sollen daraus acht strategische Zukunftsfelder entstehen. Die Leitfrage reicht weit voraus: Wie soll Bosch im Jahr 2036, zum 150. Unternehmensjubiläum, aufgestellt sein?

Fischer beschreibt drei Schritte. Erstens müssen die Kapazitäten an die gesunkene Nachfrage angepasst werden, besonders im europäischen Automobilgeschäft. Zweitens sollen bestehende Bereiche besser ausgeschöpft und Innovationen schneller auf den Markt gebracht werden. Drittens will Bosch neue Zukunftsfelder mit eigenen Entwicklungen und gezielten Übernahmen erschließen.

Dabei verändert sich auch der Blick auf die Größe eines Geschäfts. Bislang verfolgte Bosch neue Aktivitäten meist erst ab einem erwarteten Umsatzpotenzial von mindestens einer Milliarde Euro. Künftig können auch Bereiche mit beispielsweise 200 Millionen Euro Umsatz und zehn Prozent Rendite interessant sein. Eine spezialisierte Einheit soll solche Geschäfte gezielt und agil aufbauen.

Mehr Tempo bedeutet allerdings auch mehr Fehlversuche. Bosch solle Fehler nicht länger um jeden Preis vermeiden, sagt Fischer. Schnellere Entscheidungen würden zwangsläufig Fehler verursachen. Als Sofortmaßnahme erhöht der Konzern die Wertgrenzen für zustimmungspflichtige Geschäfte um 50 Prozent.

Die operativen Geschäftsbereiche sollen mehr unternehmerische Freiheit bekommen. Das Zusammenspiel von Konzernzentrale und Geschäftsbereichen wird neu geordnet. Synergien sollen nicht mehr überbetont werden: Automotive, Hausgeräte und Gebäudetechnik haben unterschiedliche Kunden, Geschwindigkeiten und Qualitätsanforderungen.

100 Millionen Euro für deutsche Deep-Tech-Ideen

Ein sichtbares Signal setzt Bosch mit einem neuen Venture-Capital-Fonds über 100 Millionen Euro. Das Geld ist für deutsche Start-ups vorgesehen, vor allem für Deeptech und Technologien, die ganze Branchen verändern könnten. Der Fonds „Spark“ startet am 1. Januar 2027 und richtet sich an Deep-Tech-Start-ups in allen Entwicklungsphasen.

Geplant sind Seed- und Frühphaseninvestments ebenso wie die Begleitung erfolgreicher Portfoliounternehmen in späteren Finanzierungsrunden. Investiert werden soll bundesweit, mit zusätzlichem Fokus auf Start-ups aus Baden-Württemberg. „Spark“ ergänzt die globalen Investmentplattformen von Bosch Ventures um ein eigenständiges Finanzierungsangebot für deutsche Gründungen.

Fischer hält die deutsche Start-up-Landschaft für gereift. Bosch beschreibt den Standort als technologisch breit aufgestellt, mit starken industriellen und wissenschaftlichen Grundlagen. Dieses Innovationsökosystem biete auch im derzeit anspruchsvollen Marktumfeld gute Voraussetzungen für Investitionen. Bosch gehört zu den größten Unternehmensinvestoren Europas und hat über bestehende Fonds weltweit bereits mehr als eine Milliarde Euro Wagniskapital bereitgestellt. Bosch Ventures legte 2025 seinen sechsten Fonds auf.

Seit der Gründung im Jahr 2007 investierte Bosch Ventures in weit mehr als 100 Start-ups, derzeit umfasst das Portfolio rund 70 aktive Beteiligungen. Zu den deutschen Beteiligungen gehören Ferroelectric Memory aus Dresden für Speichertechnologien, Qdrant aus Berlin für Vektor-Datenbanken und 4screen aus München für digitale Mobilitätslösungen.

Die weltweiten Schwerpunkte reichen von Automatisierung und Elektrifizierung über Künstliche Intelligenz bis zur Medizintechnik. Bosch Ventures investiert in Technologien, die zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen können. Durch die Zusammenarbeit mit etablierten Unternehmen sollen Lösungen schneller entstehen und effizienter werden. Der Spark-Fonds soll solche Kooperationen fördern und deutschen Start-up-Technologien den Weg in internationale Märkte erleichtern.

Ein Teil dieser Verbindung läuft bereits über „Open Bosch“. Seit 2018 bringt das Programm junge Unternehmen frühzeitig mit operativen Bosch-Geschäftseinheiten zusammen. Start-ups können Zulieferer, Kunde oder Technologiepartner werden und auf die Industrieexpertise des Konzerns zugreifen. Mehrere hundert Partnerschaften bestehen bereits, mehr als ein Viertel davon mit deutschen Unternehmen.

Daneben entwickelt Bosch als Corporate Venture Builder eigene Geschäftsideen außerhalb des bisherigen Kerngeschäfts. Diese sollen systematisch bis zur Marktreife geführt und für neue Geschäftsmodelle genutzt werden. Das klingt nach viel Werkbank und wenig Hochglanz – genau dort dürfte es für einen Konzern dieser Größe interessant werden.

Von Halbleitern bis Wohnungsbau

Bei Halbleitern verfügt Bosch über drei eigene Werke und eine zehnprozentige Beteiligung an ESMC in Dresden im Wert von 500 Millionen Euro. Weitere Investitionen seien möglich, müssten aber mit Rating, Kapitalallokation und Risikoprofil vereinbar sein. Der Personalabbau in Europa verursacht laut Fischer Kosten in Milliardenhöhe und begrenzt damit die verfügbaren Investitionsmittel.

Im Konzern gilt weiterhin eine durchschnittliche Zielrendite von sieben Prozent. Einige Geschäftsbereiche erzielen zweistellige Renditen, andere liegen nur beim Break-even. In der Elektromobilität investiert Bosch trotzdem weiterhin umfangreich vorab.

Den Verkauf des Hausgerätegeschäfts lehnt Fischer nicht ausdrücklich ab. Er verweist jedoch auf die starke Position: Bosch ist Marktführer in Europa und verfügt über eine Serviceorganisation mit mehr als 10.000 Technikern. Wachstum ist dort schwierig, aber eine solche Struktur verschwindet nicht einfach von heute auf morgen.

Auch der Wohnungsbau steht auf der Prüfliste. Seit 1936 besitzt Bosch eine eigene Wohnungsbaugesellschaft mit rund 2.500 Wohnungen in Deutschland. Anders als andere Unternehmen hat Bosch diesen Bestand nicht verkauft. Nun wird geprüft, ob zusätzlicher Wohnraum für Beschäftigte geschaffen und damit zugleich ein Beitrag zur Gesellschaft geleistet werden kann. Wohnungsbau ist bei Bosch also kein neues Randthema, sondern reicht tief in die Unternehmensgeschichte zurück.

Arbeitsplätze, Standorte und der Blick nach Indien

Der Personalabbau in Deutschland umfasst laut Artikel mehr als 20.000 Stellen. Fischer erwartet, dass der Anpassungsprozess der europäischen Autoindustrie weitergeht. Er fordert eine wettbewerbsfähigere deutsche Autoindustrie und mehr Flexibilität bei Arbeitszeiten und Kapazitäten. Auch über den hohen Krankenstand in Deutschland müsse offen und sachlich diskutiert werden.

Bei Standortanpassungen sucht Bosch nach Lösungen für Flächen und Beschäftigte. Am Standort Leinfelden soll der Rüstungskonzern Hensoldt Flächen von Bosch mieten; Beschäftigte können sich dort auf neue Stellen bewerben. In Bretten könnte die lokale Produktion von Dunstabzugshauben an einen Partner übergehen.

An der Sozialpartnerschaft und an der Zusammenarbeit mit den Betriebsräten hält Bosch fest. Vereinbarungen auf Standortebene können unter anderem Arbeitszeitreduzierungen oder flexiblere Arbeitszeiten ermöglichen. Das ist weniger spektakulär als ein neuer Fonds, entscheidet im Alltag aber oft darüber, ob ein Umbau halbwegs geordnet läuft.

Trotz aller Veränderungen will Bosch weltweit führender Autozulieferer bleiben. Indien produziert inzwischen rund sechs Millionen Fahrzeuge jährlich, perspektivisch werden acht Millionen erwartet. Bosch ist dort seit mehr als 100 Jahren aktiv und sieht überproportionale Wachstumsmöglichkeiten.

Parallel dazu investiert Bosch über die Tochtergesellschaft Bosch Business Innovations in neue Geschäftsfelder. In den kommenden fünf Jahren sollen rund 200 Millionen Euro fließen, bis 2030 insgesamt 20 neue Ventures entstehen. Die Einheit verbindet technologische Expertise und Patentportfolio des Konzerns mit der Geschwindigkeit und Flexibilität von Start-ups.

Zu den ersten Investitionsfeldern gehören softwaregestützte Fertigung, die Fernüberwachung der Gesundheit sowie Technologien zur Abscheidung, Nutzung und Speicherung von Kohlenstoff, kurz CCUS. Der Ansatz basiert auf Partnerschaften. Bis 2030 sollen 20 erfolgreiche Start-ups operativ tätig sein; Bosch Business Innovations wird damit zu einer weiteren zentralen Säule der Innovation im Konzern.

Erstpublikation des Interviews war am 8. Oktober 2026 um 15:05 Uhr. Heute, am 14. Oktober 2026, steht der Wohnungsbau als Schauplatz sinnbildlich neben Robotik, Halbleitern und Start-ups: ein sehr altes Bosch-Thema – und vielleicht eines der praktischsten.