Paulaner wächst gegen den Biertrend: Wie Spezi, Helles und internationale Märkte die Schörghuber-Gruppe antreiben
Florian Schörghuber ist 31 Jahre alt, Eigentümer der Paulaner-Brauerei und Chef der Münchener Schörghuber-Gruppe. Viel Zeit verbringt er trotzdem nicht nur zwischen Vorstandsbüros, Baustellenplänen und Getränkezahlen. Zum Ausgleich fährt er aufs Land, treibt Sport und trifft Familie und Freunde. Seine Mutter und seine Schwestern arbeiten ebenfalls in Unternehmen der Gruppe.
Das Oktoberfest zeigte heuer wieder, warum ein Volksfest mehr sein kann als ein großer Bierumschlagplatz: Bei sonnig-warmem Wetter wurden 6,7 Millionen Maß verkauft. Für die Schörghuber-Gruppe bedeutet das weniger als 0,5 Prozent des Umsatzes, aber rund 50 Prozent der Markenwirkung. Schörghuber sagt, die Menschen suchten dort Gemeinschaft, analoge Erlebnisse und Unterhaltung. Musik, dichtes Gedränge, der Geruch von gebrannten Mandeln – und eben Bier.
Der Bierkonsum in Deutschland sinkt seit etwa 30 Jahren. Getrunken wird vor allem am Wochenende, häufiger als früher Helles, Weißbier und alkoholfreie Getränke. Die Paulaner-Gruppe wächst trotzdem – in Deutschland, Europa und weltweit. Seit 2022 legte der Umsatz um 40 Prozent zu, für dieses Jahr wird ein zweistelliges Wachstum erwartet. Aus der klassischen Brauereigruppe ist ein Getränkeanbieter geworden. Am Bier hält Schörghuber dennoch fest: Bier und Getränke seien Teil der Unternehmens-DNA.
Mehr Absatz trotz schrumpfendem Markt
Die Zahlen für 2025 passen zu diesem Kurs. Die Paulaner Brauerei Gruppe steigerte ihren Getränkeabsatz trotz rückläufigem Gesamtmarkt von 6,9 auf 7,9 Millionen Hektoliter – ein Plus von 13,8 Prozent. Die Angaben beziehen sich auf die Paulaner Brauerei Gruppe ohne ihre Mehrheitsbeteiligung an der Kulmbacher Brauerei AG. Zuwächse gab es bei Bier, kohlensäurehaltigen Erfrischungsgetränken, im Inland und Ausland sowie bei alkoholischen und alkoholfreien Produkten.
In Deutschland sank der Bierabsatz um 6 Prozent, Paulaner legte dagegen um 4,7 Prozent zu. Paulaner Münchner Hell kam 2025 auf ein Absatzplus von 14,3 Prozent. Zum Helles-Portfolio gehören außerdem Münchner Hell von Hacker-Pschorr und Chiemseer Hell. Das Helles-Segment der Gruppe wuchs um 7 Prozent und gewann 0,9 Prozentpunkte Marktanteil. Zusammen mit Mönchshof Hell aus der Kulmbacher Gruppe, das um 5,2 Prozent zulegte, ist Paulaner damit Marktführer im deutschen Hellbiermarkt. Das Wachstum setzte sich auch im Export fort.
Beim Weißbier war die Ausgangslage härter: Der deutsche Markt schrumpfte 2025 um 6,3 Prozent. Paulaner Weißbier einschließlich alkoholfreier Varianten steigerte den Absatz dennoch um 1,5 Prozent und kam auf 21,2 Prozent Marktanteil. Getrunken wird es in 85 Ländern. Die gesamte Paulaner-Markenfamilie erhöhte ihren Absatz 2025 um 9 Prozent. China wuchs um 23,8 Prozent, Italien um 8 Prozent und Spanien um 7,3 Prozent. Seit 2015 hat die Gruppe ihren Auslandsabsatz nahezu verdoppelt.
Das Exportgeschäft macht inzwischen 36 Prozent des gesamten Bierabsatzes aus, der Anteil stieg um 1,5 Prozentpunkte. Fast die Hälfte des unter der Marke Paulaner gebrauten Biers wird außerhalb Deutschlands verkauft. Das internationale Geschäft wächst auch 2026 erneut zweistellig. Paulaner-Bier soll trotzdem weiterhin in München produziert werden, wenn es im Ausland verkauft wird. In China braut Paulaner gemeinsam mit Tsingtao ein speziell für den chinesischen Markt entwickeltes Bier. China war im vergangenen Jahr mit einem Plus von 24 Prozent der am stärksten wachsende Markt; für 2026 werden dort mehr als 500.000 Hektoliter Absatz erwartet.
Geführt wird die Paulaner Brauerei Gruppe von der Schörghuber Gruppe in einem Joint Venture mit Heineken. Die Zusammenarbeit besteht seit 25 Jahren. Ein 2021 gestartetes Strategie- und Transformationsprojekt sollte Strukturen verschlanken, die Agilität erhöhen und den strategischen Fokus stärken. An Standorten in München, Rosenheim, Donaueschingen, Mossautal, Gotha und Karlsruhe arbeiten Mitarbeitende der Brauereigruppe, dazu kommen mehr als 40 internationale Brauhäuser. International steht die Marke Paulaner für bayerische Braukunst, Qualität und Authentizität. Eine neue Partnerschaft mit Audi in der Formel 1 soll die Reichweite erhöhen.
Spezi, Cola und die neue alkoholfreie Durststrecke
Besonders kräftig wächst Paulaner Spezi. Für 2026 wird ein Plus von 20 Prozent erwartet, Schörghuber nennt einen Marktanteil von 50 Prozent. Jeder dritte deutsche Haushalt kauft inzwischen ein Produkt von Paulaner. Außerhalb Münchens liegen die wichtigsten Absatzmärkte in Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Frankfurt; seit diesem Jahr wird Spezi auch international verkauft. Zahlreiche Veranstaltungen und eine aktive Fan-Community tragen die Marke. Man muss das nicht romantisieren – aber eine Flasche Spezi auf dem Tisch und plötzlich wird aus einer gewöhnlichen Pause ein kleines Ritual.
Innerhalb von zehn Jahren hat Spezi seinen Absatz verzehnfacht. Die Marke ist doppelt so groß wie der nächste Wettbewerber und Marktführer im deutschen Cola-Mix-Segment. Die Spezi-Zero-Variante gewann 2025 zehn Prozent Marktanteil hinzu und wurde ebenfalls Marktführerin. Die neu eingeführten Sorten Orange und Zitrone steigerten ihren Absatz um mehr als 200 Prozent. Paulaner Spezi und die Limonaden machen inzwischen ein Drittel des Gesamtabsatzes der Gruppe aus.
Paulaner Cola erreichte innerhalb von sechs Monaten Platz zwei im deutschen Dosenmarkt und überholte Pepsi in diesem Segment. Ab März 2026 soll Paulaner Cola das Sortiment ergänzen. Für 2026 ist außerdem die Einführung von Paulaner Spezi in Italien, Frankreich, Spanien und der Schweiz geplant. Das alkoholfreie Biersortiment wird angesichts der sinkenden Nachfrage nach alkoholischen Bieren weiter ausgebaut.
Der Trend ist kein Münchner Sonderfall. Alkoholfreie Biere und Biermischgetränke überschritten 2025 im deutschen Handel erstmals 10 Prozent Umsatzanteil. Beim Marktanteil könnte die Zehn-Prozent-Marke noch 2026 erreicht werden. Grundlage sind Angaben des Deutschen Brauer-Bundes und Daten von NielsenIQ. Deutschland ist inzwischen der größte Markt für alkoholfreies Bier in Europa. Rund 1.500 deutsche Brauereien bieten alkoholfreie Marken an, die ebenfalls nach dem Reinheitsgebot gebraut werden.
Pils bleibt mit knapp 50 Prozent Marktanteil die beliebteste Biersorte. Hellbiere liegen mit etwa 12 Prozent auf Platz zwei und wachsen weiter; alkoholfreies Bier erreicht aktuell 9,5 Prozent und steht damit auf Platz drei. Helles gilt als mild, ausgewogen, moderat bitter und breit konsumierbar. Rund 80 Prozent des in Deutschland verkauften Biers werden weiterhin in Mehrwegverpackungen angeboten. Der klassische 20er-Mehrwegkasten kommt auf etwa 50 Prozent Marktanteil, insgesamt liegt die Brauwirtschaft mit knapp 80 Prozent Mehrweganteil über dem im Verpackungsgesetz festgelegten Ziel von 70 Prozent.
Zwischen Arabellahaus und neuen Wohnungen
Für die Schörghuber-Gruppe ist Bier trotzdem nicht das größte Geschäft. Immobilien bleiben das wichtigste Geschäftsfeld. Die Schörghuber-Gruppe wurde 1954 gegründet und wird in dritter Generation als Familienunternehmen geführt. Sie ist in Development, Immobilien, Getränke, Hotels und Seafood tätig; weltweit arbeiten rund 6.600 Menschen für die Gruppe, in den Unternehmen sind es rund 6.700.
In den vergangenen Jahren investierte die Schörghuber Gruppe jährlich rund 200 Millionen Euro in Deutschland. In der Münchner Innenstadt besitzt sie zahlreiche Gebäude, die zunehmend zu Erlebniswelten werden sollen, statt ausschließlich dem klassischen Einzelhandel zu dienen. In weniger guten Innenstadtlagen sieht das Unternehmen allerdings Herausforderungen.
Das große Immobilienvorhaben bleibt die Sanierung des Münchener Arabellahauses. Baubeginn soll 2030 sein, die Fertigstellung ist für 2034 geplant. Ein großer Teil soll aus eigenen Mitteln finanziert werden. Die Kosten könnten sich der Marke von einer Milliarde Euro nähern. Steigende Baukosten und Zinsen bereiten dem Unternehmen Sorgen.
Gemeinsam mit einem weiteren Projektentwickler und der Stadt München baut die Gruppe in Feldmoching 165 Wohnungen. Rund 40 Prozent davon waren seit dem Vermarktungsstart zu Jahresbeginn verkauft. Am Lerchenauer Feld sollen insgesamt 1.600 Wohnungen entstehen. Die Bayerische Hausbau hat in München weitere 2.400 Wohnungen in Planung und gilt laut Schörghuber als größter privater Entwickler der Stadt
