Am 6. Oktober 2026 sind der ehemalige BND-Präsident August Hanning und sein früherer Büroleiter Manfred D. wegen des Verdachts auf Spionage festgenommen worden. Hanning nahm das Bundeskriminalamt in seinem Haus in Nordwalde bei Münster fest; Manfred D. wurde im nordrhein-westfälischen Kreis Steinfurt festgenommen. Die Angaben zum Festnahmeort Hannings werden von den Ermittlungsbehörden unterschiedlich eingeordnet: Genannt wird auch der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen in Bayern.

Der Generalbundesanwalt ermittelt gegen Hanning wegen landesverräterischer Ausspähung, des Auskundschaftens von Staatsgeheimnissen, versuchten Landesverrats und geheimdienstlicher Agententätigkeit. Gegen D., Hannings früheren Büroleiter, geht es um Beihilfe zum versuchten Landesverrat und zur landesverräterischen Ausspähung. Beide Beschuldigten sollen dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt werden, der über Untersuchungshaft entscheidet. Die Bundesregierung wollte die Festnahmen mit Blick auf die laufenden Ermittlungen nicht kommentieren.

Rund 2.000 Dokumente im Fokus

Manfred D. arbeitete nach Angaben der Ermittler von März 2012 bis März 2026 als Büroleiter für BND-Präsidenten. Auch nach Hannings Ausscheiden aus dem Nachrichtendienst soll er ihn weiter mit Informationen versorgt haben – gegen Geld. Nach Angaben aus den Ermittlungen lief dies mindestens bis 2022; der genaue Zeitraum ist noch nicht geklärt. Die jüngsten gefundenen Dokumente sollen aus dem Juni 2022 stammen.

Rund 2.000 Dokumente sollen D. und Hanning zufolge weitergegeben worden sein. Viele davon waren als Verschlusssachen eingestuft und nur für den internen Gebrauch bestimmt. Darunter befanden sich vielfach Briefings für die wöchentliche „ND-Lage“ im Kanzleramt, bei der sich die Leiter deutscher Sicherheitsbehörden austauschen – Material also, das nicht für den heimischen Schreibtisch eines Sicherheitsberaters gedacht war.

Die Unterlagen sollen unter anderem äußerst sensible Informationen zum iranischen Atomprogramm und zur russischen Armee enthalten haben. Auch Erkenntnisse ausländischer Partnerdienste sollen dabei gewesen sein. Wie D. die Dokumente aus dem gesicherten BND herausbringen konnte, ist offen.

Hanning soll die Informationen für seine Tätigkeit als Berater verwendet haben. In einem Fall soll er daraus eine Sicherheitsanalyse für Mitarbeiter eines ausländischen Nachrichtendienstes erstellt haben. Ob diese Analyse ihre vorgesehenen Empfänger erreichte, ist laut Bundesanwaltschaft unklar. Nach Informationen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung soll es dabei nicht um Russland gegangen sein. In einem weiteren Fall soll Hanning interne BND-Erkenntnisse in der Kommunikation mit einem ausländischen Agenten genutzt haben. Außerdem soll er über Jahre engen Kontakt zu einem Angehörigen eines anderen Nachrichtendienstes gehalten und diesen mit Informationen versorgt haben.

Ermittlungen nach Durchsuchung im Block-Fall

Auf Hanning aufmerksam wurden die Ermittler nach einer Durchsuchung seines Hauses und seiner Büros im September des Vorjahres. Sie stand zunächst im Zusammenhang mit dem Entführungsfall um die Kinder der Hamburger Unternehmerin Christina Block. Bei der Auswertung beschlagnahmter Datenträger fanden die Ermittler offenbar streng geheime BND-Dokumente aus jüngerer Zeit, die Hanning nicht hätte besitzen dürfen. Das LKA Hamburg übergab die sichergestellten Unterlagen anschließend an Bundesbehörden.

Die Staatsanwaltschaft hatte im Herbst 2025 mitgeteilt, Hanning und ein pensionierter LKA-Beamter aus Hamburg stünden im Verdacht, 2022 als Verantwortliche einer Sicherheitsfirma einen Auftrag Blocks zur Kindesentziehung angenommen zu haben. Nach Angaben aus den weiteren Ermittlungen sollen Hanning und der ehemalige LKA-Beamte 2023 außerdem geplant haben, Blocks Ex-Mann mit falschen Pädophilievorwürfen zu diskreditieren. Sie sollen versucht haben, dem Vater eine Festplatte mit kinderpornografischen Bildern und Videos unterzuschieben.

Die Ermittlungen in diesem Zusammenhang dauern an. Hanning wies die Vorwürfe im Fall Block bislang zurück. Die deutsche Tochtergesellschaft eines umstrittenen Schweizer Sicherheitskonzerns, zu dessen Führung Hanning bis Mai des Vorjahres gehörte, war zeitweise im Sorgerechtsstreit zwischen Christina Block und ihrem Ex-Mann eingesetzt worden. Die Ermittlungen rund um diesen Fall führten die Behörden schließlich auf die Spur Hannings und seines Mitarbeiters. Das Spionageverfahren beruht laut Bundesanwaltschaft auf den Funden bei der Durchsuchung.

Ein früherer Chef des deutschen Auslandsnachrichtendienstes

Hanning leitete den BND von 1998 bis November 2005. Zuvor war er Geheimschutzbeauftragter an der westdeutschen Auslandsvertretung in der DDR, Mitarbeiter im Kanzleramt und Koordinator der Nachrichtendienste des Bundes. Ende 2005 wechselte er als Staatssekretär ins Bundesinnenministerium. 2009 wurde er in den einstweiligen Ruhestand versetzt; danach arbeitete er als Unternehmer und Sicherheitsberater in der Privatwirtschaft.

Hanning ist inzwischen 80 Jahre alt. Sollte sich der Verdacht bestätigen, wäre es der erste mutmaßliche Landesverratsfall in Deutschland mit einem ehemaligen BND-Präsidenten. Für den BND wäre es zugleich der zweite schwere Spionagevorfall innerhalb weniger Jahre: Derzeit steht ein ehemaliger BND-Referatsleiter vor dem Berliner Kammergericht, der 2022 gemeinsam mit einem weiteren Beschuldigten für Russland spioniert haben soll. In diesem Verfahren geht es um abgeflossene, streng geheime Erkenntnisse zu Cyberoperationen des BND.

Ein möglicher Abfluss von Informationen aus Partnerdiensten könnte deren Vertrauen in den BND beeinträchtigen. Im Mai 2026 leitete die Bundesanwaltschaft ein verdecktes Verfahren gegen Hanning und seinen mutmaßlichen Zuträger ein. Der BND wurde um eine Stellungnahme gebeten; Hannings Anwälte beantworteten eine Anfrage zunächst nicht. Jetzt liegen die Akten erst einmal bei den Ermittlern – und zwei Beschuldigte sollen erklären, was tatsächlich weitergegeben wurde und wohin.